16.8.1961

Willy Brandt verurteilt Mauerbau – Eine seiner emotionalsten Reden

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Von Autor/in ARD Archivradio

Am 13. August 1961 beginnt in Berlin der Bau der Mauer – nachdem der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 noch behauptet hatte, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus

Am 16. August findet vor dem Schöneberger Rathaus eine große Protestkundgebung statt. Dort spricht auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt. Es ist eine seiner entschiedensten und emotionalsten Reden. Er macht deutlich: Es geht hier um weit mehr als nur um Berlin. Man dürfe sich das nicht bieten lassen.

Brandt warnt vor weiterer Appeasement-Politik. Denn die Versuche, durch politische Kompromisse und wirtschaftliche Abkommen der DDR-Führung entgegenzukommen, seien offenbar gescheitert und hätten diese nur noch zu weiteren Repressionen ermutigt. Und wer jetzt noch aus dem Westen zur Leipziger Buchmesse reise, solle gleich drübenbleiben.

Brandt-Rede ist "Rhetorisches Kunststück"

Der Historiker Stefan Wolle hält die Rede für ein großes rhetorisches Kunststücke, sagte er in SWR2 Wissen:

„Auf der einen Seite findet Willy Brandt in der Situation die richtigen Worte, um die Empörung der deutschen Bevölkerung in Ost und West auszudrücken. Gleichzeitig aber will er nicht Öl ins Feuer gießen.“

Aber ist die Botschaft der Rede nicht auch: Diplomatie und Entgegenkommen bringen nichts? Spricht hier nicht ein anderer Brandt als der Versöhnungspolitiker, als der er später bekannt wird? Aus Sicht von Wolle kein Widerspruch:

„Die Forderungen, die er in seiner Rede im Konkreten stellt, sind ja relativ harmlos: Boykott der Leipziger Messe, Boykott von Sportveranstaltungen. Aber er fordert ja keine militärischen Maßnahmen. Viele haben damals gesagt: Jetzt müssten die Amerikaner ihre Panzer auffahren lassen oder die Mauer wegräumen und so weiter. Aber das fordert ja Willy Brandt überhaupt nicht.“

Weder die Bundesregierung noch die Alliierten wollen weitere Eskalation

Brandt weiß, dass weder die Bundesregierung noch die Alliierten eine weitere Eskalation wollen. „Das war auch die Haltung von Konrad Adenauer übrigens: Wir sollten jetzt nicht versuchen, in irgendeiner Art und Weise die Situation zu verschärfen. Denn über diese ganzen Jahren, das wird heute in unseren friedlichen Zeiten manchmal vergessen, in der ganzen Zeit schwebt über allem die Drohung des Atomkriegs, der nuklearen Selbstvernichtung der Menschheit."

Und weiter: „Brandt weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass die Mauer nur durch eine Politik der kleinen Schritte, wie es dann später genannt wurde, zu beseitigen ist. Und diese Politik war eben zukunftsfähig. Die hat nach 28 Jahren eben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Mauer friedlich verschwunden ist."

Der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht (links), auf der internationalen Pressekonferenz am 15. Juni 1961 im Haus der Ministerien in Ost-Berlin. Hier fiel sein berühmter Satz "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", der nur wenige Wochen später durch den Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 ad absurdum geführt wurde.

15.6.1961 Walter Ulbricht: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

15.6.1961 | Zwei Monate vor dem Mauerbau in Berlin dementiert der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht diese Pläne: Niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Mauerbau am 13. August 1961: Einheiten der Nationalen Volksarmee, der Volkspolizei und der Betriebskampfgruppen riegeln die Sektorengrenze ab. Szene am Brandenburger Tor

13.8.1961 DDR-Nachrichten zum Mauerbau

13.8.1961 | Der Deutschlandsender war das Radioprogramm des Staatlichen Komitees für Rundfunk der DDR. So berichtete es am Tag, als die DDR die Sektorengrenze abriegelte, um zunächst eine Grenze aus Stacheldraht zu ziehen, und schließlich eine Mauer zu bauen.
Im Rundfunk der DDR wurde außerdem die Anweisung des Innenministerium verlesen, die die Grundlage für die Grenzmaßnahmen darstellt.

