Wie hast du die Flut erlebt ?
"Wir haben während der Flut alles verloren und alles wieder aufgebaut", sagt Winzer Lukas Sermann aus Altenahr. Ihm sei sofort klar gewesen, dass man das "nicht an einem Tag wegräumt". Die Halle stand unter Wasser, viele Weinfässer zerstört, Restaurant und Vinothek waren schwer beschädigt.
Lebensbedrohlich war es für Silvia Groß aus Ahrweiler. Sie wollte in den Flur gehen, um eine Taschenlampe zu holen. "Da ist die Tür aufgesprungen und ich habe brusthoch im Wasser gestanden." Ein 18-jähriger Nachbar aus der 2. Etage zieht sie aus der überfluteten Wohnung. Die ist völlig zerstört, doch viel schlimmer ist: Was ist mit ihrem Mann? Am Tag darauf steht er vor dem Haus - er hat ebenfalls überlebt.
Wir haben während der Flut alles verloren und alles wieder aufgebaut.
Patrick Lichius, damals stellvertretender Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Rech, hat am Tag der Flut Geburtstag. Doch an eine Feier ist nicht zu denken. Mit seiner Mannschaft kann er viele Menschen noch vor der Flut aus den Häusern holen, schafft Trinkwasser herbei und kühlt Medikamente. "Wir waren ja mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten", erinnert er sich.
Auf andere Art geholfen hat Christiane Thul-Steinheuer aus Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sie organisiert in den Tagen nach der Flut eine rollende Suppenküche. Zunächst zog sie mit Helferinnen und ihrem Bollerwagen durch die Straßen und versorgte die vielen Helfer, später brachte sie vor allem älteren Menschen Essen und Trinken.
Wie hat die Flut dein Leben verändert?
"Danach war nichts mehr wie früher", sagt Winzer Sermann. Vier Jahre später sind Weingut und Restaurant wieder hergerichtet, auch dank der vielen Helfer, die ins Ahrtal kamen. "Ich würde heute nicht mehr über die Jugend schimpfen. Die sind gut", sagt Silvia Groß, die immer noch beeindruckt ist, wie viele jungen Menschen damals ins Ahrtal kamen mit Schippe und Besen und beim Aufräumen halfen.
Ihrem verlorenen Besitz trauert Silvia Groß nicht nach. "Man wird zufriedener, genügsamer mit dem, was man hat", sagt sie rückblickend.
"Es hat auf jeden Fall die Gemeinschaft gestärkt im Ort", glaubt Patrick Lichius, der inzwischen Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Rech ist.
Dass sie mal vier Jahre lang einen Treffpunkt hat, an dem sie Essen anbietet und Senioren betreut, hätte sich Helferin Christiane Thul-Steinheuer vorher nicht vorstellen können. "Ich habe es gerne gemacht und mit Liebe gemacht für die alten Leute."
Wie gehst du mit den Erinnerungen an die Flut um?
Silvia Groß war anschließend in Therapie, um die Katastrophe zu verarbeiten. Heute will sie nicht mehr oft daran zurückdenken. Das Ganze sei "ins hintere Eck des Herzens verbannt", sagt sie.
Auch Feuerwehrmann Lichius hat versucht, sich mit den Lösungen der Probleme zu beschäftigen und nicht zu viel über die teils schweren Schicksale nachzudenken von Menschen, die er kennt und kannte.
"Mir hat die Arbeit mit den Leuten geholfen zu verarbeiten, was ich in den ersten Tagen nach der Flut gesehen habe", erzählt Thul-Steinheuer. Schlimm sei es gewesen, wenn die Helfer Tote aus Kellern und Garagen geborgen hätten.
Wenn solche Jahrestage sind, dann kommen die Themen der Nacht wieder hoch.
Fühlst du dich heute besser geschützt?
"Was Hochwasserschutz angeht, ist bis dato noch zu wenig gemacht worden", meint Groß und auch Helferin Thul-Steinheuer fühlt sich durch die bisherigen baulichen Veränderungen im Ahrtal nicht wesentlich besser geschützt.
Anders sieht das Feuerwehrmann Lichius: "Wir sind wesentlich besser aufgestellt als wir es damals waren." Die Einsatzpläne seien heute viel detaillierter, sagt er. Auch Winzer Sermann fühlt sich sicherer. Es habe nach der großen Flut noch mal ein kleines Hochwasser gegeben. Da wurde wesentlich besser gewarnt und "wir sind inzwischen versichert", erzählt er.
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