ARD-Podcast "Im Fall Kusel – Die letzte Jagd“ 

"Ob er auf mich auch geschossen hätte?“ Ex-Polizist und Freund von Polizistenmörder packt aus

Die Vorwürfe wiegen schwer: Ein ehemaliger saarländischer Polizist, der geholfen haben soll die Wilderei des späteren Polizistenmörders Andreas S. zu vertuschen? Diesen Gerüchten sind ARD-Reporter während ihrer Recherche zum Polizistenmord von Kusel immer wieder begegnet. Jetzt hat der Mann mit den beiden im Podcast "Im Fall Kusel – Die letzte Jagd“ gesprochen.  

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Stand

Von Autor/in Nadine Thielen (SR), Lukas Baumann (SR)

Er habe nichts zu verbergen, sagt Werner Thom, ehemaliger Polizist in der Polizeiinspektion Sulzbach und langjähriger Freund des verurteilten Polizistenmörders Andreas S. Er entscheidet sich mit Klarnamen mit den SR-Reportern Nadine Thielen und Lukas Baumann für Ihre Recherche über den Polizistenmord von Kusel zu sprechen. Es stimmt, dass Werner Thom jahrelang mit Andreas S. befreundet war:  "Ich kenne den von klein an. Ich bin also in seinem Elternhaus privat verkehrt,“ erzählt Thom in der aktuellen Bonus-Folge des ARD-Podcasts "Im Fall  Kusel – Die letzte Jagd“.

Andreas S. sei schon als kleiner Junge ein "pfiffiges Kerlchen“ gewesen. Und ja, die beiden seien dann auch später befreundet gewesen. So sagt es Werner Thom. Man habe zusammen gejagt, die Familien haben sich sehr gut gekannt. Was aber ist mit den Vorwürfen gegen Andreas S.? Schon vor dem Polizistenmord hatte die Staatsanwaltschaft insgesamt 38 Ermittlungsverfahren auf den Weg gebracht. Werner Thom habe Andreas S. als charmanten Menschen kennengelernt, sagt er uns. Aber es gab auch eine andere Seite. 

Kreis Kusel

ARD-Podcast Im Fall Kusel - Die letzte Jagd

Eine ganz normale Verkehrskontrolle endet im Mord an zwei jungen Polizisten. Der Polizistenmord von Kusel hat im Januar 2022 die ganze Bundesrepublik schockiert. Der Täter: ein Mann, der illegal jagt und den die Polizisten durch Zufall dabei erwischt haben. Der Podcast „Im Fall Kusel – Die letzte Jagd“ erzählt die Geschichte eines Mordes. Aber nicht nur das: Die Journalisten und Hosts Nadine Thielen und Lukas Baumann recherchieren, wie es zu dieser Tat kommen konnte. Sie finden heraus, dass der Täter schon lange vor der Nacht von Kusel immer wieder aufgefallen ist – in seinem Umfeld, gegenüber der Polizei und sogar gegenüber der Staatsanwaltschaft. Aber warum hat ihn das nicht stoppen können? Mit „Im Fall Kusel – Die letzte Jagd“ geht die True-Crime-Podcast-Serie „Im Fall“ des Saarländischen Rundfunks in die dritte Staffel.

2017 befragte die Polizei auch ihren ehemaligen Kollegen 

Ein Fall aus dem Jahr 2017 kommt Jahre später auch vor Gericht: Da soll Andreas S. in einem fremden Pirschbezirk gewildert haben. Und genau wegen dieses Vorfalls muss auch der ehemalige Polizist Werner Thom seinen jüngeren Polizei-Kollegen damals Rede und Antwort stehen. Andreas S. soll in einer Nacht im September 2017 in der Nähe von Spiesen (Saarland) in einem fremden Pirschbezirk gewildert haben. Ein anderer Jäger soll ihn dabei erwischt haben, worauf Andreas S. versucht haben soll diesen mit seinem Auto zu überfahren.  

Was wäre passiert, wenn ich ihn erwischt hätte? Ob er auf mich auch geschossen hätte?

Am nächsten Morgen wird Werner Thom von mehreren Zeugen ganz in der Nähe dieses Vorfalls mit seinen Jagdhunden gesehen. Er ist auf der Nachsuche nach einem erlegten Reh, dass Andreas S. geschossen hat. Andreas S. hatte ihn gebeten, ihm bei der Nachsuche zu helfen. Werner Thom bestätigt das im SR-Interview. Aber laut ihm handelte es sich nicht um ein gewildertes Tier.