Drei Volkspolizisten ziehen am Potsdamer Platz hinter einer Sperrkette eine Stacheldrahtbarriere. Im Hintergrund ist die menschenleere Leipziger Straߟe zu sehen. Am frühen Sonntagmorgen des 13. August 1961 wurde unter der Aufsicht von bewaffneten Streitkräften der DDR mit der Errichtung von Straߟensperren aus Stacheldraht und dem Bau einer Mauer begonnen

13.8.1961 Beginn des Mauerbaus in Berlin: Reportagen von der Sektorengrenze

13.8.1961 | Der 13. August 1961 gilt als Beginn des Mauerbaus. Eine Mauer ist an dem Tag allerdings noch nicht zu sehen, aber Stacheldraht: Die DDR riegelt die Sektorengrenze ab.

Ein Mädchen überreicht in Begleitung der Mutter Blumen an einen bewaffneten DDR-Grenzschützer. Original-Pressemeldung des DDR-Nachrichtendienstes ADN auf der Rückseite des Bildes: "Berlin 15.8.61: Berliner Bevölkerung bedankt sich bei den bewaffneten Streitkräften. Ihren Dank für den Schutz ihrer Häuser und für die gründliche Sicherung der Grenzen nach Westberlin drückten zahlreiche Berliner dadurch aus, dass sie den Streitkräften Blumen überreichten. UBz.: Am Kontrollpunkt Heinrich-Heine-Straߟe."

13.8.1961 Die Mauer entsteht – Umfrage unter DDR-Bürgern

13.8.1961 | Am Tag, als die DDR-Regierung die Sektorengrenze abriegelt – die Vorstufe zum Mauerbau – sendet Radio DDR eine Umfrage unter den eigenen Bürgerinnen und Bürgern. Gesendet werden ausschließlich Stimmen, die die Regierung in Ostberlin für die Maßnahmen loben. Sie „hätten schon viel früher“ kommen müssen.

Sowjetische Panzer, deren Geschütze auf den Westsektor gerichtet sind, stehen am 13.8.1961 an der Warschauer Brücke im Ostsektor von Berlin. Der direkte S- und U-Bahnverkehr wurde unterbrochen. An fast allen Grenzübergängen werden Stacheldraht-Sperren errichtet.

14.8.1961 Walter Ulbricht im Gespräch mit Arbeitern und Soldaten

14.8.1961 | Am Tag nach Beginn des Mauerbaus begleitet das DDR-Fernsehen Walter Ulbricht, wie er sich in Ostberlin unters Volk mischt und mit Arbeitern und Soldaten spricht – vorbereitet durch eine überschwängliche Anmoderation.

Mauerbau: Erste Absperrungen mit Stacheldraht am 14. August 1961 in Berlin

14.8.1961 Propagandamusik zum Mauerbau: "Unser schönes Berlin wird sauber sein"

14.8.1961 | Zur DDR-Propaganda gehörte auch Musik. Einen Tag nach Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin sendet Radio DDR am 14. August 1961 einige Lieder, die die Maßnahmen der Regierung als Befreiung und Säuberung Berlins glorifizieren. Den Anfang macht das folgende Stück des Komponisten Walter Kubiczeck. Der Text stammt von Eberhard Fensch. Laut der Ansage im Radio wurden dieses und andere Stücke angeblich innerhalb weniger Stunden geschrieben.
Im Lied ist von den „Kalten Kriegern am Rhein“ die Rede. Dies spielt auf einen Vorwurf an, der in der DDR immer zu hören war, dass es in Bonn Pläne gäbe, die DDR zu annektieren und schließlich die Grenzen von 1939 wieder herzustellen.

15. August 1961: Die DDR-Volkspolizei verstärkt die Stacheldrahtsperre zwischen der sowjetischen und der französischen Zone von Berlin. Schwere Betonplatten werden errichtet, um Ost-Berlin von den Westsektoren abzugrenzen.

