Die Sonne scheint auf den Campus der Stiftung Scheuern in Nassau, es ist 9 Uhr morgens. Andreas Sudermann hat da schon längst gefrühstückt und steht in Anorak, Jeans und Turnschuhen auf dem Flur seiner Wohngruppe "Schlösschen 1". Unter dem Arm hält der 37-Jährige eine Gitarre, denn ohne die verlässt er nie sein Zimmer. Andreas wartet auf seinen Betreuer Ivan Kleja, die beiden haben ein Ritual: Jeden Morgen gehen sie zusammen den Philosophenweg rund um das Stiftungsgelände.
Musik ersetzt für Andreas Sudermann das Sprechen
"Andreas wartet immer schon auf mich, wenn ich auf die Arbeit komme. Wir suchen uns gemeinsam ein Lied aus und dann gehen wir los", berichtet Kleja. So auch an diesem Morgen. In der Hand hält der Betreuer einen kleinen Bluetooth-Lautsprecher, als die beiden auf den Schotterweg durch eine kleine Wiesenaue einbiegen. In gedämpfter Lautstärke erklingt Leonard Cohens "Hallelujah" - Andreas spielt dabei auf seiner Gitarre.
Nicht rhythmisch, nicht melodisch, aber darum geht es auch gar nicht. "Andreas gibt das Sicherheit und Struktur. Die Gitarre ist sein Ausdrucksmittel", erklärt Kleja. Denn Andreas Sudermann kann wegen einer geistigen Behinderung kaum sprechen. Nur einzelne Worte wie Ja und Nein, Hallo und Tschüss gehen ihm über die Lippen. Und: Hallelujah. "Das ist sein Lieblingslied", weiß der Betreuer. Und Kleja sagt: "Für mich ist das auch wichtig geworden."
Ergotherapeutin erklärt: Musik stärkt Fähigkeiten
Andreas Sudermann ist nur einer von vielen Bewohnern der Stiftung Scheuern, für die Musik mehr ist als nur eine Aneinanderreihung von Tönen. Das weiß auch Ergotherapeutin Dorothee Rometsch. Sie bietet jede Woche einen Kurs an, spielt dabei auf der Gitarre und singt. Die Bewohner der Wohngruppen und Mitarbeitenden der Behindertenwerkstätten würden das Angebot begeistert annehmen, sagt sie. Auch diesmal ist der Saal voll. Und: Musikwünsche sind ausdrücklich erlaubt.
"Die Affen rasen durch den Wald", wird reingerufen. "Aber bitte mit Sahne", wünscht sich ein anderer Teilnehmer. Mitmachlieder sind der Renner, sagt Rometsch: "Die kennen viele noch von früher, teilweise aus dem Kindergarten. Musikalische Erinnerungen sind sehr, sehr tief im Gehirn verankert und lange noch abrufbar." Sie freut sich über jeden, der kommt. Musik stärke für alle Teilnehmenden die Sprachfähigkeiten und auch die Motorik. Denn: Alle dürfen auch auf Instrumenten mit trommeln oder rasseln.
Andre ist in seiner Fantasie ein Rockstar in der Stiftung Scheuern
Musik fördere alle Hirnareale, unterstreicht Rometsch. Was das bedeuten kann, stellt auch Andre Grimm unter Beweis. Er sitzt im Rollstuhl und wohnt im "Alten Haus" in Wohngruppe 4. In seinen Gedanken ist er aber ein Rockstar und mit der Band "Black Cactus" auf Tournee. "Wir machen Rock 'n Roll, denn das ist cool", erzählt er. Betreuerin Inge Böhm taucht mit Andre jeden Tag in seine Fantasiewelt ein: "Wenn er von einem neuen Auftritt von Black Cactus erzählt, machen wir den Spaß mit."
Gemeinsam klären sie, in welcher Halle die Band spielt, ob mit dem Privatjet oder mit dem Tourbus angereist werden kann. So waren sie in Gedanken gemeinsam schon in der Festhalle Frankfurt oder in Amerika. In der realen Welt wird Andre wegen seiner Beeinträchtigungen wohl nie auf Welttournee gehen können, aber der Gedanke daran gebe ihm Halt und Freude in seinem Alltag, weiß Böhm: "Wenn wir darauf eingehen und Spaß mit ihm machen, dann ist er glücklich. Das ist das wichtigste. Der Spaß muss immer da sein und jeden Tag wird gelacht."
Max Kaucher: Liebe geht nicht nur durch den Magen
Von einer großen Karriere träumt auch der 23-Jährige Max Kaucher. "Schlagerstar, vielleicht irgendwo auf Mallorca", formuliert er sein großes Ziel. Max hat eine schwere Sehbehinderung und arbeitet in der Gastronomie der Stiftung Scheuern. Seine größte Leidenschaft sind aber der Gesang und sein Keyboard. Seit 19 Jahren spielt er das Instrument, ist im Musikverein, war mal im Männergesangverein und ist mittlerweile sogar Hofsänger der Bad Emser Karnevalsgesellschaft.
"Max ist das beste Beispiel für Inklusion durch Musik", sagt Manuela Nörtershäuser von der Stiftung Scheuern. Denn als Hofsänger ist er gefragt. Egal ob Karnevalssitzung, 60. Geburtstage oder Tanz in den Mai: Max werde regelmäßig gebucht. Und auch an seinem Arbeitsplatz, im "Café Orgelpfeife" in der Stiftung Scheuern, spielt er jeden Monat zum Tanztee auf. "Alle Beeinträchtigten singen mit, schunkeln mit, feiern mit. Dann geht denen das Herz auf", freut sich Max Kaucher.
Und was bedeutet es ihm, wenn er auf der Bühne steht? "Ganz ehrlich: Dann ist Partytime." Beim inklusiven Muttertagskonzert wird Max aber die Seite wechseln und im Zuschauerraum Platz nehmen.