Das Telefon der Hausärztin Alexandra Lehnen klingelt ohne Pause. Kaum ist ein Gespräch beendet, meldet sich schon der nächste Anrufer in der Praxis in Schweich an der Mosel. Und alle paar Minuten kommt ein Patient durch die Tür.
Eine Grippewelle rollt durch die Region. Doch das erklärt den Andrang nicht allein. "Wir haben Patienten, die eine Anreise von über 50 Kilometern zu uns haben", sagt die Ärztin. Denn im Umkreis hätten viele Kollegen ihre Praxen aus Altersgründen geschlossen.
Praxis muss Patienten manchmal ablehnen
Manche Patienten muss Lehnen ablehnen. "Das ist natürlich keine schöne Entwicklung", sagt sie. Doch ihr Team sei am Limit - ausgelastet mit der Behandlung der Patienten und der mittlerweile überwältigenden Bürokratie.
In Trier hat mich kein Arzt mehr angenommen.
Astrid Britz aus dem Trierer Stadtteil Biewer ist daher froh, dass die Praxis sie noch aufgenommen hat: "Ich hatte Probleme, einen Arzt zu finden. In Trier hat mich keiner mehr angenommen."
Sie ist an diesem Morgen die Erste im Wartezimmer. Doch nach und nach setzen sich immer mehr Frauen dazu, bis die meisten Stühle belegt sind. Astrid Britz hat schon erlebt, wie schnell das geht: "Als ich letztes Mal später gekommen bin, war hier extrem viel los."
Telefonische Krankschreibung eine Einladung zum "Blaumachen"?
Doch das Wartezimmer könnte noch voller sein - nämlich dann, wenn jeder Kranke persönlich einen Termin machen müsste. Seit der Corona-Pandemie dürfen sich Patientinnen und Patienten bei leichten Infekten jedoch telefonisch krankschreiben lassen.
Darüber wird in der Politik gerade heftig diskutiert. Kritiker sagen, die telefonische Krankschreibung lade dazu ein, "blauzumachen" und treibe den Krankenstand in den Unternehmen nach oben. 2025 waren nach Angaben der Krankenkasse DAK im Schnitt an jedem Tag 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben.
Nur wenige telefonische Krankschreibungen
Befürworter halten dagegen: Die Möglichkeit, sich am Telefon krankzumelden, erkläre die vielen Ausfälle nicht. Laut Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung vom Oktober 2025 machten telefonische Krankschreibungen zuletzt nur 0,9 Prozent aller Krankheitsfälle aus.
Ärztin warnt vor Aus der neuen Regelung
Ärzte argumentieren anders: Ohne die Möglichkeit, sich telefonisch krankzumelden, würden manche Praxen endgültig kollabieren. "Wenn die Patienten, die sich jetzt telefonisch bei uns melden, alle in die Praxis kommen würden, würde unsere Infektsprechstunde nicht ausreichen", sagt die Hausärztin Alexandra Lehnen. "Auch unser Tag hat nur 24 Stunden."
Die Regelung sollte bleiben.
Lehnen ist zwar seit 27 Jahren CDU-Mitglied. Bei der Bewertung der telefonischen Krankschreibung widerspricht sie aber ihren Parteikollegen - auch im Namen des Hausärzteverbands: "Die Regelung sollte bleiben, sonst stehen wir vor der Entscheidung: Nehme ich einem chronisch kranken Menschen die Zeit weg - oder investiere ich sie in einen jungen, gesunden Patienten mit einem banalen grippalen Infekt?"
Teams können erkennen, wer sich nur "krank stellt"
Lehnen stellt außerdem klar, dass niemand "einfach so" eine Krankmeldung bekomme - weder bei ihr noch bei Kollegen. Ihr Team stellt Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nur für bekannte Patienten aus und für maximal drei Tage.
Die medizinischen Fachangestellten wüssten zudem genau, welche Fragen sie am Telefon stellen müssen, um herauszufinden, ob sich jemand nur "krank stellt". Wenn Zweifel aufkommen, besteht die Praxis darauf, dass die Anrufer persönlich vorbeikommen.
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Thema ist emotional für Patienten
Im Wartezimmer wird trotzdem kontrovers diskutiert. "Ich finde die telefonische Krankschreibung nicht gut", sagt eine Patientin. "Dann hätte ich früher öfter krank gemacht, wenn ich nur ein bisschen erkältet war." Eine andere Frau widerspricht: "Wenn man mit Fieber im Bett liegt, will man ja auch nicht ins Wartezimmer und andere anstecken."
Die Debatte läuft also weiter. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Regelung auf den Prüfstand stellen. Doch egal, wie die Sache ausgeht: Das Telefon in der Praxis von Alexandra Lehnen in Schweich wird so oder so nicht stumm bleiben.