Archivradio-Gespräch Der Mauerbau 1961 – Eskalation im Kalten Krieg

Um Mitternacht wird die Sektorengrenze abgeriegelt. Reporter berichten schon in den frühen Morgenstunden von den Bauarbeiten. Zu hören: Aufnahmen aus Ost und West – eingeordnet vom Historiker Dr. Stefan Wolle.

Schlange im Notaufnahmelager Marienfelde am 1. September 1958 in West-Berlin. Das Aufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR und Ost-Berlin war 1952  1953 erbaut worden. Ende August 1958 erreichten die Flüchtlingszahlen mit 3.000 Menschen innerhalb von drei Tagen eine neue Rekordhöhe: Blick auf die Reihe von Menschen, die im Notaufnahmelager Marienfelde auf ihre Registrierung warten.

4.9.1958 Willy Brandt über Flüchtlinge aus der DDR

4.9.1958 | Tausende Menschen kehren der DDR bis zum Mauerbau den Rücken. Besonders stark ist der Andrang in den Westberliner Flüchtlingslagern. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt nimmt Stellung.

Auf dem außerordentlicher Parteitag der SPD in Bad Godesberg, eröffnet am 13. November 1959. wurde eine neues Grundsatzprogramm (Godesberger Programm) mit dem Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus verabschiedet. Blick auf die Delegierten während des Parteitages.

13.11.1959 Willy Brandt wirbt für das „Godesberger Programm“

13.11.1959 | Die SPD gibt sich ein neues Grundsatzprogramm. Sie reformiert sich und ihren Anspruch – weg von der reinen sozialistischen Arbeiterpartei hin zu einer Volkspartei. Wirtschaftspolitisch bekennt sich die Partei jetzt deutlicher zur Marktwirtschaft. „So viel Markt wie möglich, so viel Planung wie nötig“, ist jetzt die Devise. Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin, wirbt für das neue Programm, das zwei Tage später verabschiedet wird. In seiner Rede auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD in Bad Godesberg geht er intensiv auf die Frage eines vielleicht irgendwann wiedervereinigten Deutschlands ein, denn manche in der SPD argumentieren, man solle mit einem neuen Grundsatzprogramm doch bis zu einer Wiedervereinigung warten. Das war wohlgemerkt 1959. Brandt sieht das anders. | http://swr.li/brandt-godesberger-programm

Der der regierende Buergermeister von Berlin, Willy Brandt, im Jahr 1963

25.10.1962 Gefahr für Berlin? Willy Brandt und Konrad Adenauer

25.10.1962 | Die Kuba-Krise warf auch die Frage auf: Was passiert mit Berlin? Willy Brandt hat gute Gründe, sich damit zu befassen, denn bevor die Sowjetunion auf Kuba anfing, Mittelstreckenraketen zu stationieren, stand immer wieder der Status von Berlin im Zentrum des Ost-West-Konflikts. Der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow hatte vergeblich versucht, der Stadt den Viermächte-Status zu entziehen und Berlin in eine vom Westen unabhängige, entmilitarisierte Stadt zu verwandeln – die freilich von der DDR umgeben gewesen wäre. Als sich der Westen trotz Drohungen nicht darauf einließ, wurde 1961 die Mauer gebaut. Kein Wunder also, dass viele Sorgen hatten, dass Berlin auch in der Kuba-Krise erneut zur Verhandlungsmasse zwischen Washington und Moskau werden könnte. Darauf bezieht sich die Rede des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt vor dem Berliner Abgeordnetenhaus am 25. Oktober 1962.
Am 26. Oktober 1962 gibt auch Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Erklärung ab.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, 1963

30.8.1963 Willy Brandt freut sich über Stereophonie

30.8.1963 | Im 40. Jahr seines Bestehens gönnt sich der deutsche Rundfunk eine neue Technik: Die Stereophonie. Vorgestellt wird sie auf der Funkausstellung in Berlin. Der regierende Bürgermeister Willy Brandt hält die Eröffnungsrede und freut sich, dass man jetzt Radio in Stereo hören kann.

