Sie liegt versteckt im Grünen, direkt an der Kyll, weit entfernt von den nächsten Ortschaften. Die 800 Jahre alte Wellkyller Mühle bei Welschbillig in der Eifel wirkt auf den ersten Blick wie ein Idyll: Kühe auf der Weide, ein großer Garten, eine kleine Kapelle, eigene Quelle und Strom aus dem Wasserkraftwerk. Seit Generationen lebt Familie Massem hier, nahezu autark.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt die Spuren einer Nacht, die alles verändert hat: Die Fassade bröckelt, das Erdgeschoss des Wohnhauses ist noch immer ein Rohbau, landwirtschaftliche Gebäude sind einsturzgefährdet.
Fünf Jahre nach der Flut ist das Anwesen nur etwa zur Hälfte wieder aufgebaut. "Das wird uns nie wieder loslassen", sagt Thomas Massem.
Die Flutnacht war beängstigend
Als das Wasser in der Flutnacht kam, wurde die abgeschiedene Lage der Mühle zum großen Problem. Nur ein Weg führt zum Anwesen und genau der wurde zerstört. "Wir waren komplett auf uns allein gestellt", erinnert sich Massem. "Wir hatten unfassbare Angst."
Niemand wusste, ob Hilfe kommt.
Mit seiner Frau und dem damals 8-jährigen Sohn harrt Massem auf dem Hof aus: "Niemand wusste, wie hoch das Wasser noch steigen wird. Niemand wusste, ob Hilfe kommt." Auf die Schnelle hat die Familie versucht zu retten, was geht. Doch bis heute bedauert der Mühlenbesitzer, dass das Ausmaß der Regenmassen nicht absehbar war.
"Hätten wir nur einen halben Tag früher Bescheid gewusst, hätten wir zumindest die Tiere retten können", erzählt Massem. Die Tiere draußen schreien zu hören und nichts tun zu können, war für den Landwirt das Schlimmste: "Wir waren einfach machtlos."
Die Hühner sind in der Flutnacht alle gestorben. Die Kühe haben überlebt. Aber er ist sich sicher: "Sie haben einen Schaden davongetragen. Das macht was mit den Tieren, wenn sie bis zum Hals im Wasser stehen. Auch mit uns hat es was gemacht." Denn: Wenn heute Gewitter angekündigt werden oder Starkregen kommt, mache die Familie kein Auge zu. "Dafür steckt das Erlebte zu tief in den Knochen. Ich habe Panik", schildert Massem.
Die Wellkyller Mühle stand komplett unter Wasser
Ob Küche, Kapelle oder Stall - nichts ist verschont geblieben. Auch das Wasserkraftwerk in der ehemaligen Mühle, also das Herzstück des Hofes und vor allem die wichtigste Einnahmequelle der Familie, wurde fast vollständig zerstört. "Alles wurde ausgebaggert und gereinigt, erst dann haben wir das Ausmaß gesehen. Die ganze Mechanik war hinüber", erklärt der heute 52-Jährige. Neun Monate lang hat das Wasserkraftwerk keinen Strom produziert. Heißt: Die Familie hat neun Monate kein Geld verdient. Sie selbst konnten sich mit einem Notstromaggregat aushelfen.
Damit nicht genug: Auch die natürliche Quelle, die Familie Massem normalerweise mit frischem Trinkwasser versorgt, ist durch die Katastrophe versiegt. Dadurch musste die Mühle drei Monate lang vom Technischen Hilfswerk (THW) mit Wasser beliefert werden.
Vieles wurde aber auch erst später sichtbar. "Fachleute haben immer neue Schäden entdeckt, die am Anfang gar nicht aufgefallen sind." Der Schaden laut Gutachten: Mehr als eine Million Euro.
Hilfe kam von allen Seiten
Wenn Thomas Massem über die ersten Tage nach der Flut spricht, bricht seine Stimme. Denn an eine Sache erinnert er sich besonders: "Wir mussten niemanden nach Hilfe fragen." Familie, Freunde, Nachbarn, Feuerwehr, THW, Pfadfinder. "Sie sind alle einfach gekommen und haben angepackt." Zeitweise haben mehr als 50 Menschen gleichzeitig auf dem Hof geholfen, erzählt der 52-Jährige. Schlamm schippen, Wege freilegen, Kaputtes entsorgen, schrubben und putzen. Mit den Kindern wurden sogar neue Pflanzen gesetzt. Massem kämpft mit den Tränen. "Alleine hätten wir das niemals geschafft."
Zwischen Wiederaufbau und Bürokratie
Heute, fünf Jahre später, ist vieles geschafft. Aber längst nicht alles. Das Wohnhaus ist etwa zur Hälfte renoviert, das Wasserkraftwerk zu rund 85 Prozent. Mit den landwirtschaftlichen Gebäuden wurde noch nicht richtig angefangen.
Ein Teil des Wiederaufbaus wurde durch staatliche Hilfen finanziert. Rund 130.000 Euro hat Familie Massem für das Wohnhaus bekommen. "Wir sind dankbar, ohne die Hilfen hätten wir das nicht geschafft." Doch der Weg dahin war lang. Die Anträge seien unfassbar umfangreich gewesen, Entscheidungen hätten gedauert. "Die Bürokratie ist langsam", stöhnt der Mühlenbesitzer.
Das ist ein kleines Wunder
Doch bei all den Rückschlägen gibt es auch immer wieder Hoffnungsschimmer. Zum Beispiel hat sich die hauseigene Quelle wieder regeneriert. "Das ist ein kleines Wunder", freut sich Massem. Denn: Leitungen zu verlegen, wäre sehr aufwendig und teuer geworden.
Neues Angebot des SWR Studios Trier Nachrichten aus der Region Trier jetzt auf WhatsApp lesen
Das SWR Studio Trier ist jetzt auch auf dem Messenger-Dienst WhatsApp aktiv. Dort finden Sie regionale Nachrichten von Mosel und Saar, aus der Eifel, Hunsrück und Hochwald.
Aufgeben war keine Option
Und genau deshalb war aufgeben für Thomas Massem auch absolut keine Option. Er lebt seit seiner Geburt auf der Wellkyller Mühle. Wegzugehen stand für ihn nie zur Debatte. "Es war klar: Wir müssen das schaffen. Trotz allem."
Noch immer vergeht kaum ein Tag, an dem die Flut kein Thema ist. Massem schätzt: Noch etwa fünf Jahre wird es dauern, bis die Mühle wieder dort ist, wo sie vor 2021 war. Wenn überhaupt. Denn manches lässt sich reparieren. Und manches bleibt, vor allem die Erinnerung.