SWR Aktuell: Während der Corona-Pandemie waren Ihre Mitarbeiter und Sie jeden Tag konfrontiert mit schweren Corona-Fällen und Toten. Die Intensivstationen waren voll. Was ist Ihnen besonders stark im Gedächtnis geblieben?
Prof. Günter Layer: Das Eindrucksvollste für mich ist die Erinnerung daran, dass einem bewusst geworden ist, dass Menschen gestorben sind, die eigentlich ins Krankenhaus gekommen sind, um Hilfe zu suchen. Das war einschneidend und schockierend, weil man eine Schuld empfunden hat, die objektiv gar nicht gegeben war, einen aber trotzdem angefasst hat. Wir hatten viele Patienten, die im Klinikum krank geworden sind, teilweise auf der Intensivstation behandelt werden mussten und die zum Teil auch verstorben sind. Und das macht schon etwas mit einem. Das ist meine intensivste negative Erinnerung.
SWR Aktuell: Gibt es denn auch positive Erinnerungen an Corona?
Layer: Ja, das Positive kann man auch nicht leugnen. In Erinnerung bleibt mir, dass es eine unglaubliche Bereitschaft der Mitarbeiter gab, mit den Kranken zu arbeiten. Ich habe es zum Beispiel nie erlebt – was im Nachhinein sehr verwunderlich ist -, dass jemand nicht mit Covid-Kranken umgehen wollte. Mir ist nie rückgemeldet worden, dass jemand sagte: "Das mache ich nicht" oder "Da will ich nicht hin." Die Bereitschaft, alles zu geben, war eindrucksvoll.
SWR Aktuell: Das heißt, es gab im Klinikum viel Solidarität?
Layer: Es war ein beeindruckender Teamgeist. Egal, ob in der Pflege oder bei den Ärzten oder in den anderen Bereichen. Gerade über eine so lange Zeit, finde ich, war das sehr beeindruckend.
SWR Aktuell: Wie haben Sie und Ihre Mitarbeiter diese Corona-Pandemie über die vielen Jahre weggesteckt?
Layer: Es ist nicht so, dass jeder das gut weggesteckt hat. Es gibt Mitarbeiter, zu denen ich mich auch rechne, die jetzt andere Dinge zu tun haben, und sich da keine immensen Gedanken darüber machen. Es gibt aber auch Mitarbeiter, die ausgeschieden sind, die den Beruf oder den Arbeitgeber gewechselt haben. Es gibt alle Spielarten der Verarbeitung, so möchte ich mal sagen.
SWR Aktuell: Welche Fehler wurden damals gemacht, die Sie so heute nicht mehr machen würden?
Layer: Das ist keine adäquate Frage, denn im Nachhinein etwas zu korrigieren, das hilft nicht weiter. Die Frage, die man stellen muss, ist vielleicht: Würde man heute mit einer Pandemie-Situation im Krankenhaus anders umgehen? Und da muss ich sagen: Prinzipiell nein. Wir sind in vielerlei Hinsicht heute aber besser aufgestellt. Das bessere Aufgestelltsein ist aber vor allem ein digitales Thema, da denkt man als Außenstehender nicht als Allererstes dran. Wir sind viel besser in der Lage, unsere Daten zu erfassen, zu verarbeiten. Wir wären heute frühzeitiger in der Lage, Infektionsgeschehen zu analysieren. Damals waren wir das ja gar nicht.
SWR Aktuell: 97 Prozent der Kliniken sagen laut einer Umfrage, sie seien besser auf eine Pandemie vorbereitet als 2020. Wie ist das im Klinikum Ludwigshafen?
Layer: Wir haben in der Pandemie versucht, Patienten, die infektiös waren, zusammengelegt zu kohortieren. Das würden man heute nicht mehr in derselben Form machen. Heute weiß man, dass die vielen Bewegungen der Patienten im Haus, die Infektionen noch befeuert haben. Und dass der Nachweis immer viel zu spät gekommen ist. Wir sind ja hinter den Infektionen hergelaufen. Das sind so Dinge, die kann man aber nur wissen, wenn man sie erlebt hat. Ohne die Fehler von damals könnte man heute darauf nicht anders reagieren. Insofern denke ich, dass die Frage nicht ganz richtig ist. Ich bin überzeugt, wenn wir morgen eine andere Pandemie bekommen, dann werden wir wieder andere Fehler machen. Wir werden andere Phänomene erleben und dann werden wir auch wieder lernen müssen. Ehrlicherweise muss man sagen, die Infrastruktur war ja damals auch nicht schlecht. Und sie ist ja auch nie ganz zusammengebrochen. Man hatte ja immer die Befürchtung, jetzt kommen wir vielleicht an Materialgrenzen, jetzt gehen die Masken aus.
Ich erinnere mich an diese Diskussion: Sind die Masken dicht? Was man ja als Arzt überhaupt nicht beantworten kann. Man bekommt eine Maske und trägt sie. Das würde man heute genauso machen. Das Einzige, was materiell wirklich schwierig war, waren die Intensiv-Kapazitäten mit den Beatmungsplätzen, die in den Spitzen dann immer wieder zu zum Teil weit entfernten Verlegungen führten und zu vielen Absprachen mit Kollegen in anderen Zentren. Die haben aber sehr gut funktioniert, das muss man sagen. Auch da würde man nichts anders machen.
SWR Aktuell: Haben Sie denn im Klinik-Keller Masken und Schutzanzüge auf Vorrat?
Layer: Wir sind materiell sicher besser aufgestellt, als wir das 2019/2020 waren. Aber man fährt natürlich Kapazitäten auch wieder zurück. Wir werden jetzt keine Millionen von Masken immer Keller horten in Erwartung einer neuen Pandemie und warten, bis sie ablaufen und dann alle verbrennen. Ich hoffe, dass wir gelernt haben, wie man Infrastruktur schneller aufbaut, als wir das damals gekannt oder gekonnt haben. Aber politisch bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob wir was gelernt haben. Die Abhängigkeit vom asiatischen Markt ist meines Erachtens genauso hoch, wie sie damals war. Und wir halten auch keine Intensivkapazitäten über Not vor, die damals aufgebaut worden sind. Die müssten wir auch wieder neu aufbauen.
Vieles von dem, das wir damals getan haben, müssten wir heute auch wieder tun. Es würde vielleicht nur ein bisschen schneller gehen, weil man die Mechanismen schon kennt.