Das Wissen | Archivradio-Gespräch

Die Guillaume-Affäre – Warum Kanzler Brandt über einen DDR-Spion stürzte

Lukas Meyer-Blankenburg im Gespräch mit der Historikerin Daniela Münkel

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Stand

Am 6. Mai 1974 tritt Bundeskanzler Willy Brandt zurück. Wenige Tage zuvor war einer seiner engsten Mitarbeiter im Kanzleramt, Günter Guillaume, als DDR-Spion verhaftet worden.

Die "Affäre Guillaume" gilt als einer der größten Spionage-Skandale der Bundesrepublik. Der nachrichtendienstliche Wert von Guillaume scheint eher gering gewesen zu sein. Und für Honecker und die Stasi war seine Enttarnung – entgegen der DDR-Propaganda – problematisch.

Die Historikerin Daniela Münkel, Leiterin der Forschungsstelle am Stasi-Unterlagen-Archiv, beschäftigt der Fall bis heute.

Vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht begann am 24.6.1975 der Spionageprozeß gegen den früheren Referenten im Bundeskanzleramt Günter Guillaume und dessen Ehefrau Christel

24.4.1974 DDR-Spion Günter Guillaume wird verhaftet

24.4.1974 | Am 24. April 1974 wird der DDR-Agent Günter Guillaume verhaftet, zusammen mit seiner Ehefrau Christel. Er ist zu dem Zeitpunkt Referent im Bundeskanzleramt von Willy Brandt.
Die Nachricht von Guillaumes-Verhaftung ist an dem Tag Gesprächsthema Nummer eins in den Medien und natürlich auch im Bundestag in Bonn. Es wird spekuliert, was Günter Guillaume im Auftrag der DDR ausspioniert haben könnte, wie nah er dem Kanzler stand und welche politische Tragweite der Fall besitzt.
In den folgenden Tagen verlagert sich das Interesse von Medien und Politik immer weiter weg vom DDR-Spion Günter Guillaume und hin zu Bundeskanzler Willy Brandt. Zwei Wochen nach der Verhaftung von Guillaume, am 6. Mai 1974, erklärt Willy Brandt seinen Rücktritt.

Bundeskanzler Willy Brand (SPD) im Juni 1962 im Gespräch mit Egon Bahr (SPD)

24.4.1974 Medienspekulationen um die Spionage-Affäre Guillaume

24.4.1974 | Der enttarnte DDR-Spion Günter Guillaume wird nach seiner Verhaftung am 24. April 1974 immer mehr zum Problem für Bundeskanzler Willy Brandt. Nicht, weil brisante Geheimdokumente auftauchen, sondern weil in den Medien über Affären von Guillaume zu Bonner Sekretärinnen und über mögliche weitere Spione rund ums Kanzleramt gemunkelt wird.
Ein bisschen James Bond in Bonn – die männlichen Journalisten, aber auch Bonner Politiker ergehen sich hörbar süffisant in ihren Spekulationen.

Willy Brandt (SPD, links) sitzt am 7. Mai 1974 am Tisch im Fraktionssaal, neben ihm Herbert Wehner. Auf dem Tisch ein Blumenstrauß. Am Vorabend hatte er beim Bundespräsidenten Gustav Heinemann seinen Rücktritt als Bundeskanzler eingereicht.

8.5.1974 Rundfunkansprache von Ex-Kanzler Willy Brandt zu seinem Rücktritt

8.5.1974 | Weil im Zuge der Guillaume-Affäre um den verhafteten DDR-Spion im Bonner Kanzleramt der politische Druck auf Bundeskanzler Willy Brandt zunimmt und ihm die eigene SPD-Parteiführung die Rückendeckung verweigert, reicht Brandt am Abend des 6. Mai 1974 Bundespräsident Gustav Heinemann seinen Rücktritt ein.
In einer kurzen Ansprache im Rundfunk erklärt er zwei Tage später, am 8. Mai 1974, seine Beweggründe. – Noch Jahre später wird Willy Brandt mit der Entscheidung, zurückgetreten zu sein, hadern. Schon damals hielten viele diesen Schritt nicht für nötig.

Willy Brandt (rechts, SPD) gratuliert am 16. Mai 1974 seinem Nachfolger Helmut Schmidt (SPD), der neuer Bundeskanzler ist

16.5.1974 Helmut Schmidt wird 1974 zum Bundeskanzler gewählt

16.5.1974 | Nachdem Willy Brandt im Zuge der Guillaume-Affäre um einen DDR-Spion im Kanzleramt am 6. Mai 1974 seinen Rücktritt erklärt hat, wird zehn Tage später im Bonner Bundestag sein Nachfolger gewählt.
Helmut Schmidt, der laut eigener Aussage Brandt den Rücktritt noch ausreden wollte, übernimmt am 16. Mai 1974 die Regierungsgeschäfte. Er ist dabei ziemlich nervös, wie im folgenden Beitrag zu hören ist, während sein Vorgänger Brandt den Bundestag allein und schweigsam verlässt.