Nach der Einführung der Stereophonie dauert es allerdings noch lange, bis sie sich wirklich durchsetzt. Bis zum Ende der 1960er-Jahre können nur 12 Prozent der Hörerschaft Stereoprogramme empfangen. Erst in den 1980er-Jahren werden wirklich alle Radioprogramme durchgängig in Stereo gesendet.

John F. Kennedy in Dallas  Texas am 22. November 1963. Nahaufnahme des US-Präsidenten und seiner Frau Jacqueline sowie des Gouverneurs von Texas, John Connally und seiner Frau. Kurz darauf wurde Präsident Kennedy ermordert.

22.11.1963 John F. Kennedy wird ermordet

22.11.1963 | US-Präsident John F. Kennedy ist im November 1963 auf Wahlkampfreise unterwegs. Mit seiner Wagenkolonne fährt er durch die texanische Stadt Dallas. Er steht aufrecht im offenen Wagen, als mehrere Schüsse auf ihn abgefeuert werden. Einer davon trifft ihn tödlich. Die ganze Welt reagiert schockiert. Unmittelbar nach dem Tod Kennedys wird Vizepräsident Lyndon B. Johnson als Nachfolger vereidigt.
Die Aufnahme enthält mehrere Korrespondentenberichte sowie die Ansprachen von Bundeskanzler Ludwig Erhard und dem Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt.

Bundeskanzler Willy Brandt gibt am 28. Oktober 1969 vor dem Deutschen Bundestag in Bonn eine Regierungserklärung ab.

28.10.1969 Willy Brandt will "Mehr Demokratie wagen"

28.10.1969 | Der neu gewählte Bundeskanzler Willy Brandt sagt in seiner ersten Regierungserklärung, er wolle mehr Demokratie wagen. Das ist auch eine Reaktion auf die Ereignisse von 1968.

Willy Brandt 1970

23.1.1970 Brandt will "gleichberechtigte Beziehungen" mit DDR

23.1.1970 | Bundeskanzler Willy Brandt schreibt am 22.1.1970 einen Brief an den Regierungschef der DDR, Willi Stoph. Er bietet darin Gespräche über gegenseitigen Gewaltverzicht und „gleichberechtigte Beziehungen“ an. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Bundesrepublik die DDR nicht als eigenständigen Staat anerkennt. Der Brief ist somit ein weiterer Schritt in Brandts Entspannungspolitik. Was Brandt in seinem Brief genau geschrieben hat, wird erst am folgenden Tag auf einer Pressekonferenz vorgelesen.

Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau, das den Helden des Ghetto-Aufstandes vom April 1943 gewidmet ist.

7.12.1970 Willy Brandts Kniefall in Warschau – Livereportage

7.12.1970 | Live-Bericht vom Besuch Willy Brandts im Warschauer Getto. Die Kranzniederlegung war geplant. Der Kniefall eine Überraschung. Gemessen daran, wie diese Geste später im Gedächtnis blieb, geht der Moment in der Reportage von Korrespondent Peter Schnell zügig vorbei. Es folgt die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages.

Vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht begann am 24.6.1975 der Spionageprozeß gegen den früheren Referenten im Bundeskanzleramt Günter Guillaume und dessen Ehefrau Christel

24.4.1974 DDR-Spion Günter Guillaume wird verhaftet

24.4.1974 | Am 24. April 1974 wird der DDR-Agent Günter Guillaume verhaftet, zusammen mit seiner Ehefrau Christel. Er ist zu dem Zeitpunkt Referent im Bundeskanzleramt von Willy Brandt.
Die Nachricht von Guillaumes-Verhaftung ist an dem Tag Gesprächsthema Nummer eins in den Medien und natürlich auch im Bundestag in Bonn. Es wird spekuliert, was Günter Guillaume im Auftrag der DDR ausspioniert haben könnte, wie nah er dem Kanzler stand und welche politische Tragweite der Fall besitzt.
In den folgenden Tagen verlagert sich das Interesse von Medien und Politik immer weiter weg vom DDR-Spion Günter Guillaume und hin zu Bundeskanzler Willy Brandt. Zwei Wochen nach der Verhaftung von Guillaume, am 6. Mai 1974, erklärt Willy Brandt seinen Rücktritt.

