In einer unscheinbaren Nebenstraße in Stuttgart-Mitte sitzt das Start-Up Proservation. Schon im Hausflur riecht es hier nach Getreide - ein kleiner Vorbote. Am Ende des Gangs öffnet Lisa Scherer die Tür, sie ist der kreative Kopf von Proservation und führt in einen kleinen Aufenthaltsraum zwischen den Büros und der Küche. Hier wird schnell klar: Auch wenn das Start-Up noch in den Kinderschuhen steckt, erreicht haben Lisa und ihre Kollegen schon einiges. Die Wand ist voller gerahmter Urkunden, Preise und einem europäischen Patent für Lisas Idee.
Nachhaltige Verpackung: Suche nach Styropor-Ersatz
An der Hochschule der Medien hat Lisa Verpackungsentwicklung studiert. Vor einigen Jahren sucht sie während eines Uni-Seminars nach einem natürlichen Material mit Lufträumen. Zu dieser Zeit, circa 2018, wird viel über die Meeresverschmutzung gesprochen und Lisa möchte Abhilfe schaffen. Um Produkte sicher zu verpacken, muss ihr gewünschtes Material vor allem eins sein: "knautschig". Und das ist gar nicht so einfach zu finden. "Meine Experimente haben alle nicht so geklappt, wie ich mir das gewünscht habe", erinnert sie sich. Bis ihr eine zündende Idee kommt: das Dinkelspelzkissen ihres Vaters.
Dinkelspelzen als Lösung?
"Ich habe meinen Papa angerufen und gefragt, ob er mir etwas von der Kissenfüllung nach Stuttgart schicken kann. Und dann habe ich mit den Spelzen experimentiert." Die Versuche sind vielversprechend. Spelzen sind die kleinen Schalen des Korns und bleiben übrig, wenn in der Mühle das Korn entfernt wurde. Als Kopfkissenfüllung sind sie zum einen natürlich knautschig zum anderen aber auch nachhaltig. "Im Jahr fallen in Deutschland rund 120.000 Tonnen Dinkelspelzen als Reststoff an", erklärt Lisa. Verbunden mit einem biologischen Bindemittel wird aus dem Abfallprodukt in Lisas Versuchen eine umweltfreundliche Verpackungsalternative. Beim Versand von Produkten leistet das neue Material das gleiche wie Styropor: Es stabilisiert, federt Stöße ab und schützt die Ware während des Transports. Außerdem kann es in fast jede Form gebracht werden, sagt Lisa Scherer.
Start-Up Gründung: Vom Campus-Container zum Team
Lisa ist von ihrer Entdeckung begeistert und holt sich ihre Schwester Sophia und die beiden Freunde Henning und Nils mit ins Boot. Alle haben fachlich unterschiedliche Hintergründe und gründen 2022 zusammen das Start-Up Proservation. Sie starten in einem kleinen Container auf dem Unicampus. "Jeder von uns hat bestimmte Skills und, ja, wir können streiten, aber gleichzeitig verstehen wir auch die Punkte der anderen und finden immer wieder gut zusammen",erzählt Lisa. Das scheint eine gute Basis zu sein. Mittlerweile ist Proservation auf zwölf Mitarbeitende angewachsen und hat Preise und Förderungen gewonnen - wie die Auszeichnungen an der Wand beweisen.
Dinkelspelzen: Verpackung
Golden ist trotzdem nicht alles, erklärt Lisa. "Der Nachhaltigkeitsaspekt ist im Moment weder für die Politik noch für Firmen erste Priorität. Dadurch wird auch nicht so viel Geld für Alternativen, die etwas mehr kosten, ausgegeben." In den letzten Jahren haben sie vor allem für Tests mit großen Firmen wie Kärcher zusammengearbeitet und gutes Feedback erhalten.
Für den ganz großen Auftrag würden ihnen aktuell aber auch noch die Maschinen und Produktionsmöglichkeiten fehlen, so Lisa weiter. Deswegen sind sie und ihre Kollegen nochmal kreativ geworden: Aktuell stellen sie auch Urnen und Raumakustikelemente aus Dinkelspelzen aus der Region her. Dem Verpackungsmarkt haben sie aber nicht den Rücken zugekehrt - er bleibt nach wie vor ihr Ziel. Und vielleicht stehen ja die großen Produktionsmaschinen, bis der große Auftrag für die Nachhaltigkeit kommt.