Ein Monat lang Veranstaltungen der Kulturinitiative

Wenn Grenzen verbinden: In Hillesheim werden "Westwallgeschichte(n)" erzählt

Welche Grenzen gibt es heute noch real und in den Köpfen? Dieser Frage gehen einen Monat lang Veranstaltungen in Hillesheim nach. Sie verbinden dabei Vergangenheit und Gegenwart.

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Stand

Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Als Erich Wagner ein Schreiben bekommt "dass Vater Staat seine Grenzen befestigen müsse und dabei auf meine Hilfe nicht verzichten könne", macht sich der waschechte Berliner auf nach Hillesheim. Nach 17 Stunden Fahrt kommt er an. Es ist das Jahr 1938 und er soll zusammen mit einer halben Million anderer Arbeiter den Westwall bauen - eine militärische Verteidigungsanlage an der Grenze.

Claudia Warda hat sich als Projektleiterin ein Jahr lang auf die Veranstaltungsreihe "Westwallgeschichte(n)" vorbereitet und dafür auch das Tagebuch des Arbeiters Erich Wagner gelesen.
Claudia Warda hat sich als Projektleiterin ein Jahr lang auf die Veranstaltungsreihe "Westwallgeschichte(n)" vorbereitet und dafür auch das Tagebuch des Arbeiters Erich Wagner gelesen. Anna-Carina Blessmann

Welche Grenzen gibt es noch heute in den Köpfen und welche werden ganz real gerade wieder aufgebaut? Darum geht es ab Samstag in der Veranstaltungsreihe zum Westwall in Hillesheim, die die Kulturinitiative organisiert.

Historisches Tagebuch inspiriert zur Ausstellung

Die Inspiration dazu gab das Tagebuch eben jenes Erich Wagners, der eigentlich Schaffner in Berlin war, erzählt Projektleiterin Claudia Warda: "Das Tagebuch ist eine rührende, private Geschichte. Es ist das Persönliche, was hier gezeigt wird."

Der Berliner Bahnschaffner Erich Wagner hat über seine Zeit in der Eifel ein Tagebuch mit eigenen Zeichnungen und Fotos geführt. Schon 1938 sagt er, dass "icke" - Berlinerisch für "ich" - an der Westfront ist.
Der Berliner Bahnschaffner Erich Wagner hat über seine Zeit in der Eifel ein Tagebuch mit eigenen Zeichnungen und Fotos geführt. Schon 1938 sagt er, dass "icke" - Berlinerisch für "ich" - an der Westfront ist. Anna-Carina Blessmann

Das Herzstück einer historischen Ausstellung im ersten Stock des Kulturhauses "Alte Schreinerei" wurde einst aus einem Nachlass ersteigert und gehört mittlerweile der Stadt Hillesheim. Darin hat der Arbeiter aus Berlin weniger über den Westwall geschrieben, sondern mehr über sein Leben, die Gegend und die Menschen.

Erich Wagner kommentiert die Geschehnisse 1938 in seinem Tagebuch ironisch.
Erich Wagner kommentiert die Geschehnisse 1938 in seinem Tagebuch ironisch. Anna-Carina Blessmann

Wagner hat das Buch mit cartoonhaften Zeichnungen, Fotografien der Landschaft und ironischen Texten gefüllt, erzählt Warda: "Er kam aus Berlin, dieser Millionenstadt, und wurde hier in eine völlig andere Welt katapultiert."

Westwall als Verteidigungsanlage war "Fake News"

Die Seiten des Tagebuchs in der Ausstellung zeigen Heimat, Natur, frohe Stunden und privates Glück in einer Zeit, in der der bevorstehende Krieg schon in der Luft gelegen haben muss. Ein Krieg, auf den der Bau des Westwalls vorbereitet hat.

Daran zu erinnern, ist ein Ziel der Veranstaltungsreihe, in der es auch Vorträge, Diskussionen, Filmvorstellungen und Workshops für Kinder gibt. Denn viele wüssten nicht mehr, was der Westwall ist, findet Warda: "Der Westwall war ein Propagandamittel. Nicht, um sich zu schützen. Deutschland wurde ja nicht angegriffen, Deutschland hat angegriffen."

