Beraterin über ADHS und die alltäglichen Probleme

"Ich möchte mein ADHS nicht hergeben"

Bianca Peiler begleitet als Coach Familien mit ADHS-Diagnosen - und ist selbst betroffen. Welche Herausforderungen es gibt und warum Akzeptanz wichtiger ist als Superkraft.

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Bianca Peiler ist Elterntrainerin aus Zweibrücken. Sie hat selbst eine ADHS-Diagnose erhalten, ebenso wie zwei ihrer Kinder. Seit mehreren Jahren begleitet sie Familien dabei, den Alltag mit ADHS zu meistern. Hier berichtet sie im Rahmen des Diversity-Tags der ARD von ihren Erfahrungen.

SWR Aktuell: Frau Peiler, Sie beraten als Coach nicht nur Menschen mit ADHS, sondern haben auch selbst diese Diagnose. Wann haben Sie gedacht: Ich bin irgendwie anders, ich bin nicht so wie alle anderen?

Bianca Peiler: Eigentlich schon immer, tatsächlich schon im Kindergarten. Wenn ich irgendwie verträumt irgendwo rumgesessen hab, während die anderen gespielt haben. Das zog sich dann durch die Grundschulzeit. Sozialkontakte waren immer ein bisschen schwierig. Und es war eigentlich immer so dieses Gefühl dabei: Irgendwie bin ich so ein Freak, irgendwie bin ich außen vor. Selbst wenn ich mit meinen Freunden zusammen war, hab ich mich oft unverstanden gefühlt. Das sind tatsächlich Empfindungen, von denen viele Menschen im neurodivergenten Spektrum berichten.

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SWR Aktuell: Das neurodivergente Spektrum beschreibt Menschen, deren Gehirn anders funktioniert als der statistische Durchschnitt. Das betrifft etwa ADHS, Autismus, Legasthenie oder andere neurologischen Besonderheiten. Sie haben die Diagnose erst im Erwachsenenalter bekommen - ist das ungünstig?

Peiler: Man stellt sich halt vor, wie das Leben verlaufen wäre, wenn man mit 6 oder 7 Jahren die Diagnose bekommen hätte. Mit der richtigen Therapie ist eigentlich ADHS sehr gut behandelbar und man kann auch ein erfolgreiches Leben damit führen. Ich habe auch gedacht: Was wäre gewesen, wenn…? Das ist einfach die Frage, die man sich dann natürlich stellt.

SWR Aktuell: Sie beraten ja auch Menschen, die entweder selbst betroffen sind oder Kinder mit ADHS haben. Was können Sie denen an die Hand geben, was ihr Leben erleichtert?

Peiler: Wir haben ja gerade im Erwachsenenalter so ein Leben hinter uns, in dem wir stark maskiert haben. Das heißt, wir haben immer versucht, unsere Merkmale zu verstecken, irgendwie uns einzupuzzeln in die Gesellschaft. Und es hat nicht funktioniert.

Bei vielen gibt es deswegen auch Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen. Ich versuche in meinen Coachings einfach mit den Menschen zusammen ein Leben zu erschaffen, das möglichst neurodivergenzgerecht ist. Also: Nicht mehr immer funktionieren zu müssen. Sich überlegen zu dürfen, wo kann ich etwas delegieren, wo kann ich einfach ein bisschen freier sein, wo kann ich mich selbst akzeptieren, wie ich bin. Und das ist eigentlich so der Schlüssel zum Schloss.

Oft werden nur die Symptome behandelt, das schafft aber keine Erleichterung. Man muss sich ein Leben erschaffen, das einem gerecht wird: Wie kann ich mir denn zum Beispiel meine Wohnung oder mein Haus anpassen, wie kann ich auch beispielsweise auf der Arbeit besser zurechtkommen, indem ich irgendwelche Skills verwende oder mir meinen Arbeitsplatz so einrichte, wie er für mich passt?

SWR Aktuell: Haben sie ein Beispiel dafür, wie man ein Haus neurodivergent einrichten kann?

Peiler: Das große Credo ist eigentlich ausmisten! Relativ häufig ist bei uns ein Messie-Syndrom dabei, also wir horten Dinge. Denn wir können uns oft nur dann an Vergangenes erinnern, wenn wir beispielsweise irgendeinen Gegenstand haben, mit dem wir diese Erinnerung verbinden. Dadurch kommt es dann zu so einer Sammelwut.

