"Es ging soweit, dass ich mich in den Papierkorb übergeben musste."

Burnout und Depressionen: So belastet sind Erzieherinnen in Kitas in RLP

Seit das neue Kita-Gesetz in Rheinland-Pfalz gilt, ist die Arbeit in Kitas aus Sicht vieler Beschäftigter anstrengender geworden. Drei Erzieherinnen aus der Pfalz berichten über ihren Alltag.

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Für Diana, Elisabeth (Namen wurden von der Redaktion geändert) und Anika ist ihr Beruf mehr als nur ein Job – für sie ist er eine Berufung. Wenn die drei Erzieherinnen über ihre Arbeit in der Kita sprechen, wird schnell deutlich, mit wie viel Leidenschaft sie dabei sind.

"Kinder machen mich glücklich. Sie geben dir so viel zurück und nehmen dich einfach so an, wie du bist", erzählt Diana. Sie ist seit 2019 Erzieherin. Elisabeth und Anika arbeiten bereits seit mehreren Jahrzehnten als Erzieherinnen. Trotz ihrer Leidenschaft für den Beruf spüren sie seit der Einführung des neuen Kita-Gesetzes 2021 in Rheinland-Pfalz immer stärker, wie sich die Arbeit auf ihre Gesundheit auswirkt.

Erzieher und Erzieherinnen in RLP leiden unter Burnout und Depressionen

"Es ging soweit, dass ich mich in den Papierkorb übergeben musste, weil mein Körper nicht mehr wollte", erzählt Elisabeth. Der anhaltende Stress führte bei Diana dazu, dass sie zwischenzeitlich acht Wochen krankgeschrieben war. Währenddessen spürte sie zwar, dass dieser Schritt wichtig für ihre Gesundheit war. Doch die Schuldgefühle, ihre Kolleginnen allein gelassen zu haben, haben sie zusätzlich belastet.

Es ging soweit, dass ich mich in den Papierkorb übergeben musste, weil mein Körper nicht mehr wollte.

Alle drei Frauen erzählen im Gespräch mit dem SWR, dass sie in den letzten Jahren immer häufiger krankgeschrieben wurden. Anika hatte irgendwann ein Burnout. Begonnen hatte es mit depressiven Phasen. Dann ging es ihr körperlich immer schlechter - Übelkeit und Erschöpfung waren die Symptome.

Die Erzieherinnen berichten auch von gestandenen Kolleginnen, die über 40 Jahre in Kitas tätig waren und jetzt an Burnout leiden.

Längere Betreuungszeit, anderer Betreuungsschlüssel in Kitas

Mit dem neuen Kita-Gesetz wurden unter anderem die Betreuungszeiten flächendeckend auf sieben Stunden erhöht. Auch der Betreuungsschlüssel wurde verändert: Vor 2021 war eine Erzieherin für zehn Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren zuständig. Heute gilt zwar immer noch ein Verhältnis von einer Fachkraft zu zehn Kindern – allerdings für eine größere Altersspanne: von zwei bis sechs Jahren.

Wie soll das funktionieren? Ein zweijähriges Kind muss ganz anders betreut werden als ein Sechsjähriges.

RLP

CDU und SPD starten gemeinsame Regierungsarbeit Koalitionsvertrag unterzeichnet: Neue Regeln für Bildung, mehr Polizei, Entlastung für Grundstückseigentümer

Der Koalitionsvertrag ist unterzeichnet: Es soll unter anderem neue Regeln für Kitas und Schulen, mehr Polizei und mehr Geld für Kommunen geben.

Für Elisabeth ist das im Alltag schwer umzusetzen. Ein zweijähriges Kind benötige eine ganz andere Betreuung als ältere Kinder, erklärt sie.

RLP: Personalmangel in Kitas wird zum Dauerproblem

Für die Erzieherinnen ist einer der Gründe für den anhaltenden Stress ganz klar: zu wenig Personal. Sie kritisieren, dass der normale Kita-Alltag im Gesetz nicht berücksichtigt wurde. Fallen beispielsweise zwei Kolleginnen gleichzeitig wegen Krankheit oder Urlaub aus, kann eine Kita schnell an ihre personellen Grenzen kommen. Für die Erzieherinnen bedeutet das zusätzlichen Druck. Und mehr Verantwortung für die Kolleginnen und Kollegen, die im Dienst sind.