In der historischen Ausstellung, hier noch im Aufbau, werden die Seiten des Tagebuchs in den Kontext der geschichtlichen Entwicklungen nach der Machtergreifung der Nazis gesetzt.
In der historischen Ausstellung, hier noch im Aufbau, werden die Seiten des Tagebuchs in den Kontext der geschichtlichen Entwicklungen nach der Machtergreifung der Nazis gesetzt. Anna-Carina Blessmann

Denn das militärische Verteidigungssystem mit Panzersperren aus Beton und Bunkern sollte das Deutsche Reich in der NS-Zeit nach Westen hin absichern: "Der Westwall war im Grunde genommen 'Fake News'. Er wurde einfach und schnell gebaut. Die Nazis haben behauptet, ihr Bauwerk sei uneinnehmbar."

Zeitgenössische Kunst befasst sich mit Grenzen

Warda hat sich seit einem Jahr auf die "Westwallgeschichte(n)" vorbereitet, unter anderem mit Literatur zum Westwall. Dabei kam auch die Idee auf, nicht nur aus einer historischen Perspektive auf die Grenzbestestigung zu schauen, sondern dadurch auch über die Gegenwart nachzudenken: "Wir haben immer mehr Grenzen, psychisch und physisch. Indem wir auf die Grenze des Westwalls vor unserer Haustür schauen, können wir drüber nachdenken: Was macht so eine Grenze mit den Menschen?"

Um das Thema also in die Gegenwart zu bringen, gibt es im Erdgeschoss des Kulturhauses auch eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst. Sieben nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler haben neue Werke zum Thema "Grenze" erstellt. Andere haben Werke bei sich gefunden, in denen das Thema schon schlummmerte, sagt Fritz Thiel von der Kulturinitiative.

Diese moderne Bronzeplastik soll symbolisieren, wie man sich selbst in einen Kokon einhüllt und so eigene Grenzen setzt.
Diese moderne Bronzeplastik soll symbolisieren, wie man sich selbst in einen Kokon einhüllt und so eigene Grenzen setzt. Anna-Carina Blessmann

Thiel stellt eines seiner Bilder aus, das er gemalt hat, als Jugoslawien auseinanderbrach: "Die Situation hatte mich dermaßen berührt und schockiert, dass ich das in einem Bild festhalten musste."

Als die Jugoslawienkriege quasi direkt in seiner europäischen Nachbarschaft losgingen, habe er sich noch in einer europäischen Komfortzone gewähnt. Dann aber habe sich gezeigt, wie labil Europa ist: "Wir standen dem hilflos gegenüber. Wenn man an Putin denkt, ist das Thema heute immer noch aktuell."

Fritz Thiel ist Mitglied der Kulturinitiative und steuert auch ein eigenes Bild zur zeitgenössischen Ausstellung bei: Das Bild zeigt einen verstörten, jungen Mann, um ihn herum Tierknochen als Synonym für die Getöteten und Verscharrten nach dem Zerfall Jugoslawiens, sagt Thiel.
Fritz Thiel ist Mitglied der Kulturinitiative und steuert auch ein eigenes Bild zur zeitgenössischen Ausstellung bei: Das Bild zeigt einen verstörten, jungen Mann, um ihn herum Tierknochen als Synonym für die Getöteten und Verscharrten nach dem Zerfall Jugoslawiens, sagt Thiel. Anna-Carina Blessmann

Die Werke eines ukrainischen Künstlers, der schon vor dem dortigen Krieg nach Deutschland kam, zeigen Putin oder einen Panzer auf den Flügeln gewebter Motten, die sich "in die Geschichte der Menschen eingraben."

Auf den Flügeln der gewebten Motte eines ukrainischen Künstlers ist das Gesicht des russischen Präsidenten Putin zu erkennen.
Auf den Flügeln der gewebten Motte eines ukrainischen Künstlers ist das Gesicht des russischen Präsidenten Putin zu erkennen. Anna-Carina Blessmann

Zeitzeugen berichten vom Westwall vor der Haustür

Dennoch soll die Veranstaltungsreihe kein politisches Statement sein, erklärt Projektleiterin Claudia Warda: "Es soll die Geschichte der Leute beleuchtet werden anhand eines Bauwerks, das heute immer noch eines der größten Bauwerke der Nazizeit in Deutschland ist."

So präsentiert in der historischen Ausstellung ein eigener kleiner Raum mit einer Einrichtung aus 1938 Aufnahmen von Zeitzeugen, die vor knapp 20 Jahren gemacht wurden: "Sie spiegeln wunderbar ihr Leben. Sie erzählen, wie es damals war, als diese Unmengen an Menschen herkamen, um den Westwall zu bauen."

