Der Annur-Kulturverein in Ludwigshafen präsentiert sich weltoffen: Auf seiner Homepage prangt ein Bild mit der Aufschrift "Welcome". Zuletzt lud er zum Tag der Offenen Moschee in das von ihr betriebene Gebetshaus ein. Dort tritt allerdings regelmäßig ein Prediger auf, dem Experten islamistische Aussagen und Bezüge zur Muslimbruderschaft bescheinigen. Die Muslimbruderschaft lehnt laut rheinland-pfälzischem Verfassungsschutz weltliche Gesetze zugunsten einer islamischen Ordnung ab.
Es geht um den Deutsch-Ägypter Ismail Mohamed Refaat, nach eigenen Angaben Gelehrter unter anderem in zeitgenössischer islamischer Geschichte. Bei seinen Auftritten in Ludwigshafen spricht er in arabischer Sprache über religiöse Inhalte, etwa über das Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits.
Dschihad und Gottes-Herrschaft
In Predigten, die mutmaßlich in der Moschee stattfanden, vertritt er allerdings auch noch andere Thesen. In einem inzwischen nicht mehr abrufbarem Internet-Video vom Januar beklagt er laut Übersetzung ins Deutsche etwa das angebliche Übel "der Abwesenheit von Gottes Gesetz und seiner Herrschaft auf Erden". Dieses sei "tief in unserem Alltag, unseren Rechtssystemen und unserem Wirtschaftsleben verwurzelt". In einer anderen Predigt sagte er: "Wenn wir nicht zuerst den islamischen Staat in unseren Herzen errichten, wird er niemals auf unserem Land errichtet werden."
Er befasst sich zudem mit dem "Dschihad", der laut eines ebenfalls nicht mehr abrufbaren Videos vom April 2025 "im Islam eine sehr edle, kultivierte und zivilisierte Bedeutung" habe. Ismail Refaat benutzt den Begriff im militärischen Kontext. Zwar lehnt er den Einsatz von Waffen und Terrorismus in Deutschland ab. Wenn muslimische Länder angegriffen würden, sei der Dschihad allerdings eine persönliche Pflicht. Als Beispiele für Gebiete, die von "Ungläubigen" besetzt seien, nennt er die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem sowie den Balkan und Länder wie die Philippinen und Indien.
Experten sehen islamistische Inhalte
Mehrere Experten, denen der SWR Auszüge aus Videos vorgelegt hat, sehen in der Haltung des Predigers islamistische Züge. "Im Weltbild von Herrn Refaat stehen religiöse Werte über dem sozialen und politischen System," sagt etwa Adam Ashab, Jurist und Islamismus-Experte bei der Fachstelle Islam im Land Brandenburg. Der Prediger folge einer strengen, salafistischen Interpretation der Scharia.
Ähnlich sieht es der Berliner Nahost-Experte Christoph Leonhardt. Er erkenne in Refaats Dschihad-Äußerungen eine "unmittelbare Übertragung auf gegenwärtige Konflikte." Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer sieht die vorgelegten Predigten als "durchgehend mit Gewaltmetaphorik aufgeladen, auch wenn nicht zur Gewalt aufgerufen wird."
Botschafter einer Muslimbruder-Vereinigung
Eine SWR-Anfrage dazu ließ der Prediger unbeantwortet. Auch zu dessen mutmaßlichen Kontakten zur Muslimbruderschaft. Nach SWR-Recherchen ist Refaat "Botschafter" der in der Türkei ansässigen "Internationalen Vereinigung zur Unterstützung des Propheten". Diese führte in der Vergangenheit unter anderem Kampagnen gegen Mohammed-Karikaturen durch.
Bei deren Gründungsversammlung 2021 war unter anderen Khaled Mishal dabei. Er war damals Politbüro-Chef der von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuften "Hamas", die als Ableger der Muslimbruder im Gaza-Streifen gilt. Auf Anfrage des SWR teilte das Bundesamt für Verfassungsschutz mit, die Vereinigung sei aus einer Organisation in Katar heraus gegründet worden, die "maßgeblich durch die „Muslimbruderschaft" beeinflusst sei. Diese habe unter anderem den Dschihad zur "Befreiung Palästinas" zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims erklärt.
In einem Artikel für eine Zeitschrift der türkischen Vereinigung führt der Prediger Refaat den Mitbegründer der "Hamas", Scheick Abu Yasin, als "Helden" auf. Dazu gibt es auch einen begleitenden Social Media Post, in dem neben Refaat auch die frühere Hamas-Führungsfigur Yahya Sinwar abgebildet ist. Ein anderes Foto zeigt Refaat zudem mutmaßlich auf der Bühne einer Veranstaltung der Muslimbrüder 2013 in Kairo.
Moscheeverein hält an Prediger fest
Der Verfassungsschutz in Rheinland-Pfalz teilte auf SWR-Anfrage mit, die Annur Moschee in Ludwigshafen sowie der Prediger Ismail Refaat seien den Sicherheitsbehörden des Landes "grundsätzlich bekannt". Zu einzelnen Predigt-Aussagen und den Bezügen zur Muslimbruderschaft äußerte sich die Behörde nicht.
Auch der Vorsitzende des Annur Kulturvereins, Mahmoud Breighith, geht in einer ausführlichen Stellungnahme nicht konkret darauf ein. Was die Predigtpassagen angehe, wolle man diese weder "relativieren noch eine bestimmte Interpretation vorgeben." Man selbst habe in den Aktivitäten des Predigers keine extremistischen Positionen oder eine Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wahrgenommen. Man respektiere die in Deutschland geltende Ordnung "uneingeschränkt". Dies habe auch Ismail Refaat dem Verein gegenüber erklärt. Eine politische oder ideologische Instrumentalisierung "unserer religiösen Arbeit" entspreche nicht dem Vereinszweck.
Laut Videos auf der Facebook-Seite des Vereins ist der Prediger seit September mindestens acht Mal in der Ludwigshafener Moschee aufgetreten. Zuletzt am vergangenen Dienstag.