Die Gewerkschaft ver.di erklärt dem SWR, dass das Kita-Zukunftsgesetz in Rheinland-Pfalz vieles nicht einfacher gemacht hat. Angestrebte Ziele wie Entlastung und bessere Qualität seien nicht erreicht.

Caritas in Koblenz bietet Beratung für erschöpfte Erzieherinnen

In Koblenz bietet betroffenen Erzieherinnen unter anderem das Betriebliche Beratungszentrum (BBZ) der Caritas eine erste Anlaufstelle. Vor zehn Jahren seien die meisten Klienten noch wegen Suchtproblemen ins BBZ gekommen, meint Leiter Ansgar Sauerborn. Das habe sich mittlerweile gewandelt.

"Der Beratungsbedarf hat sich dahingehend geändert, dass wir heute vor allem Menschen in Erschöpfungszuständen betreuen", so Sauerborn. Nach Angaben des BBZ kommen mittlerweile mehr als acht von zehn Klienten wegen psychischer Erschöpfung oder psychosozialer Probleme. Beratungen zu Sucht oder Schulden rangieren demnach mittlerweile weit dahinter.

Sauerborn betont, dass sich der Trend auf Mitarbeitende aus allen Branchen bezieht, die das BBZ betreut. Aber der ausgebildete Sozialpädagoge sagt auch: Menschen in Sozialberufen, wie zum Beispiel Erzieher, reagierten oft sensibler auf soziale Belastungen:

Wenn die dann in eine Situation kommen, wo es am Arbeitsplatz immer schwieriger wird, neue gesetzliche Vorgaben da sind, die sie an ihrer Arbeit mit Menschen hindern, ist das oft sehr belastend.

500 Beratungen wegen psychischer Belastung bei Koblenzer Träger

Die katholische KiTa gGmbH Koblenz kooperiert seit 2020 mit dem BBZ der Caritas. Sie ist Trägerin mehrerer Kitas, unter anderem in Koblenz und Umgebung. Nach Angaben der pädagogischen Geschäftsführerin Kerstin Naunheim haben seitdem mehr als 500 Beratungen wegen psychischer Belastungen stattgefunden. Sie begründet das unter anderem auch mit gestiegenen Anforderungen durch die Reform des Kita-Gesetzes 2021.

Außerdem hätten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert, so Naunheim: "Was bedeutet, dass auch Bedarfe von Kindern und Familien gestiegen sind." Deshalb sei der psychische Druck für Erzieherinnen zuletzt größer geworden, "und ich glaube auch, dass er noch steigen wird", sagt Naunheim.

Sie fordert deshalb eine erneute Anpassung des Betreuungsschlüssels durch die Landesregierung: "Eigentlich ist es klar, dass die Kita so personalisiert werden muss, dass Ausfälle miteinberechnet sind."

Frankenthal in der Pfalz setzt auf Springer in Kitas

Um Engpässe in den Kitas abzufedern, hat die Stadt Frankenthal ein sogenanntes Springer-Konzept. Dafür gibt es einen Pool aus Kinderpflegern, Sozialassistenten sowie Erzieherinnen. Sie springen jeweils für ein bis drei Monate in verschiedenen Kitas in Frankenthal ein, wenn dort Personal fehlt.

Kita-Gesetz könnte sich in RLP 2028 ändern

Das Bildungsministerium verweist darauf, dass in Rheinland-Pfalz aktuell mehr als 40.200 pädagogische Fachkräfte in Kitas arbeiten – so viele wie noch nie. Trotzdem bleibe der Fachkräftemangel eine große Herausforderung. Sind Kitas personell unterbesetzt, müssten die Träger die Lücken laut Kita-Gesetz schnell schließen. Das Land finanziere Vertretungskräfte dabei schon ab dem ersten Tag mit.

Zugleich verweist das Ministerium auf Angebote wie Supervision, Fort- und Weiterbildungen zur Gesundheitsförderung für Kita-Fachkräfte. An den Kosten beteiligt sich das Land nach eigenen Angaben.

Die Kritik an der Personalsituation in rheinland-pfälzischen Kitas sei bekannt. Bei der für 2028 geplanten Überarbeitung des Kita-Gesetzes soll dieses Thema laut einer Sprecherin deshalb "eine große Rolle spielen."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Tim Saynisch
Foto von Multimediareporter Tim Saynisch
Theresa Lienen
Theresa Lienen
Jan Teuwsen
Jan Teuwsen am Mikrofon
Christina Fleischanderl
Christina Fleischanderl

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