Bundeskanzler Willy Brand (SPD) im Juni 1962 im Gespräch mit Egon Bahr (SPD)

24.4.1974 Medienspekulationen um die Spionage-Affäre Guillaume

24.4.1974 | Der enttarnte DDR-Spion Günter Guillaume wird nach seiner Verhaftung am 24. April 1974 immer mehr zum Problem für Bundeskanzler Willy Brandt. Nicht, weil brisante Geheimdokumente auftauchen, sondern weil in den Medien über Affären von Guillaume zu Bonner Sekretärinnen und über mögliche weitere Spione rund ums Kanzleramt gemunkelt wird.
Ein bisschen James Bond in Bonn – die männlichen Journalisten, aber auch Bonner Politiker ergehen sich hörbar süffisant in ihren Spekulationen.

Willy Brandt (SPD, links) sitzt am 7. Mai 1974 am Tisch im Fraktionssaal, neben ihm Herbert Wehner. Auf dem Tisch ein Blumenstrauß. Am Vorabend hatte er beim Bundespräsidenten Gustav Heinemann seinen Rücktritt als Bundeskanzler eingereicht.

8.5.1974 Rundfunkansprache von Ex-Kanzler Willy Brandt zu seinem Rücktritt

8.5.1974 | Weil im Zuge der Guillaume-Affäre um den verhafteten DDR-Spion im Bonner Kanzleramt der politische Druck auf Bundeskanzler Willy Brandt zunimmt und ihm die eigene SPD-Parteiführung die Rückendeckung verweigert, reicht Brandt am Abend des 6. Mai 1974 Bundespräsident Gustav Heinemann seinen Rücktritt ein.
In einer kurzen Ansprache im Rundfunk erklärt er zwei Tage später, am 8. Mai 1974, seine Beweggründe. – Noch Jahre später wird Willy Brandt mit der Entscheidung, zurückgetreten zu sein, hadern. Schon damals hielten viele diesen Schritt nicht für nötig.

Willy Brandt (rechts, SPD) gratuliert am 16. Mai 1974 seinem Nachfolger Helmut Schmidt (SPD), der neuer Bundeskanzler ist

16.5.1974 Helmut Schmidt wird 1974 zum Bundeskanzler gewählt

16.5.1974 | Nachdem Willy Brandt im Zuge der Guillaume-Affäre um einen DDR-Spion im Kanzleramt am 6. Mai 1974 seinen Rücktritt erklärt hat, wird zehn Tage später im Bonner Bundestag sein Nachfolger gewählt.
Helmut Schmidt, der laut eigener Aussage Brandt den Rücktritt noch ausreden wollte, übernimmt am 16. Mai 1974 die Regierungsgeschäfte. Er ist dabei ziemlich nervös, wie im folgenden Beitrag zu hören ist, während sein Vorgänger Brandt den Bundestag allein und schweigsam verlässt.

Walter Momper (Mitte, SPD, Regierender Bürgermeister Berlin) neben Bundeskanzler Helmut Kohl (2.v.re., CDU) und Willy Brandt (li., SPD) während einer Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin am 10.11.1989

10.11.1989 Der Tag nach der Maueröffnung

10.11.1989 | Einen Tag nach Öffnung der Mauer fand vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin eine Kundgebung mit westdeutschen Spitzenpolitikern statt: Walter Momper, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl.

Günter Guillaume 1993

8.12.1990 DDR-Spion Guillaume bedauert Brandt-Rücktritt

8.12.1990 | Als angeblicher DDR-Flüchtling war Günter Guillaume mit seiner Frau Christel 1956 nach Westdeutschland gekommen. Nach einigen Jahren Partei-Arbeit in der SPD schaffte er es schließlich bis ins Kanzleramt von Willy Brandt. Seine Enttarnung löste den größten Spionage-Skandal der Bundesrepublik aus, in dessen Folge Willy Brandt als Kanzler zurücktrat.
Nachdem Guillaume einen Teil seiner Haftstrafe wegen Landesverrats abgesessen hatte, durfte er bei einem Gefangenen-Austausch 1981 in die DDR zurückreisen.
Am 8. Dezember 1990 erläutert der nunmehr arbeitslose Ex-Agent im Interview sein Bedauern über den Rücktritt Willy Brandts.