Man will sich nicht von irgendwas trennen, weil man sich auch gleich von der Erinnerung trennt. Damit das nicht außer Kontrolle gerät, ist es aber trotzdem wichtig, dass man einfach so wenig wie möglich besitzt, also nur die Dinge, die einem wirklich wichtig sind.

SWR Aktuell: Sie haben selbst Kinder mit ADHS und begleiten auch als Coach Familien in der gleichen Situation. Welche Herausforderungen hat man denn als Eltern von Kindern mit ADHS?

Peiler: Es kommt immer auf das Kind an. Generell ist das Thema Schule sehr schwierig. Was in letzter Zeit sehr zunimmt, ist das Thema Schulabsentismus, also dass Kinder nicht mehr in die Schule gehen, weil sich einfach auch Schule in den letzten drei bis vier Jahrzehnten sehr verändert hat. Es ist ein sehr reizintensiver, lauter Ort geworden und vom Personal her völlig unterbesetzt. Schule kann den Bedürfnissen der Kinder überhaupt nicht mehr gerecht werden.

Die Kinder haben einfach sehr große Schwierigkeiten, sich anzupassen. Die Kinder "maskieren" sich in der Schule. Zu Hause, im sicheren Hafen, verlieren sie dann völlig die Nerven und brechen zusammen. Wir sprechen hier nicht von kleinen Wutanfällen oder ein bisschen Gereiztheit, wir sprechen hier von ein bis anderthalb Stunden Meltdown.

Natürlich kann man als Eltern auch viel tun, um es den Kindern zu erleichtern. Kinder mit ADHS sind meiner Erfahrung nach oft kognitiv sehr weit, aber sozial, emotional und von diesen exekutiven Funktionen her sind sie eben oft um etwa 30 Prozent hinten dran. Das heißt, wenn ein Kind 10 Jahre alt ist, dann erwartet man normalerweise, dass dieses Kind zum Beispiel seinen Ranzen selbständig packen kann, sein Zimmer selbstständig sauber halten kann und so weiter. Das kann man meiner Erfahrung nach von einem Kind mit ADHS nicht erwarten, das ist quasi 7 Jahre alt. Und von einem siebenjährigen Kind würde man diese Dinge nicht erwarten.

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SWR Aktuell: Es gibt ja Menschen, die ADHS auch als Superkraft wahrnehmen, sehen Sie das auch so?

Peiler: Ich denke, dass der Begriff Superkraft einfach ein bisschen drüber ist. Ja, ich erlebe oft, dass bei ADHS ein ganz großer Gerechtigkeitssinn mit drin ist. Genauso eine ganz große Tierliebe und wir sind meiner Meinung nach auch gut im Erkennen von Hilfsbedürftigkeit anderer Menschen. Kreativität und die Bereitschaft sich für andere aufzuopfern, das gehört oft zu ADHS.

Aber ich bin der Meinung, jeder Mensch hat positive und negative Eigenschaften. Und während neurotypische Menschen sehr geradlinig sind, sich gut organisieren können, sind Menschen mit ADHS halt sehr kreativ und können sich weniger gut organisieren. Und das sollte vielleicht Hand in Hand gehen in unserer Gesellschaft, dass wir einfach mal dahin kommen, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Wir wollen keine Superhelden sein, wir wollen normal sein oder als normal angesehen werden.

SWR Aktuell: Wünschen Sie sich trotzdem manchmal, anders zu sein?

Peiler: Ich glaube, viele Menschen wünschen sich manchmal, anders zu sein. Natürlich hab auch ich so dunkle Momente. Was ADHS wirklich schwierig macht, das sind einfach die exekutiven Funktionen des Gehirns, die bei uns eingeschränkt sind. Uns fallen solche Dinge wie Planung, Organisation, zielgerichtetes Handeln sehr schwer. Und auch von den Stimmungen her geht es von einem Extrem ins Andere und das über den ganzen Tag verteilt.

Da zählen auch kleine Auslöser dazu, das muss nicht irgendwas Großes sein, die einen wirklich von blanker Wut in tiefe Trauer und dann in große Freude stürzen können. Und wenn man so einen Tag hat, an dem man einfach merkt: Das ist jetzt wirklich schwierig, dann hab auch ich manchmal den Gedanken: Ach, neurotypisch zu sein, das muss schon ziemlich gut sein, klar. Aber generell würde ich mein ADHS nicht hergeben.

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Das Interview führte
Joachim Wulkop
Bild von Reporter Joachim Wulkop

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