Als Erich Wagner ein Schreiben bekommt "dass Vater Staat seine Grenzen befestigen müsse und dabei auf meine Hilfe nicht verzichten könne", macht sich der waschechte Berliner auf nach Hillesheim. Nach 17 Stunden Fahrt kommt er an. Es ist das Jahr 1938 und er soll zusammen mit einer halben Million anderer Arbeiter den Westwall bauen - eine militärische Verteidigungsanlage an der Grenze.
Welche Grenzen gibt es noch heute in den Köpfen und welche werden ganz real gerade wieder aufgebaut? Darum geht es ab Samstag in der Veranstaltungsreihe zum Westwall in Hillesheim, die die Kulturinitiative organisiert.
Historisches Tagebuch inspiriert zur Ausstellung
Die Inspiration dazu gab das Tagebuch eben jenes Erich Wagners, der eigentlich Schaffner in Berlin war, erzählt Projektleiterin Claudia Warda: "Das Tagebuch ist eine rührende, private Geschichte. Es ist das Persönliche, was hier gezeigt wird."
Das Herzstück einer historischen Ausstellung im ersten Stock des Kulturhauses "Alte Schreinerei" wurde einst aus einem Nachlass ersteigert und gehört mittlerweile der Stadt Hillesheim. Darin hat der Arbeiter aus Berlin weniger über den Westwall geschrieben, sondern mehr über sein Leben, die Gegend und die Menschen.
Wagner hat das Buch mit cartoonhaften Zeichnungen, Fotografien der Landschaft und ironischen Texten gefüllt, erzählt Warda: "Er kam aus Berlin, dieser Millionenstadt, und wurde hier in eine völlig andere Welt katapultiert."
Westwall als Verteidigungsanlage war "Fake News"
Die Seiten des Tagebuchs in der Ausstellung zeigen Heimat, Natur, frohe Stunden und privates Glück in einer Zeit, in der der bevorstehende Krieg schon in der Luft gelegen haben muss. Ein Krieg, auf den der Bau des Westwalls vorbereitet hat.
Daran zu erinnern, ist ein Ziel der Veranstaltungsreihe, in der es auch Vorträge, Diskussionen, Filmvorstellungen und Workshops für Kinder gibt. Denn viele wüssten nicht mehr, was der Westwall ist, findet Warda: "Der Westwall war ein Propagandamittel. Nicht, um sich zu schützen. Deutschland wurde ja nicht angegriffen, Deutschland hat angegriffen."
Denn das militärische Verteidigungssystem mit Panzersperren aus Beton und Bunkern sollte das Deutsche Reich in der NS-Zeit nach Westen hin absichern: "Der Westwall war im Grunde genommen 'Fake News'. Er wurde einfach und schnell gebaut. Die Nazis haben behauptet, ihr Bauwerk sei uneinnehmbar."
Zeitgenössische Kunst befasst sich mit Grenzen
Warda hat sich seit einem Jahr auf die "Westwallgeschichte(n)" vorbereitet, unter anderem mit Literatur zum Westwall. Dabei kam auch die Idee auf, nicht nur aus einer historischen Perspektive auf die Grenzbestestigung zu schauen, sondern dadurch auch über die Gegenwart nachzudenken: "Wir haben immer mehr Grenzen, psychisch und physisch. Indem wir auf die Grenze des Westwalls vor unserer Haustür schauen, können wir drüber nachdenken: Was macht so eine Grenze mit den Menschen?"
Um das Thema also in die Gegenwart zu bringen, gibt es im Erdgeschoss des Kulturhauses auch eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst. Sieben nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler haben neue Werke zum Thema "Grenze" erstellt. Andere haben Werke bei sich gefunden, in denen das Thema schon schlummmerte, sagt Fritz Thiel von der Kulturinitiative.
