Tausende Akten ausgewertet

Missbrauch im Bistum Trier: Neue Studie beleuchtet Amtszeiten von Marx und Ackermann

Es geht um sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im Bistum Trier. Teilweise um Kinderpornographie. Historiker der Uni Trier haben dafür tausende Akten ausgewertet.

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Stand

Die Historiker Lena Haase und Lutz Raphael haben für ihren Zwischenbericht über den sexuellen Missbrauch im Bistum Trier nicht nur Aktenbände studiert, sondern auch 30 Gespräche mit Betroffenen und Zeitzeugen geführt. Sie gehen demnach von 37 Beschuldigten und mindestens 59 Betroffenen aus für den Zeitraum von 2001 – 2021 im Bistum Trier.

Langsamer Wandel in der Kirche

Vorweg: Es hat sich etwas getan in der katholischen Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Aber es hat gedauert. Die Studie macht klar: Die Anstrengungen reichen noch lange nicht aus. Unter Reinhard Marx, der von 2002 bis 2008 Bischof in Trier war, ermitteln die Historiker 21 Täter. Betroffen von den sexuellen Übergriffen waren 35 Minderjährige, die meisten davon Jungen.

Kaum Sanktionen für Täter

Doch für die Beschuldigten hatten ihre Verfehlungen oft keine Folgen. Der damalige Bischof Reinhard Marx bestand zwar auf neuen Leitlinien im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Er vertraute dabei aber auf das Personal seines Amtsvorgängers Hermann Josef Spital.

Dabei gab es Interessenskonflikte: Zum Beispiel, wenn der Personalchef gleichzeitig Missbrauchsbeauftragter war. Außerdem hatte der damalige Weihbischof Leo Schwarz schon in früheren Fällen viel zu nachsichtig mit Beschuldigten agiert.

Das führte dazu, dass Beschuldigte kaum mit Sanktionen rechnen mussten. Das Bistum ließ Milde walten. Für die Betroffenen von sexuellem Missbrauch dagegen gab es keine oder kaum Fürsorge. Nur in zwei Fällen sind Hilfsangebote dokumentiert.

Ermittler werden nicht informiert

Weiteres Problem war, dass der damalige Bischof Marx bei seinem Amtsantritt gar nicht über alle bekannten Missbrauchsfälle informiert wurde, obwohl sein Vorgänger im Bilde war. Das Bistum informierte auch in keinem einzigen neuen Vergehen die Staatsanwaltschaft. Nur ein alter Fall wurde angezeigt. Die Kommunikation mit den Strafverfolgern blieb "mangelhaft", so die Studie.

Fälle werden schneller bekannt

Die Wissenschaftler der Universität Trier kommen zu dem Schluss, dass es in der Amtszeit von Stephan Ackermann, seit 2009 Bischof in Trier, teilweise besser geworden ist. In der Zeit bis 2021 gehen die Historiker von 16 Beschuldigten aus, wobei sich ein Fall für sie nicht bestätigen ließ. Im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern wurden unter Ackermann fast alle Fälle zeitnah öffentlich.

Die Historiker führen das auch auf neue Regeln im Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche seit 2010 zurück. Eine große Rolle spielte aber auch, dass es mehr Aufmerksamkeit für das Thema in der Öffentlichkeit gab.

Viele melden sich erst nach 2010

Das hatte auch zur Folge, dass viele weitere Betroffene, deren Missbrauch teils Jahrzehnte zurücklag, nun erst den Mut fassten, sich zu melden. Die Wissenschaftler gehen von mehr als 150 Menschen im Bistum Trier aus, die sich erst nach 2010 meldeten.  

Fortschritte unter Ackermann sieht die Studie auch in der Aufklärungspflicht des Bistums: Ein Großteil der 15 neuen Fälle wurde intern ermittelt. Davon habe es 13 an die Staatsanwaltschaft und die Glaubenskongregation in Rom gemeldet. In zehn Fällen führte das zu Sanktionen. Priester wurden zum Beispiel suspendiert, versetzt oder aus dem Klerikerstand entlassen.

