Wer an einen Friedhof denkt, denkt meist an Stille. An Blumen, Grabsteine und Menschen, die für einen Moment innehalten. An einen Ort, den man kurz besucht. Auf dem Ulmer Hauptfriedhof ist das an den Freitagnachmittagen im Sommer ein wenig anders. Dort, direkt an der Säulenhalle, klappern Kaffeetassen, es riecht nach selbst gebackenem Kuchen und an den Tischen entstehen Gespräche zwischen Menschen, die sich vorher noch nie begegnet sind.
Radiobeitrag im SWR gab den Anstoß zum Sommercafé
Das Sommercafé möchte den Friedhof nicht verändern. Es möchte zeigen, dass Trauer und Leben nebeneinander Platz haben können, sagen die Organisatorinnen. Den Anstoß gab ausgerechnet ein Radiobeitrag im SWR. Als die ehemalige Religionslehrerin Ursula Rapp eine Reportage über ein Friedhofscafé in Stuttgart hörte, war für sie schnell klar: "So etwas braucht Ulm auch."
Gemeinsam mit Gemeindereferentin Margarete Lobenhofer von der Katholischen Kirche Ulm Mitte-Ost hat sie die Idee Wirklichkeit werden lassen. Nun laden ehrenamtliche Helferinnen und Helfer jeden Freitagnachmittag von 14:30 Uhr bis 17 Uhr Besucherinnen und Besucher auf dem Hauptfriedhof kostenlos oder gegen eine Spende zu Kaffee, Tee und selbst gebackenem Kuchen ein. Das Angebot soll niederschwellig bleiben. Für jeden.
Erinnerungen haben einen Platz am Cafétisch
Dabei betonen die Initiatorinnen ausdrücklich: Das Sommercafé ist kein Trauercafé. Wer kommt, muss weder trauern noch reden. Manche erzählen von einem geliebten Menschen, den sie verloren haben. Andere sprechen über ihren Alltag, ihre Familie oder das Wetter. Manche setzen sich einfach dazu, hören zu oder genießen die Ruhe.
"Wir haben festgestellt, dass man auf dem Friedhof sehr viel über das Leben der Menschen erfährt und auch darüber, wie hier in Ulm mit Trauer umgegangen wird", berichtet Ursula Rapp. Genau das mache den besonderen Charakter des Cafés aus. Es gibt keine festen Abläufe, keine Anmeldung und keine Erwartungen. Jeder darf so sein, wie er gerade ist.
So etwas hat in Ulm gefehlt. Die Tische füllen sich und auch die Kirche ist vor Ort.
Dass der Bedarf groß ist, merken die Ehrenamtlichen Woche für Woche. Die Tische füllen sich, Gespräche entstehen oft ganz von selbst. "Ich denke tatsächlich, dass es hier in Ulm gebraucht wurde", sagt Margarete Lobenhofer. "Man merkt das auch durch den Zulauf. Wenn man sich zu den Leuten setzt, hört man, was sie erzählen. Sie brauchen das. Und was ich schön finde: Die Kirche steht nicht im Vordergrund, aber es wäre trotzdem jemand zum Reden da."
Niemand muss beim Sommercafé über Trauer sprechen
Gerade diese Offenheit scheint viele Menschen anzusprechen. Niemand muss religiös sein, niemand muss über Trauer sprechen. Das Angebot richtet sich an alle, die für einen Moment Gemeinschaft suchen. Oder die nach einem Besuch am Grab einfach noch eine Tasse Kaffee trinken wollen und nette Gesellschaft suchen.
Für Ursula Rapp ist das Projekt inzwischen weit mehr als eine gute Idee. "Ich bin sehr glücklich und sehr dankbar, dass es so gut auf den Weg gekommen ist und dass es so viele Menschen unterstützen. Auch das Friedhofsamt trägt es wunderbar mit."