Thiel stellt eines seiner Bilder aus, das er gemalt hat, als Jugoslawien auseinanderbrach: "Die Situation hatte mich dermaßen berührt und schockiert, dass ich das in einem Bild festhalten musste."
Als die Jugoslawienkriege quasi direkt in seiner europäischen Nachbarschaft losgingen, habe er sich noch in einer europäischen Komfortzone gewähnt. Dann aber habe sich gezeigt, wie labil Europa ist: "Wir standen dem hilflos gegenüber. Wenn man an Putin denkt, ist das Thema heute immer noch aktuell."
Die Werke eines ukrainischen Künstlers, der schon vor dem dortigen Krieg nach Deutschland kam, zeigen Putin oder einen Panzer auf den Flügeln gewebter Motten, die sich "in die Geschichte der Menschen eingraben."
Zeitzeugen berichten vom Westwall vor der Haustür
Dennoch soll die Veranstaltungsreihe kein politisches Statement sein, erklärt Projektleiterin Claudia Warda: "Es soll die Geschichte der Leute beleuchtet werden anhand eines Bauwerks, das heute immer noch eines der größten Bauwerke der Nazizeit in Deutschland ist."
So präsentiert in der historischen Ausstellung ein eigener kleiner Raum mit einer Einrichtung aus 1938 Aufnahmen von Zeitzeugen, die vor knapp 20 Jahren gemacht wurden: "Sie spiegeln wunderbar ihr Leben. Sie erzählen, wie es damals war, als diese Unmengen an Menschen herkamen, um den Westwall zu bauen."
Die Eifel sei zuvor ruhig und beschaulich gewesen: "Und auf einmal kommen zigtausende Menschen hierher, die alles durchgewirbelt haben." In der Ausstellung zeigen sich die persönliche Beziehungen zwischen Bewohnern und Arbeitern. Oder auch mal Streit. Die Arbeiter kamen nämlich zunächst bei den Anwohnern unter, bevor Baracken für sie gebaut wurden.
Kinder bemalen Höcker des Westwalls
Der Westwall wird aber trotzdem auch in Hillesheim sichtbar sein, nämlich in Form der sogenannten Höckerlinie. Diese Höcker aus Stahlbeton, die heute noch in der Eifel stehen, sollten Panzer abhalten. Für die "Westwallgeschichte(n)" wurden 50 Stück aus einem leichten Material nachgebaut.
Diese wurden von Künstlern, aber auch von Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 23 Jahren bemalt. Ab Samstag markieren sie den Weg zwischen dem Kulturhaus und einer Kunstinstallation an der Hillesheimer Stadtmauer. Und so soll die ehemalige Grenzbefestigungslinie, die der Westwall mit seinen Höckern bildete, zu einer Verbindung der einzelnen Elemente der Ausstellungsreihe werden.
Menschen sollen über Grenzen in den Köpfen reden
Claudia Warda ist dabei nicht nur dieses symbolische Brückenbauen wichtig, sondern auch das persönliche: Schon während die Jugendlichen die Höcker bemalt haben, hätten sie sich gemeinsam über das Thema der Grenze ausgetauscht.
Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr miteinander sprechen.
Genau diesen Effekt erhofft sich Warda auch für die Besucherinnen und Besucher der Ausstellungsreihe. Dass sie sich unterhalten, wenn sie an den Höckern vorbeikommen. Und so aus der Grenze eine Verbindung im Gespräch wird: "Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr miteinander sprechen. Einander mehr zuhören, auch bei kontroversen Themen. Man muss immer hinter die Dinge gucken."
Übrigens gab es für Erich Wagner, der hinter die Dinge geguckt und sie ironisch kommentiert hat, so etwas wie ein Happy End: Er wird zwar ein Jahr, nachdem er in der Eifel den Westwall mit gebaut hat, zum Kriegsdienst eingezogen. Aber er überlebt. Und wird 1949 aus der Kriegsgefangenschaft in Lettland in seine Heimat Berlin entlassen.