Wenn der kleine Raum fertig mit Möbeln von 1938 eingerichtet ist, sollen hier Interviews von Zeitzeugen präsentiert werden.
Wenn der kleine Raum fertig mit Möbeln von 1938 eingerichtet ist, sollen hier Interviews von Zeitzeugen präsentiert werden. Anna-Carina Blessmann

Die Eifel sei zuvor ruhig und beschaulich gewesen: "Und auf einmal kommen zigtausende Menschen hierher, die alles durchgewirbelt haben." In der Ausstellung zeigen sich die persönliche Beziehungen zwischen Bewohnern und Arbeitern. Oder auch mal Streit. Die Arbeiter kamen nämlich zunächst bei den Anwohnern unter, bevor Baracken für sie gebaut wurden.

Kinder bemalen Höcker des Westwalls

Der Westwall wird aber trotzdem auch in Hillesheim sichtbar sein, nämlich in Form der sogenannten Höckerlinie. Diese Höcker aus Stahlbeton, die heute noch in der Eifel stehen, sollten Panzer abhalten. Für die "Westwallgeschichte(n)" wurden 50 Stück aus einem leichten Material nachgebaut.

Zwischen der historischen und der zeitgenössischen Ausstellung hängen aktuelle Bilder der noch intakten Höckerlinie des Westwalls als Verbindung.
Zwischen der historischen und der zeitgenössischen Ausstellung hängen aktuelle Bilder der noch intakten Höckerlinie des Westwalls als Verbindung. Anna-Carina Blessmann

Diese wurden von Künstlern, aber auch von Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 23 Jahren bemalt. Ab Samstag markieren sie den Weg zwischen dem Kulturhaus und einer Kunstinstallation an der Hillesheimer Stadtmauer. Und so soll die ehemalige Grenzbefestigungslinie, die der Westwall mit seinen Höckern bildete, zu einer Verbindung der einzelnen Elemente der Ausstellungsreihe werden.

Diese Höcker des Westwalls wurden von Künstlern bemalt, aber auch Kinder und Jugendliche konnten sich dabei kreativ betätigen.
Diese Höcker des Westwalls wurden von Künstlern bemalt, aber auch Kinder und Jugendliche konnten sich dabei kreativ betätigen. Anna-Carina Blessmann

Menschen sollen über Grenzen in den Köpfen reden

Claudia Warda ist dabei nicht nur dieses symbolische Brückenbauen wichtig, sondern auch das persönliche: Schon während die Jugendlichen die Höcker bemalt haben, hätten sie sich gemeinsam über das Thema der Grenze ausgetauscht.

Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr miteinander sprechen.

"Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten." Das Zitat von Willy Brandt kann auch als Leitspruch der Veranstaltungsreihe gelten, die zum Nachdenken über Grenzen in der Vergangenheit und der Gegenwart anregen will.
"Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten." Das Zitat von Willy Brandt kann auch als Leitspruch der Veranstaltungsreihe gelten, die zum Nachdenken über Grenzen in der Vergangenheit und der Gegenwart anregen will. Anna-Carina Blessmann

Genau diesen Effekt erhofft sich Warda auch für die Besucherinnen und Besucher der Ausstellungsreihe. Dass sie sich unterhalten, wenn sie an den Höckern vorbeikommen. Und so aus der Grenze eine Verbindung im Gespräch wird: "Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr miteinander sprechen. Einander mehr zuhören, auch bei kontroversen Themen. Man muss immer hinter die Dinge gucken."

Das Tagebuch des Arbeiters Erich Wagner wird im Original ausgestellt. Es gibt aber auch Kopien des Buches, in denen man blättern und lesen kann, wie er und seine Kollegen zum Beispiel zusammen Spaß gemacht haben.
Das Tagebuch des Arbeiters Erich Wagner wird im Original ausgestellt. Es gibt aber auch Kopien des Buches, in denen man blättern und lesen kann, wie er und seine Kollegen zum Beispiel zusammen Spaß gemacht haben. Anna-Carina Blessmann

Übrigens gab es für Erich Wagner, der hinter die Dinge geguckt und sie ironisch kommentiert hat, so etwas wie ein Happy End: Er wird zwar ein Jahr, nachdem er in der Eifel den Westwall mit gebaut hat, zum Kriegsdienst eingezogen. Aber er überlebt. Und wird 1949 aus der Kriegsgefangenschaft in Lettland in seine Heimat Berlin entlassen.

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