Die Spurensicherung will untersuchen, ob der Kot tatsächlich vom Täter kommt | DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel 1961

20.12.1961 DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel 1961 (1/4)

20.12.1961 | 1/4 | Walter Praedel war 50 Jahre alt, als er im Oktober 1961 eine Scheune im Dorf seiner Schwägerin anzündete. Niemand kam ums Leben. Am 20. Dezember 1961 wurde ihm der Prozess gemacht. Im Januar 1962 starb er in Leipzig unter dem Fallbeil.

Walter Praedel gesteht die Brandstiftung

20.12.1961 DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel 1961 (2/4)

20.12.1961 | 2/4 | Walter Praedel war ein einfacher Mann. Er arbeitete bei der Feuerwehr, als Wald- und Erntearbeiter und zuletzt als Ofenbauer beim VEB Schamottewerk in Bad Freienwalde/Oder. Seine Kollegen und Verwandten mochten ihn. Vor dem Bau der Berliner Mauer reiste er ab und zu aus dem Osten der DDR nach Westberlin, besuchte Verwandte und nahm einige Male an Treffen der Pommerschen Landsmannschaft teil, einer erzkonservativen Vereinigung, die die Grenzen von 1945 wieder herstellen wollte. Hier entstand sein Vorbehalt gegen die DDR. Weiter trug dazu bei, dass er regelmäßig spätnachmittags den Westberliner Rundfunksender RIAS hörte. Als das Stalldach seiner Schwägerin trotz mehrerer Versprechen von der LPG nicht repariert wurde, schlug Praedels Aversion in Hass um.

Walter Praedel wird zum Tode verurteilt

20.12.1961 DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel 1961 (3/4)

20.12.1961 | 3/4 | Am 16. August 1961 hörte Praedel, wie viele DDR-Bürger, die Rede des Berliner Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt zum Mauerbau: „Wir wissen, welcher Hass, welche Bitterkeit, welche Verzweiflung heute und in diesen Tagen in ihren Herzen wohnt. Wir wissen, dass nur die Panzer sie zurückhalten, ihrer Empörung freien Lauf zu lassen!“ Ab da wollte Walter Praedel die DDR schädigen, und er suchte sich dafür einen Tag mit günstigem Wind und ohne Zeugen aus, den 12. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1961. Zwei Scheunen mit Heu brannten nieder, bevor die Feuerwehr anrückte und die beiden Viehställe vor dem Überschlagen der Flammen schützte. Praedels Alibi, er sei auf der Toilette gewesen, war schnell widerlegt. Er kam noch am selben Tag in U-Haft.

In einem Schreiben vom 16. Januar 1962 lehnt der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ein Gnadenverfahren für Walter Praedel ab. Neun Tage später wird Praedel in Leipzig hingerichtet.

20.12.1961 DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel 1961 (4/4)

20.12.1961 | 4/4 | Im Zentrum des Strafprozesses am 20. Dezember 1961 im Bezirksgericht Frankfurt/Oder stand eigentlich nicht die Brandstiftung, sondern etwas ganz anderes: Praedel hatte als Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an einem Erschießungskommando gegen sowjetische Zivilisten teilgenommen. Dafür war er von einem Sowjet-Gericht zu Zwangsarbeit verurteilt, 1955 jedoch begnadigt worden. Der Umstand, dass er dennoch einen Hass auf die Sowjetunion und die DDR entwickelte, führte für Richter Walter Ziegler zur Diversion, also der schweren Schädigung der DDR. Abgesegnet von der Justizministerin Hilde Benjamin und vom Minister für Staatssicherheit Erich Mielke erging nach einem Verhandlungstag das Todesurteil.