Günter Guillaume 1993

8.12.1990 DDR-Spion Guillaume bedauert Brandt-Rücktritt

8.12.1990 | Als angeblicher DDR-Flüchtling war Günter Guillaume mit seiner Frau Christel 1956 nach Westdeutschland gekommen. Nach einigen Jahren Partei-Arbeit in der SPD schaffte er es schließlich bis ins Kanzleramt von Willy Brandt. Seine Enttarnung löste den größten Spionage-Skandal der Bundesrepublik aus, in dessen Folge Willy Brandt als Kanzler zurücktrat.
Nachdem Guillaume einen Teil seiner Haftstrafe wegen Landesverrats abgesessen hatte, durfte er bei einem Gefangenen-Austausch 1981 in die DDR zurückreisen.
Am 8. Dezember 1990 erläutert der nunmehr arbeitslose Ex-Agent im Interview sein Bedauern über den Rücktritt Willy Brandts.

Schlange im Notaufnahmelager Marienfelde am 1. September 1958 in West-Berlin. Das Aufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR und Ost-Berlin war 1952  1953 erbaut worden. Ende August 1958 erreichten die Flüchtlingszahlen mit 3.000 Menschen innerhalb von drei Tagen eine neue Rekordhöhe: Blick auf die Reihe von Menschen, die im Notaufnahmelager Marienfelde auf ihre Registrierung warten.

4.9.1958 Willy Brandt über Flüchtlinge aus der DDR

4.9.1958 | Tausende Menschen kehren der DDR bis zum Mauerbau den Rücken. Besonders stark ist der Andrang in den Westberliner Flüchtlingslagern. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt nimmt Stellung.

Protestkundgebung am Schöneberger Rathaus im August 1961 kurz nach dem Mauerbau. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt hält eine Rede.

16.8.1961 Willy Brandt verurteilt Mauerbau – Eine seiner emotionalsten Reden

16.8.1961 | Am 13. August 1961 beginnt in Berlin der Bau der Mauer – nachdem der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 noch behauptet hatte, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten.
Am 16. August findet vor dem Schöneberger Rathaus eine große Protestkundgebung statt. Dort spricht auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt. Es ist eine seiner entschiedensten und emotionalsten Reden. Er macht deutlich: Es geht hier um weit mehr als nur um Berlin. Man dürfe sich das nicht bieten lassen.
Brandt warnt vor weiterer Appeasement-Politik. Denn die Versuche, durch politische Kompromisse und wirtschaftliche Abkommen der DDR-Führung entgegenzukommen, seien offenbar gescheitert und hätten diese nur noch zu weiteren Repressionen ermutigt. Und wer jetzt noch aus dem Westen zur Leipziger Buchmesse reise, solle gleich drübenbleiben.

Willy Brandt 1970

23.1.1970 Brandt will "gleichberechtigte Beziehungen" mit DDR

23.1.1970 | Bundeskanzler Willy Brandt schreibt am 22.1.1970 einen Brief an den Regierungschef der DDR, Willi Stoph. Er bietet darin Gespräche über gegenseitigen Gewaltverzicht und „gleichberechtigte Beziehungen“ an. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Bundesrepublik die DDR nicht als eigenständigen Staat anerkennt. Der Brief ist somit ein weiterer Schritt in Brandts Entspannungspolitik. Was Brandt in seinem Brief genau geschrieben hat, wird erst am folgenden Tag auf einer Pressekonferenz vorgelesen.

Die Verhandlungen zwischen den Staatssekretären Egon Bahr (links) und Dr. Michael Kohl vom DDR-Ministerrat über einen Verkehrsvertrag zwischen beiden Staaten sind am 27.4.1972 in Ost-Berlin erfolgreich abgeschlossen worden.

26.4.1972 Verwandtenbesuche einfacher – Erster Staatsvertrag zwischen DDR und Bundesrepublik

26.4.1972 | Bundeskanzler Willy Brandt sucht die Annäherung auch an die DDR. 1971 schließen beide Staaten ein erstes Transitabkommen, 1972 kommt der erste Staatsvertrag zustande. Bundesbürger dürfen von da an auch in die DDR reisen und Verwandte besuchen, auch mit dem eigenen Auto. Umgekehrt können auch DDR-Bürger jeden Alters in dringenden Familienangelegenheiten in den Westen reisen. Ausgehandelt haben diesen Vertrag Brandts Bundesminister für besondere Angelegenheiten, Egon Bahr, sowie DDR-Staatssekretär Michael Kohl. Nach der Unterzeichnung am 26. April 1972 geben beide eine gemeinsame Pressekonferenz, die vom Rundfunk der DDR übertragen wird.