Freund von Polizistenmörder: "Dann lernst du mich mal kennen"

Andreas S. habe in dieser Nacht jedenfalls auch legal in seinem eigenen Pirschbezirk gejagt, der direkt neben dem anderen Bezirk lag. Und im Pirschbezirk von Andreas S. habe Werner Thom auch gesucht: nach einem legal geschossenen Reh und es auch gefunden. Werner Thom sagt gegenüber dem SR, er habe nichts von Wilderei gewusst. Erst als die Polizei ihn – den ehemaligen Polizisten – anruft, versteht er, welche Vorwürfe gegen ihn im Raum stehen. 

Werner Thom ist zu diesem Zeitpunkt kein aktiver Polizist mehr, sondern längst im Ruhestand. Trotzdem ist ihm der Vorfall mehr als unangenehm und er findet laut eigener Aussage klare Worte gegenüber Andreas S.: "Wenn nochmal so ein Scheiß kommt, dass ich was mit der Polizei zu tun hab, dann lernste mich mal kennen." Das für die Polizei zuständige Innenministerium bestätigt dem SR, dass Thom rund um diesen Vorfall als Zeuge befragt wurde. Es habe aber keine disziplinarrechtlichen oder strafrechtlichen Maßnahmen gegen Werner Thom gegeben. So sagt es auch Werner Thom. 

"Für 200.000 Euro kann man doch mal in den Knast gehen“ 

Thoms Version wirkt glaubwürdig. Spätestens da muss er aber auch von Wilderei-Vorwürfen gewusst haben, die in großen Teilen der Jägerschaft lange vor dem Polizistenmord bekannt waren. Thom erzählt, dass er Andreas S. auch persönlich angesprochen habe. "Da habe ich zu ihm gesagt, Bäcker, du Idiot, wilderst du?" Thom nannte Andreas S., der gelernter Bäckermeister war, bei seinem Spitznamen "Bäcker". Die Antwort des späteren Polizistenmörders laut Thom: "Für 200.000 Euro im Jahr kann man doch mal in den Knast gehen." Eine Antwort mit Interpretationsspielraum. Für Thom ist klar: "Eine Vermutung, genügt ja nicht im Strafverfahren. Man braucht schon handfeste Beweise und die konnte ich nicht bringen."

Es muss um diese Zeit gewesen sein, als die jahrelange Freundschaft zwischen Thom und Andreas S. auseinanderging. Laut Thom habe es keinen besonderen Moment oder Bruch gegeben, Andreas S. sei kaum noch erreichbar gewesen. Die Treffen wurden weniger. Der Kontakt brach ab. Aus der Zeitung erfährt Thom, dass es Ärger gibt rund um den Bäckereibetrieb von Andreas S. Da ahnt er schon, dass etwas nicht stimmt. 

Nach dem Polizistenmord von Kusel liegen am Tatort Blumen und Kerzen am Straßenrand.
Am Tatort bei Ulmet im Kreis Kusel werden immer wieder Blumen abgelegt und Kerzen aufgestellt. (Archivbild)

Langjähriger Freund nennt Polizistenmörder von Kusel "kaltblütig"

Am Tag des Polizistenmordes erreicht Werner Thom dann ein Anruf: Eine ehemalige Kollegin ist dran. Sie erinnert sich, dass Werner Thom mit Andreas S. früher befreundet war. Der ehemalige Polizist Thom wird erneut als Zeuge befragt. Thom ist damit einer der ersten, die erfahren, dass es Andreas S. war, der die Polizisten Yasmin B. Und Alexander K. auf einer Kreisstraße im Landkreis Kusel getötet hat. Die beiden Polizisten, die ihn beim Wildern erwischt hatten.  

Die Kaltblütigkeit treibt Werner Thom bis heute um. Er glaubt nicht, dass Andreas S. in seinem Pirschbezirk gewildert hat. Das traut er Andreas S. nicht zu. Bei einer anderen Sache ist er sich nicht so sicher. Und die treibt ihn bis heute um: "Was wäre passiert, wenn ich ihn erwischt hätte? Ob er auf mich auch geschossen hätte?"

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Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Jan Jaworski
Jan Jaworski, Redakteur im SWR Aktuell Studio Kaiserslautern
Autor/in
Nadine Thielen (SR)
Lukas Baumann (SR)

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