Jörg Kimmich steht auf einem Feld in Aichtal (Kreis Esslingen) - um ihn herum unzählige Kohlköpfe. Es ist Anfang Oktober, eigentlich wäre jetzt Erntezeit. Doch keine Erntehelfer weit und breit. "Dieses Jahr verschiebt sich die Ernte um ein, zwei Monate nach hinten", erklärt Jörg Kimmich. Denn obwohl der Sommer warm und sonnig war, ohne Wasser habe der Spitzkohl keine Chance zu wachsen. "Wir müssen dieses Jahr mit fast 50 Prozent Ausfällen kämpfen", sagt der Filderkrautbauer, der auch eine Sauerkrautfabrik betreibt.
Kleine Köpfe und große Ernteausfälle
Ein beliebiger Kohlkopf aus einer langen Reihe: Jörg Kimmich geht in die Knie, drückt die dunkelgrünen, äußeren Blätter zur Seite und schlägt mit einem Messer den Krautkopf ab. Auf den ersten Blick ein sehr schönes Exemplar, denkt der Laie. Doch der Fachmann sagt: "Normalerweise wäre er doppelt so groß."
Dabei geht es dem Spitzkraut noch vergleichsweise gut. Um den kegelförmigen Kopf gibt es viel Blattwerk. Das schützt vor Sonne und vor Austrocknung. Im Inneren hält sich die Feuchtigkeit. Problematischer ist es beim Rundkohl gleich auf dem Feld nebenan. Neben den viel zu kleinen Krautköpfen sprießen weitere Mini-Köpfe. "Der Hauptkopf ist zu fest wegen der Trockenheit. Da geht kein Wasser rein. Entsprechend bilden sich zusätzliche Köpfe." Doch diese sind mickrig klein. Diese zu ernten, lohne sich nicht.
Trockenheit: Filderbauer befürchtet Konflikte um Wasser
Eine Trockenheit wie in diesem Sommer hat Jörg Kimmich noch nie erlebt. "Hier hat man immer gedacht: Bodensee, Rhein und Neckar - es gibt Wasser im Überfluss." Dass eine Wasserknappheit so schnell kommt, damit habe man nicht gerechnet. Kollegen von ihm setzen bereits auf Bewässerung, vor allem die, die für Wochenmärkte und Lebensmittelläden produzieren. Sie können schon jetzt ernten.
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"Das Wasser ist begrenzt verfügbar", gibt Jörg Kimmich zu bedenken. "Entweder ich nehme es für die menschliche Versorgung oder für den Lebensmittelanbau." Hier sieht der Landwirt einen Verteilungswettkampf auf die Gesellschaft zukommen. "Wasser ist ein kostbares Gut." Schon in diesem Sommer hatten etliche Landratsämter ein Entnahmeverbot von Wasser aus Flüssen und Bächen verhängt.
Bedrohte Marken: Filderkraut und Filderspitzkraut
Das bedroht ein wertvolles Gut. Filderspitzkraut ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung - so wie Schwäbische Spätzle und Schwarzwälder Schinken. Landwirt Kimmich spricht mit Blick auf das Spitzkraut von der Champions League, nennt auch Champagner und Parmesan. Die seit 2012 geschützte Herkunft des Filderkrauts sei ein Vorteil, ein Qualitätsversprechen, auch im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz. "Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, damit verbindet man Heimat."
Dazu kommt, dass die Fildern - die Ebene südlich von Stuttgart - dank der Löss- und Parabraunerden zu den fruchtbarsten Böden Deutschlands zählen. Böden, die nährstoffreich sind und zudem gut Wasser halten können. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: "Bei solchen Extremen, wie wir sie im Sommer hatten, kommen selbst diese Böden an ihre Grenzen. Und natürlich dann auch das, was darauf wachsen soll", so Filderkrautlandwirt Kimmich weiter.
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Anpassung an Trockenheit durch Selektion
Jörg Kimmich geht übers Feld, schaut sich einzelne Köpfe genauer an. Manche sind deutlich größer als andere, kommen offenbar besser mit der Trockenheit klar. Diese will er nicht ernten, sondern ausgraben, über Winter frostfrei halten und dann im Frühjahr wieder aussetzen, um daraus Saatgut zu gewinnen. "Beim Filderkraut ist das Schöne, dass das alte Landsorten sind. Diese vermehren wir selber. Man kann die Köpfe dementsprechend selektieren, von denen man dann wieder Jungpflanzen zieht." So will der Landwirt gewappnet sein für extremere Sommer.
Reicht das? Überlegt er, ob Filderkraut angesichts der aktuellen Wetterextreme eine Zukunft hat? "Filderkrautbauer beziehungsweise Sauerkrauthersteller ist man nicht auf ein Jahr oder auf zwei Jahre. Wir sind jetzt in der vierten Generation und hoffentlich kommen noch ein paar Generationen hinterher", sagt Jörg Kimmich. In der Hand hält er einen hellgrün leuchtenden Spitzkraut-Kopf. Ein Prachtexemplar. "Eine wunderschöne Kopfform. Da sehen Sie, was Ihre Arbeit ausmacht. Das gibt Hoffnung."