In der Johanniskirche in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) haben rund 150 Besucherinnen und Besucher am Freitagabend die Gelegenheit genutzt, eine Auszeit von der digitalen Welt zu nehmen. Dazu haben sie beim Betreten der Kirche ihr Handy wortwörtlich zu Grabe getragen - indem sie es in einen bereitgestellten Sarg legten.
Digital Detox in der Johanniskirche: Handy gegen Kerze tauschen
Wer sein Smartphone in dem Sarg ablegte, bekam im Gegenzug eine Kerze und eine Garderobenmarke in die Hand. Mit der konnte jeder nach der Digitalpause sein Handy aus dem Sarg wiederauferstehen lassen. Somit waren Verwechslungen ausgeschlossen. Auch der Initiator selbst befreite sich von seiner digitalen Last, indem er sein Smartphone zur Ruhe bettete.
Die Message ist angekommen, die haben's kapiert.
Volle Spendentöpfe zugunsten des Kirchenerhalts
"Es lief besser als ich mir es gewünscht hatte", bilanziert Marco Iannelli am Morgen danach hörbar begeistert von der Wirkung, die seine vielschichtige Aktion hatte. Die Besucher hätten die Botschaft kapiert. Das habe er diversen Gesprächen mit Besuchern nach der Aktion entnommen. Die Spendentöpfe waren voll. Das Geld fließt in den Erhalt der Kirche.
Kunstinstallation "Heimat in der Heimat"
Der ideenreiche Architekt sagt über sich selbst, er sei eigentlich nur Hobby-Künstler. In einer mit KI unterstützten Beamer-Show hat er es geschafft, die Illusion zu schaffen, in Schwäbisch Gmünd sei eine Piazza in seiner zweiten Heimat in Süditalien. Dorthin wurde ein Kunstwerk projiziert: Eine Marienfigur, getragen von vier dunklen Gestalten wie bei einer Karfreitags-Prozession in Molfetta nahm auf dem Johannisplatz Gestalt an. So fühlten sich die Besucher in die Hafenstadt Molfetta in der Nähe von Bari versetzt.
Die Vernissage war Teil der Kunstinstallation "Guerilla Domus". "Displaylicht weg, echtes Licht her", so beschreibt Marco Iannelli die Grundidee. "Meine Definition vom echten Licht ist das innere Licht, alles, was zwischenmenschlich ist." Offenbar ging der Plan auf. Die Besucher waren angetan von der rein virtuellen Marienfigur, die auf dem Platz erschien, erzählt er.
Der Handy-Detox sei in diesen Zeiten oft derart überfällig, meint der 43-Jährige und spricht aus ureigener Erfahrung. Deshalb habe der Abend seiner Erachtens allen gut getan und geholfen, sich auf die Kunst einzulassen. Dekan und Münsterpfarrer Robert Kloker habe seiner doch eher unkonventionellen Aktion sehr aufgeschlossen gegenübergestanden und sich über die Spenden für den Kirchenerhalt gefreut.
Vivaldi traf auf Technomusik
Das habe er bereits bei dem ebenfalls von ihm erdachten Intro bemerkt: "Als ich mit weißen Handschuhen in der dunklen Kirche dirigiert habe und die Orgel einsetzte, war es eine faszinierende Stimmung", sagt er. Auch die Musik war eine extravagante Mischung: Orgel und Violine traf auf Techno-Beats.