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Lange Verfahren gegen Täter

Doch auch wenn es jetzt besser lief als vorher, sieht die Studie noch viele Probleme. Die Verfahren dauerten teils immer noch sehr lang. In einem Fall waren es zwölf Jahre, bis der Beschuldigte aus dem Priesterstand entlassen wurde.

Schwierig war es immer wieder mit uneinsichtigen Tätern, deren unkooperatives Verhalten eine Strafe nach Kirchenrecht verzögerten und erschwerten.

Kaum Informationen bei Vorwürfen

Die Kommunikation mit Pfarreien ließ oft zu wünschen übrig. Die Gemeinden wurden häufig zu spät oder gar nicht über Missbrauchsvorwürfe informiert. Häufig hätten Journalisten die Rolle der Aufklärer übernommen.

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Keine proaktive Aufklärung

Dazu kommt, dass die vielen neu gemeldeten Altfälle nicht proaktiv aufgeklärt wurden. Das Bistum setzte sich bis 2021 nicht systematisch mit den Amtszeiten früherer Bischöfe und deren Versäumnissen auseinander. Dabei war das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger seit der MHG-Studie 2018 bekannt.

Umgang mit Opfern verbessert

Positiv ist nach Ansicht der Forscher, dass das Bistum weiter an professionellen Strukturen für die Aufklärung arbeitet. Es gibt Ansprechpersonen, einen Berater– und Krisenstab und einen Betroffenenbeirat.

Die Studie nennt einige Beispiele von Beschuldigten, meist in anonymer Form. Das Leid der Betroffenen dahinter, die manchmal jahrelang missbraucht wurden, lässt sich nur erahnen.

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Mit den Jahren habe die Bistumsleitung auch verstanden, dass für die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt die Fürsorge für die Betroffenen eine zentrale Rolle spielt. Allerdings kritisieren einige Opfer immer noch die Art und Weise, wie kommuniziert wird.  

Betroffene von MissBit enttäuscht

Die Opferinitiative MissBit kritisiert, dass die Forscher in ihrer Studie den Ausdruck "Vertuschung" vermeiden. Stattdessen umschrieben sie die Tatbestände "betont nüchtern". Die Studie spreche da von Verfahrenslücken, oder dass Akten nicht weitergegeben wurden. Dabei sei das doch Vertuschung.

Kein juristisches Urteil der Studie

Das liege auch daran, dass nur Historiker und Historikerinnen an der Studie beteiligt gewesen seien. MissBit hätte sich gewünscht, dass man auch Juristen dazu nimmt. Außerdem hätten Betroffene auch gern erfahren, welche Fälle das Bistum Trier - wie vorgeschrieben - an die Glaubenskongregation gemeldet hat und was dabei herauskam.

Nach Ansicht von MissBit fehlt in der Studie eine detaillierte, neutrale Darstellung. So seien auch nur wenige Fälle genannt. Eine wirkliche Übersicht sei durch die Studie nicht zu gewinnen.

"Jeder einzelne Missbrauch ist ein Verbrechen"

Ein Sprecher der Unabhängigen Aufarbeitungskommission im Bistum Trier, die die historische Studie initiiert hatte, teilte zum aktuellen Bericht mit: "Wir sind wieder und erneut und zusätzlich erschrocken über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, auch wenn die Zahlen zurückgegangen sind. Gleichwohl: Jeder einzelne sexuelle Missbrauch ist ein schreckliches Verbrechen an den Betroffenen."

Der Sprecher sagte weiter, es gebe aber Verbesserungen. Spätestens mit dem Amtsantritt von Bischof Stephan Ackermann habe sich der Umgang mit den Taten, Tätern, Opfern und der Prävention verbessert. Auch wenn dort immer wieder nachgebessert werden musste. 

So positiv manche Dinge auch geschildert seien. Ein Problem aber bleibe das individuelle Handeln mit den Betroffenen. Beim Umgang würden immer wieder Fehler passieren. Die Kommission empfiehlt daher auch, dass das Bistum das Verhältnis zu Betroffenenverbänden verbessern sollte. Das gelte insbesondere für MissBit.

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