Zu den nicht sichtbaren Behinderungen gehören etwa chronische Schmerzen, aber auch Autismus, ADHS, Depressionen oder HIV. Betroffene erleben oft Ausgrenzungen, Diskriminierungen oder sie werden ignoriert. Wie man damit besser im Alltag und in der Gesellschaft zurechtkommt, darüber hat der Verein "pro Plus Rheinland-Pfalz" am Montag am "Tag der nicht sichtbaren Behinderungen" im Forum Mittelrhein in Koblenz informiert.
"Aber ADHS haben doch nur Kinder"
Der Infostand im Einkaufszentrum Forum Mittelrhein im Erdgeschoss gleich neben dem Infostand des Zentrums ist kaum zu übersehen. Bunte Buttons mit Aufschriften wie "too much Noise overwhelmes me" - also "zu viel Lärm überfordert mich". Lila Plakate, auf denen Sätze stehen, die hochsensible, autistische Menschen oder Menschen mit ADHS oft zu hören bekommen: "Aber ADHS haben doch nur Kinder" oder "Zu meiner Zeit hat man sich einfach zusammengerissen". Sätze, die alle Vereinsmitglieder häufig im Alltag hören.
Viele Menschen auf einem Fleck fallen mir schwer, Bahnfahren ist der Horror, einkaufen setzt mir zu.
Betroffene leiden unter Reizüberflutung
Drei Leute stehen am Infostand im Forum Mittelrhein. An einem Platz, der ihnen zusetzt und sie stresst. Sie leiden unter Reizüberflutung, wie zum Beispiel der Vereinsvorsitzende Frank Scherb. Der 46-Jährige hat eine chronische Krankheit und ist Autist.
Fragt man ihn, worunter er am meisten leidet, muss er nicht lange überlegen. "Menschen. Also viele Menschen fallen mir schwer, die auf einem Fleck sind. In einem Einkaufszentrum ist es schwer für mich, Busfahren ist schwer, Bahnfahren ist Horror für mich." Aber er müsse es halt machen, weil er kein Auto mehr fahre. "Ich passe mich dann irgendwie an. Aber ich habe keine Sozialkontakte, die habe ich bis heute nicht. Weil ich nicht mit Leuten ins Gespräch kommen kann. Sobald sie anfangen zu reden, bin ich schon genervt. Es ist echt schwer zu erklären", erzählt er weiter.
Dass er ein Autist ist, hat ihm sein Arzt erst vor wenigen Jahren diagnostiziert. Doch schon als Kind war das auffallend. Damals bekam er Ritalin: ein Medikament das ähnlich wirkt wie die Drogen Speed oder Kokain. Das hat er später abgesetzt. Der gelernte Krankenpfleger ist mittlerweile voll arbeitsunfähig, wegen seiner chronischen Erkrankung, die er seit 2016 hat. Seine Vereinskollegin Eva arbeitet als IT-Fachkraft, hat ADHS und ist Autistin. In Koblenz ist Eva auch Teamleiterin des "Neurodiversen Treffs".
Austausch in Selbsthilfegruppen und Treffs
Der Verein "pro Plus Rheinland-Pfalz" organisiert einen allgemeinen neurodiversen Treff. Der ist für alle offen, um sich auszutauschen oder gemeinsam kreativ zu werden: jeden ersten Samstag im Monat. Ein "Queerer Neurodiverser Treff" des Vereins richtet sich gezielt an neurodiverse, queere Menschen. Ihn gibt es seit Mai 2024.
Im Gespräch mit Eva wird schnell klar, dass sie schnell denkt, sie spricht auch sehr schnell. Zu schnell für den Vereinsvorsitzenden Frank Scherb. Er macht Eva darauf aufmerksam, beide klären die Situation schließlich sehr respektvoll.
Außer dem Infostand und den Angeboten für etwa hochsensible Menschen oder ADHS-Betroffene, setzt sich der Verein für "Stille Angebote" ein. Das Projekt "Raum für Dich" zum Bespiel: ein mobiler Anlaufpunkt für mentale Gesundheit auf Veranstaltungen, wie etwa Konzerten. Das soll ähnlich funktionieren wie "Awareness Teams", die Menschen ebenfalls bei Veranstaltungen unterstützen. Der mobile Anlaufpunkt "Raum für Dich" bietet einen ruhigen abgetrennten Bereich mit Sitzmöglichkeiten. Hier sollen sich Menschen bei Stress oder Überforderung zurückziehen können.
Stille Stunde im Einkaufs- oder Supermarkt
Und auch um mehr Ruhe und Stille im Alltag bemüht sich der Verein. So versucht er gerade in Einkaufs- oder Supermärkten eine sogenannte "Stille Stunde" einführen zu lassen. So wie es ein Rewe-Markt in Diez im Rhein-Lahn-Kreis schon seit einigen Jahren ein Mal die Woche anbietet. Dort ist dann die Musik aus, es gibt keine Durchsagen.
Der Verein hat kürzlich einen Koblenzer Einzelhändler angefragt - doch der lehnte ab. Anders das Einkaufszentrum Forum Mittelrhein, freut sich Frank Scherb. "Dem Management habe ich eine Mail geschrieben und das vorgeschlagen und die Reaktion war positiv. Ich denke und hoffe, dass das was werden könnte".
Tag im Forum in Koblenz für Veranstalter ein Erfolg
Und natürlich ist auch der zweite "Tag der nicht sichtbaren Behinderungen" ein Erfolg für den Verein. Es gibt Mitmach-Aktionen und persönliche Gespräche. "In unserer Gesellschaft erleben wir ja gerade wirkliche Rückschritte. Wie sich Menschen gegenüber anderen manchmal verhalten, nur weil sie 'anders' sind. Sie beschimpfen oder aggressiv werden, das ist definitiv schlimmer geworden die letzten Jahre", kritisiert Frank Scherb.
"Vielleicht sollten wir uns alle mal daran erinnern, was uns unsere Eltern oder Großeltern noch beigebracht haben. Nämlich höflich, anständig und respektvoll zu sein. Und wenn wir hier in Koblenz auch nur einen Menschen erreicht haben mit unserem Infostand, dann haben sich zehn Stunden im hochstressigen Forum gelohnt."