"Der Boom steht kurz bevor"

Windrad-Ausbau: Wird Baden-Württemberg doch noch Windkraft-Land?

Es war eines der Herzensprojekte von Grünen-Ministerpräsident Kretschmann: die Windkraft in BW. Nach 15 Jahren Amtszeit sieht die Bilanz ernüchternd aus. Doch ein genauerer Blick zeigt: Es geht voran.

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Von Autor/in Ruben Moratz

Baden-Württemberg

"Der Boom steht kurz bevor" Windrad-Ausbau: Wird Baden-Württemberg doch noch Windkraft-Land?

Es war eines der Herzensprojekte von Ministerpräsident Kretschmann: die Windkraft. Nach 15 Jahren sieht die Bilanz ernüchternd aus. Doch ein genauerer Blick zeigt: Es geht voran.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Baden-Württemberg stehen gerade einmal gut 800 Windkraftanlagen. Damit liegt es im Ländervergleich weit hinten. Und dennoch sind Projektentwickler und Branchenvertreter momentan voll des Lobes für die Landesregierung und sprechen von einem regelrechten Windkraft-Boom, den Baden-Württemberg demnächst erleben soll. Wie passt das zusammen? Aber von vorne.

Windkraft-Vorreiter Sulzbach-Laufen: Kleines Dorf macht es vor

Markus Bock aus der kleinen Gemeinde Sulzbach-Laufen im Kreis Schwäbisch Hall gelangte vor einigen Jahren zu einer Bekanntheit, die ihn selbst überraschte. Lokalzeitungen, aber auch überregionale Medien nannten ihn den Bürgermeister, der den Windkraft-Turbo startete. Immerhin schaffte Bock es, neue Windkraftanlagen innerhalb nur eines halben Jahres genehmigen zu lassen. Fragt man ihn, wie das möglich war, leitet er das Lob weiter ans zuständige Landratsamt. Dieses habe sich bereits gut in der Materie ausgekannt und rasch und effektiv mit anderen Behörden zusammengearbeitet.

Aber auch der parteilose Bürgermeister hat seinen Anteil am schnellen Windkraft-Ausbau. Bevor die Anlagen geplant wurden, organisierte er ein Forum, in dem sich alle relevanten Akteure der Bevölkerung vorstellten - und Fragen beantworteten. "Ich glaube, dieser Beteiligungsprozess - den Leuten mal zeigen, was kommt auf euch zu - das ist ganz wichtig," so Bock. Und auch die finanzielle Beteiligung an den Anlagen sei entscheidend. Nicht nur, dass die Gemeinde aufgrund der Windräder über die Gewerbesteuer mehr Einnahmen erzielt. Einige Bürger von Sulzbach-Laufen organisieren sich aktuell in einer Bürger-Energiegenossenschaft und wollen sich an den Anlagen beteiligen, um so auch finanziell von ihnen zu profitieren.

Markus Bock, Bürgermeister von Sulzbach-Laufen vor einem Windrad. Er sah schon früh das Potenzial von Windkraft für seine Gemeinde und beschleunigte den Ausbau.
Markus Bock, Bürgermeister von Sulzbach-Laufen, sah schon früh das Potenzial von Windkraft für seine Gemeinde und beschleunigte den Ausbau.

Genehmigungszeiten enorm verkürzt

Mittlerweile sind die sechs Monate Genehmigungszeit in Sulzbach-Laufen längst kein Rekord mehr. Laut dem baden-württembergischen Umweltministerium dauert es aktuell rund acht Monate - zum Vergleich: Es waren mal mehr als 30 Monate. Mirjam Schöller, die als Projektentwicklerin demnächst mehrere große Anlagen in der Nähe von Münsingen (Kreis Reutlingen) in Betrieb nimmt, sagt: "Wir haben es dank guter Zusammenarbeit mit dem Landratsamt in knapp drei Monaten geschafft." Immer wieder hatten Landespolitiker sowohl der Grünen wie auch der CDU darauf gedrängt, die Genehmigungszeiten drastisch zu verkürzen. Die Praktiker bestätigen jetzt den Erfolg.

