Krise in der Autoindustrie

Tresore statt Motoren: Neuanfang statt Festanstellung bei Mercedes

In der Autoindustrie in Baden-Württemberg fallen tausende Jobs weg. Für viele Beschäftigte ist das Schock, für manche aber auch die Chance auf einen Neuanfang.

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Von Autor/in Geli Hensolt

Jürgen Dutko war bei AMG Mercedes, jetzt leitet er eine Tresorfirma. Er habe "Sicherheit" gegen "Glücklich-sein" getauscht, sagt er: Die Sicherheit, die eine Festanstellung bei Mercedes den Beschäftigten - trotz aktueller Schwierigkeiten - immer noch bietet, gegen das Glück, sich als selbstständiger Unternehmer zu verwirklichen.

Langes Berufsleben bei Mercedes  

Mit 16 Jahren war Jürgen Dutko als Azubi zu Mercedes gekommen. Er arbeitete sich nach oben bis zum Projektleiter beim Tochterunternehmen AMG, der Sportwagenschmiede von Mercedes. Der Job bei AMG war lange sein Traumberuf.

Wie viele andere in der Branche ging er davon aus, er würde hier in Rente gehen. Eine Million Euro, meint Dutko, hätte er auf diesen Verlauf gewettet. Dass es dann anders lief und er jetzt Tresore baut und nicht mehr Autos, hatte verschiedene Gründe.

Jürgen Dutko war früher bei Mercedes-AMG und führt jetzt eine Firma für Tresore in Backnang.
Jürgen Dutko war früher bei Mercedes-AMG und führt jetzt eine Firma für Tresore in Backnang.

Der Job machte ihn nicht mehr glücklich

Dutko sieht sich selbst als "Macher" und "Problemlöser". Als solchen habe man ihn vor mehr als 20 Jahren zu AMG geholt. Die Kultur im Unternehmen hat sich aus seiner Sicht aber verändert: Statt Verantwortung zu übernehmen wurde zu viel gejammert - eine Entwicklung, die ihn zunehmend frustrierte.

Der zweite Grund für seinen Weggang von AMG in Affalterbach bei Stuttgart: Der Vater seiner heutigen Lebensgefährtin suchte einen Nachfolger für sein Tresor-Unternehmen Compact Tresore in Backnang. Zuerst leitete er das Unternehmen zusätzlich zum Job bei AMG, wechselte dann aber komplett. Die Abfindung, die Mercedes rund 40.000 Mitarbeitenden in der Verwaltung angeboten habe, habe ihm seine Entscheidung leichter gemacht.

Vom Projektleiter zum Tresor-Bauer

Im Ausstellungsraum seiner Firma erzählt er von seinem neuen beruflichen Leben: Er zeigt einen großen Tresor, an dem sich Einbrecher zu schaffen gemacht haben, und einen anderen, der im Hochofen getestet worden ist bei 800 Grad. Ein Ordner, der darin untergebracht war, sei immer noch ganz.

Jürgen Dutko ist die Begeisterung für das, was er tut, deutlich anzumerken - auch, weil er seine Kreativität ausleben kann - zum Beispiel, wenn er Tresore selbst entwirft, wie einen im pinken Plüsch-Design. Die Nachfrage nach individuell gestalteten Produkten sei groß.

Die Anzahl der Tage, an denen ich glücklich nach Hause komme, ist sehr viel größer als vorher.

Jürgen Dutko fertigt auf Wunsch auch Tresore mit individualisiertem Design an.
Jürgen Dutko fertigt auf Wunsch auch Tresore mit individualisiertem Design an.

Umsatz fast verdoppelt

Compact Tresore machte 2025 nach Angaben von Jürgen Dutko 1,6 Millionen Euro Umsatz, fast doppelt so viel wie noch zwei Jahre zuvor. Etwa 500 Euro kostet der kleinste Tresor, für ganze Panzerschränke können tausende Euro anfallen. Auch ganze Tresorräume stattet das Unternehmen aus - die Nachfrage danach sei groß.

Zu Dutkos Kunden gehören Super- und Drogeriemärkte, Banken oder die Polizei. Auch den ehemaligen Torwart des VfB Stuttgart Timo Hildebrand zählt Dutko dazu. Als er hörte, dass in Hildebrands Restaurant in Stuttgart eingebrochen worden war und die Tageseinnahmen gestohlen wurden, schrieb er ihm: "Mit uns wäre Dir das nicht passiert" - und die beiden kamen ins Geschäft.

Tresor-Firma hat neue Stellen geschaffen

Dutko ist zufrieden im neuen Business: Mittlerweile hat sein Unternehmen zehn Mitarbeitende, fast zehnmal so viele wie zum Start. Unter den Bewerbern waren auch welche aus der Autobranche, darunter ehemalige Bosch-, Porsche- und AMG-Mitarbeiter.

Eingestellt habe er keinen davon - auch wegen deren Erwartungen an das Gehalt. Er glaubt, es werde noch dauern, bis die Beschäftigten aus der Autoindustrie im Ländle erkennen würden: kleine oder mittelständische Betriebe könnten keine Gehälter wie Bosch oder Mercedes bezahlen.

Leidenschaft für Autos lebt er weiter aus

Im Verkaufsraum der Firma steht ein knallroter Porsche - und daneben der passende Tresor. Dutko hat ihn selbst entworfen: in knallrot und mit einer echten Porschefelge als Griff. In seiner Werkstatt parkt außerdem ein Mercedes - gut möglich, dass er auch dazu den passenden Tresor gestalten wird, meint der Chef.

Den Wechsel in die Selbständigkeit hat er nicht bereut. Er verdiene zwar nicht mehr so viel Geld wie früher, sagt er - und er trage auch ein höheres Risiko. Aber die Anzahl der Tage, an denen er glücklich nach Hause komme, sei sehr viel größer als vorher.

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Erstmals publiziert am
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Geli Hensolt
Geli Hensolt
Onlinefassung
Jutta Kaiser
Bild von Jutta Kaiser aus der SWR-Wirtschaftsredaktion.

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