SWR Aktuell: Das Pfalzklinikum behandelt Jugendliche mit Essstörungen auch Zuhause. Was sind denn da die Vorteile?
Dr. Susanne Lieb: Es wurde nachgewiesen, dass eine teilstationäre spezialisierte Behandlung genauso effektiv ist wie eine stationäre. Früher, als ich begonnen habe, konnte man sich die Behandlung ausgeprägter Essstörungen nur im stationären Setting vorstellen und da ist man heute sehr viel mutiger! Wenn die Jugendlichen mit ihrer Familie gut mitarbeiten, dann gehen wir multiprofessionell - also pädagogisch-pflegerischer Dienst, Ernährungstherapeuten und Psychotherapeuten beziehungsweise Ärzte -, in die Familien und behandeln die Patienten dort, sodass wir Klinikaufenthalte oft verhindern können. Es braucht tendenziell mehr Alternativen, da es immer mehr Menschen mit Essstörungen gibt, die sich in psychiatrische Behandlung begeben.
SWR Aktuell: Das Spektrum an Essstörungen ist ein großes. Welche Essstörungen werden denn bei Ihnen am meisten behandelt?
Lieb: Es gibt verschiedene Essstörungen. Bei den Jugendlichen, die wir stationär behandeln, sind es hauptsächlich Mädchen mit Anorexia nervosa (Magersucht, Anm. d. Redaktion). Weiter gibt es Bulimia nervosa, bei der Essattacken und Erbrechen ein Thema sind, Jugendliche mit dieser Problematik kommen aber seltener zu uns. Dann gibt es noch Jugendliche, die an Binge-Eating, also nur Essattacken leiden. Orthorexie wird aktuell ebenfalls viel diskutiert, dabei geht es um den Fokus auf gesundes Essen. Sie hängt häufig auch mit einer Anorexie zusammen.
Gesundheit Essstörungen – Ursachen und Therapien
Wie können betroffene Menschen zu einem problemfreies Essverhalten finden? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Psychologin Katrin Giel vom Universitätsklinikum Tübingen.
SWR Aktuell: Wie erklärt man sich medizinisch, dass es hauptsächlich Frauen oder junge Mädchen betrifft?
Lieb: Ich denke, dass die äußeren Anforderungen zu Beginn eine große Rolle spielen, zum Beispiel der Druck im Hinblick auf Schönheit und Schlankheit. Aber auch die Pubertät mit den einhergehenden körperlichen Veränderungen. Diese passieren einfach und die Jugendlichen können sie nicht für sich annehmen. Sie sind verunsichert und erlangen über die Erkrankung Kontrolle. Sie erleben zunächst eine Selbstwertstärkung, vielleicht bekommen sie von außen Komplimente und so beginnt es oft mit ein oder zwei Kilo weniger. Dann greifen rasch körperliche Veränderungen, die die Jugendlichen in einen Teufelskreis bringen: Sie tolerieren das Essen immer weniger, das Denken verändert sich und irgendwann können sie fast gar nicht mehr essen. Viele beschreiben auch, dass sie in die Erkrankung "reingerutscht“ sind, dies nicht intendiert haben, aber nicht mehr alleine herauskommen. Es sind sehr viele psychologische Faktoren relevant. Körperliche Vorgänge und Veränderungen, die mit den Hormonschwankungen bei Essstörungen einhergehen, werden unterschätzt. Das Umfeld denkt häufig, mit genug Willensstärke könne man die Erkrankung besiegen. Aber nein, das sind gravierende körperliche Veränderungen, die dagegen arbeiten.
SWR Aktuell: Was sind das für körperliche Veränderungen?
Lieb: Hormonelle Veränderungen, Veränderungen im Gehirn, im Hungerstoffwechsel stellt der Körper auf "Überleben" um.
SWR Aktuell: Gibt es genetische Komponenten, die einen Einfluss auf das Auftreten von Essstörungen haben?
Lieb: Ja. Man hat festgestellt, dass es familiäre Häufungen gibt und man kann Rückschlüsse ziehen, dass nicht jeder, der abnimmt, eine Essstörung entwickelt, sondern dass es zusätzlich eine Veranlagung braucht.
SWR Aktuell: Welche Rolle spielen die Sozialen Medien und der Vergleich mit anderen bei jugendlichen Mädchen?
Lieb: Der Vergleich mit anderen ist sicherlich ein großes Thema! Es gehört dazu, sich in diesem Alter zu vergleichen. Die körperlichen Veränderungen, die Entwicklung einer Identität, die Integration in die Gruppe Gleichaltriger, das Erreichen eines Selbstwerts, das Performen in der Schule – das sind sehr, sehr viele Entwicklungsaufgaben, die zu starken Verunsicherungen führen können. In den Sozialen Medien sieht man, dass alles besser, leichter, perfekter geht, wenn man dünner und somit schöner ist. Und natürlich berichten viele Patientinnen, dass sie solche Inhalte auch sehr, sehr häufig konsumieren.
SWR Aktuell: Kann man sagen, dass das vielleicht nicht unbedingt eine Essstörung auslöst, aber, wenn man die Tendenz hat, sich viel zu vergleichen, das dadurch eher wahrnimmt?
Lieb: Genau. Ist man einmal bei Themen wie gesunde Ernährung, Abnehmen oder Ähnlichem gelandet, kommt man oft schwer davon weg, da diese Nachrichten dann aufgrund der Algorithmen sofort wieder aufploppen.
SWR Aktuell: Wie sieht es mit der Geschlechterverteilung aus? Leiden mittlerweile auch mehr junge Männer unter Essstörungen?
Lieb: Wir haben durchaus einige junge Männer, die zu uns kommen. Diese leiden oft unter einer sehr starken Ausprägung der Erkrankung. Aber die überwiegende Zahl sind weibliche Jugendliche. Diesbezüglich hat sich jetzt in den vergangenen Jahren bei uns an der Klinik wenig geändert.
SWR Aktuell: Wenn beispielsweise Eltern Veränderungen im Essverhalten ihrer Kinder feststellen, was können die denn dann tun? Haben Sie vielleicht ein, zwei Tipps, wie man damit umgeht?
Lieb: Es wäre gut, wenn die Eltern sich trauen würden, Veränderungen, die sie beobachten, direkt anzusprechen und auch die Sorgen und Ängste, die sie damit verbinden: "Ich sehe das und das macht mir Sorge. Ist dir das auch aufgefallen? Wie siehst du das?" Sie sollten es direkt ansprechen, auf eine freundliche, liebevolle Art. Wenn bereits eine Gewichtsabnahme erkennbar ist, sollte man ärztliche Hilfe suchen und sich wirklich rasch in professionelle Hände begeben! Nicht abwarten, denn die Prognose ist bei dieser schweren, oft chronischen Erkrankung deutlich besser, wenn sie frühzeitig erkannt und behandelt wird!
SWR Aktuell: Was ist das Schwierige daran?
Lieb: Die Mädchen machen es den Eltern nicht so einfach, oder besser gesagt: die Erkrankung macht es den Eltern nicht einfach. Die Erkrankten versuchen häufig, die Eltern zu beruhigen. Es ist für Eltern schwer nachzuvollziehen, warum das Essen plötzlich so schwierig ist. Man sollte sich frühzeitig Hilfe suchen, lieber einmal zu viel. Denn die Erkrankung kann tödlich enden. Wir versuchen, die Jugendlichen und die Familien durch vielfältige Angebote zu unterstützen, um eine stationäre Aufnahme zu verhindern. Und häufig gelingt das auch.