Wir sind jetzt gerade in einer Situation, in der es richtig losgehen wird.

Darüber hinaus hat auch die Zahl der Genehmigungsanträge für den Bau neuer Windräder enorm zugenommen. In den vergangenen Monaten waren es so viele wie nie zuvor: allein von Ende Mai bis Ende Juni laut Umweltministerium rund 1.100 Anträge. Zum Vergleich: Aktuell drehen sich in Baden-Württemberg 803 Windräder. "Der Boom steht kurz bevor," sagt Julia Wolf, die Landesvorsitzende des Bundesverbands Windenergie: "Wir sind jetzt gerade in einer Situation, in der es richtig losgehen wird."

Ob auch wirklich alle Anlagen hinter den Anträgen gebaut werden, ist nicht ausgemacht. Wolf rechnet aber damit, dass die meisten tatsächlich innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre realisiert werden. Ihr Resümee: "Wir fangen jetzt so langsam an die Früchte zu ernten der letzten zwei bis drei Jahre."

Julia Wolf, Landesvorsitzende des Bundesverbands Windenergie, sitzt in ihrem Büro. Sie ist fest davon überzeugt, dass ein Boom beim Ausbau der Windkraft bevorsteht.
Julia Wolf, Landesvorsitzende des Bundesverbands Windenergie, ist fest davon überzeugt, dass ein Boom beim Ausbau der Windkraft bevorsteht.

Rückenwind und Gegenwind aus Berlin

Gemeint ist damit besonders das Windenergiebedarfsgesetz, das 2022 von der Ampel verabschiedet wurde. Dieses brachte Geschwindigkeit in den Windkraftausbau. Doch aus dem Bund kommen aktuell auch Signale, die die Windkraftbranche in Baden-Württemberg in große Sorge versetzen. Denn die schwarz-rote Bundesregierung stellt in ihrem Koalitionsvertrag das "Referenzertragsmodell" in Frage.

Social-Media-Beitrag auf Instagram von swraktuell

Was bedeutet Referenzertragsmodell?

Dieses schafft durch Zuschläge ähnliche Wettbewerbsbedingungen zwischen windstarken Gegenden im Norden und windschwächeren Gebieten etwa in BW. "Wenn das geändert wird, können wir mehr oder weniger einpacken", sagt Mirjam Schöller. Sie hält die jetzige Regelung für richtig und wichtig, weil dadurch dort Strom entsteht, wo er auch benötigt wird: im industriereichen und energiedurstigen Süden Deutschlands. Branchenvertreter und Landespolitiker in Baden-Württemberg hoffen, dass die Bundesregierung diese Pläne nicht umsetzt.

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Wer erntet den Erfolg?

Gerade die Grünen im Land wollen den Rückenwind der Branche jetzt endlich nutzen, um den nahenden Windkraftausbau als ihren Erfolg zu feiern. Aber warum hat es 15 Jahre gedauert, bis die grüne Politik im Land sich bei der Windkraft niederschlagen konnte? Der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Andreas Schwarz, sagt, man musste zunächst das komplette Mindset der Beteiligten ändern: "Dass wir viele Akteure eingesammelt haben, dass wir auf Bundesebene den Rechtsrahmen geändert haben und dass wir hier bei uns die Genehmigungslaufzeiten reduziert haben."

Jetzt - langsam - scheint das alles Früchte zu tragen. Ernten wird die Lorbeeren aber nicht mehr Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der im März kommenden Jahres abtritt. Er wird nur mit seinen immer wieder neu formulierten Ausbauversprechen, die er nicht einlösen konnte, in Erinnerung bleiben. Wer auch immer Kretschmanns Nachfolger wird - voraussichtlich Manuel Hagel von der CDU oder Cem Özdemir von den Grünen - er könnte als Baden-Württembergs Windkraft-Ministerpräsident in die Geschichtsbücher eingehen.

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Autor/in
Ruben Moratz
Ruben Moratz
Onlinefassung
Dennis Just
SWR Aktuell-Redakteur Dennis Just

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