20 Jahre ist es her, dass das Kernkraftwerk Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis) abgeschaltet wurde. Von außen ist der Rückbau kaum sichtbar, innen wurde jedoch schon viel zurückgebaut. Das wurde bei einem Vor-Ort-Termin des Betreibers, der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW), deutlich. Konkrete Pläne für eine Nachnutzung gibt es demnach noch nicht.
Die große Reaktorkuppel in Obrigheim ist immer noch weithin sichtbar. Auch das Maschinenhaus ist von seiner äußeren Gebäudestruktur unverändert. Von außen sehen die Gebäude deshalb auch nach 20 Jahren noch genauso aus wie zuvor. Aber im Innern ist der Rückbau deutlich sichtbar.
Rückbau des Kernkraftwerks Obrigheim verzögert sich
Eine der größten Herausforderungen beim Rückbau sei die Logistik, sagt Jörg Michels, Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH. Praktisch alle beim Rückbau anfallenden Tätigkeiten seien auch schon im Leistungsbetrieb durchgeführt worden, so Michels, etwa die Dekontamination und die Entsorgung radioaktiver Abfälle. Beim derzeitigen Rückbau fielen allerdings deutlich größere Massen an. Dafür eine optimale Logistik zu bieten, sei die eigentliche Herausforderung. Deswegen verzögere sich auch der komplette Rückbau bis Ende 2030. Sicherheit gehe immer vor Schnelligkeit beim Rückbau. Geplant war Ende 2026.
Brennstäbe aus Obrigheim nicht mehr auf der Anlage
Durch ein aufwendiges Messkonzept wird überwacht, dass keine Strahlenwirkung für Mensch und Umwelt besteht, sagt Andreas Großkopf, Anlageleiter des Kernkraftwerks Obrigheim. Auch die Sicherheit der Beschäftigten auf dem Gelände werde bei den Rückbauarbeiten mit Hilfe sogenannter Dosimeter ständig kontrolliert. Dementsprechend viel Zeit werde für den Rückbau gebraucht.
Gerade im Inneren des Gebäudes hat es viele Anlagenteile gegeben, die schon zurückgebaut wurden, wie der eigentliche Reaktor und der Dampferzeuger. Die sind schon nicht mehr auf der Anlage.
Bereits 2017 wurden die 342 verbrauchten Brennelemente mit Schiffen zum Standort Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) transportiert. Die Castor-Behälter wurden dort in das staatliche Brennelemente-Zwischenlager eingelagert.
Sisyphusarbeit: Stück für Stück wird Beton aus Kernkraftwerk abgetragen
Das Grobe sei nun erledigt, sagt Anlageleiter Andreas Großkopf, jetzt sei die Gebäudestruktur dran. Die Betonstruktur im Inneren der Reaktorkuppel müsse nun Stück für Stück abgetragen werden. Bei den innerhalb des Reaktorgebäudes zu entfernenden Wänden handele es sich aber nicht um eine übliche Betonmauer mit einheitlicher Dicke, sondern um unterschiedlich profilierte Betonstrukturen, so Großkopf. Diese haben Wandstärken zwischen 30 und 150 Zentimetern. Die Kuppel hat einen Durchmesser von 44 Metern. Immer wieder müssten Gerüste aufgestellt und verschoben werden, um an die Kuppeldecke zu gelangen. Allein im Reaktorgebäude seien derzeit aktuell über 500 Tonnen Gerüstbaumaterial verbaut.
Kernkraftwerk Obrigheim: 275.000 Tonnen Baumaterial
Die Rückbau-Gesamtmasse des Kernkraftwerks Obrigheim beträgt laut Großkopf etwa 275.000 Tonnen. Davon würden 98 Prozent wieder in den normalen Wertstoffkreislauf gehen. Für zwei Prozent gelte es, noch einmal genauer hinzuschauen, was eine mögliche Kontamination betreffe:
Da wäre ein Prozent schwachaktiver Abfälle, die nur in sehr geringen Mengen anfallen. Diese würden zunächst am Kraftwerks-Standort zwischengelagert und müssten später in ein staatliches Endlager überführt werden, so ein EnBW Sprecher.
Ebenso würde ein Prozent konventionelle Abfälle anfallen, die deponiert werden müssten, so der Sprecher weiter. Diese Kategorie könne keinesfalls mit der ersten zusammengefasst werden, da es sich nicht um radioaktive Abfälle handle.
Rückbau in Obrigheim bis 2030 - und was dann?
Laut Anlageleiter Andreas Großkopf gibt es keinen besseren Standort als das Anlagen-Gelände in Obrigheim. Die Bewertungen für das Areal liefen bereits. Aber es sei heute zu früh, schon etwas Konkretes über die Weiternutzung zu sagen. Man sei natürlich dran, diesen Standort einer Nachnutzung zuzuführen, aber es gebe noch keine konkreten Pläne.
Rückbau aller Kernkraftwerke: Ein Milliarden-Projekt
Derzeit befinden sich alle fünf Anlagen der EnBW im Rückbau: Zwei Blöcke in Philippsburg (Landkreis Karlsruhe), zwei Blöcke in Neckarwestheim (Landkreis Heilbronn) und das Kernkraftwerk Obrigheim. Eine Aufschlüsselung je Kraftwerk nehme die EnBW grundsätzlich nicht vor, so ein Sprecher. Deshalb könne die EnBW keine spezifischen Angaben zu den Kosten für den Rückbau des Kernkraftwerks Obrigheim machen. Für den Rückbau aller fünf EnBW-Kernkraftwerke werde nach aktuellem Stand mit einer Gesamtsumme von rund zehn Milliarden Euro gerechnet.
Rückbau-Kosten trägt EnBW
Die Betreiber der Kernkraftwerke in Deutschland waren verpflichtet, schon während der Phase, in der mit den Kraftwerken Strom produziert wurde, finanzielle Rückstellungen für ihren Rückbau zu bilden, so ein EnBW Sprecher. Dies habe selbstverständlich auch die EnBW für ihre fünf Kernkraftwerke getan. Konkret bedeute das, dass der Rückbau der Kernkraftwerke aus diesen Rückstellungen bezahlt werde und die EnBW die Gesamtsumme von zehn Milliarden Euro selber aufbringen müsse.