Wie steht es nun um den Schwabenlandtower? Die Antwort steckt in der Architektur des Wohnturms in Fellbach (Rems-Murr-Kreis): Der 107 Meter hohe Koloss verjüngt sich nach unten hin. So kann man, egal in welcher Etage man wohnt, weder den Nachbarn darüber noch darunter sehen - und hat tolle Sicht. Viel Ausblick, kein Einblick - das passt zu Deutschlands höchster Bauruine: Zum Ausblick, was aus dem Bau werden könnte, gibt es große Visionen. Nur beim Einblick in die Pläne der Eigner sieht man weder oben noch unten.
Wem gehört der Schwabenlandtower in Fellbach?
Schon über die Frage, wem der Tower gehört, herrscht Verwirrung. Gebaut wurde er von zwei Bauunternehmern, Vater und Sohn, gegen die just diese Woche ein Verfahren wegen Insolvenzverschleppung und Marktmanipulation eingestellt wurde - gegen eine Zahlung von je 20.000 Euro. Sie hatten 2016, zwei Jahre nach Baubeginn, Insolvenz angemeldet. Seither hat der Rohbau wiederholt den Besitzer gewechselt. Vor einem Jahr hieß es zuletzt, die Adler Group habe den Tower an den Waiblinger Bauunternehmer Joachim Heinz Ebner verkauft.
Allerdings: Auf SWR-Nachfrage erklärte die Adler Group: Es gebe einen "Vertrag über den geplanten Verkauf des Projektes". Der Eigentumswechsel sei dabei aber noch nicht abgeschlossen, das sei noch "von verschiedenen Bedingungen abhängig". Das ist wortgleich die Antwort, die die Waiblinger Kreiszeitung im September 2025 erhalten hat. Das ist Copy-Paste für: Es gibt nichts Neues.
Was plant Unternehmer Ebner mit dem Schwabenlandtower?
Immobilienunternehmer Ebner hat auf SWR-Anfrage noch nicht reagiert. Im August 2025 noch hatten sich er und seine Tochter Nicole Ebner in der Stuttgarter Zeitung geäußert: Das Gebäude könne ein "Leuchtturmprojekt" werden, vielleicht ja auch eine Attraktion der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027. Allerdings: Ebners Idee, das Gebäude zwischenzeitlich als Landeserstaufnahme (LEA) für geflüchtete Menschen zu nutzen, fand schon im Ansatz kein Gehör.
Im April nun äußerten sich die Ebners erneut, nun in der Waiblinger Kreiszeitung. Das Projekt sei in einer "erweiterten Entwicklungs- und Planungsphase". Kein Zeitplan, aber: Wenn wieder gebaut würde, rechne man mit einer Bauzeit von etwa eineinhalb Jahren. Wahrscheinlich werde es ein Mix von kleinen und größeren Wohnungen. Ursprünglich waren neben einem Hotel 64 Luxus-Wohnungen geplant. Für die aktuelle Planung wurden 194 kleinere Wohnungen genehmigt. Zuletzt sprach Ebner von einer "gesunden Mischung aus unterschiedlichen Größen".
Stadt Fellbach bittet Ebner um Gespräch
Verwaltung und Gemeinderat rätseln derweil über die Pläne des Investors - und werben offensiv um ein Gespräch mit Ebner. "Also wir warten in der Tat noch auf den offiziellen Abstimmungstermin", sagt etwa Beatrice Soltys. Die parteilose Fellbacher Baubürgermeisterin ist etwa genauso lang im Amt, wie der Schwabenlandtower im Bau ist. Wenn sie die Ruine sieht, habe sie stets so ein "Grummeln im Bauch".
Klar sei: "Das ist ein privates Bauvorhaben", sagt Soltys. "Wir werden da keine Steuergelder verbraten." Fellbach befindet sich in einer Finanzklemme. Selbst ein Abriss koste Millionen von Euro - und es bliebe kompliziert: Der halbkreisförmige Bau um die Ruine plus die sieben Mehrfamilienhäuser im weiteren Rund sind seit 2016 bewohnt. Mit zufriedenen Mietern, so Soltys, in Summe 152 Wohneinheiten. Dazwischen einen Turm abreißen? Fertigbauen wäre da womöglich günstiger, heißt es.
Einigkeit und Ratlosigkeit im Gemeinderat Fellbach
Als Anfang der 2010er-Jahre über den gigantischen Wohnturm diskutiert wurde, ging ein Riss durch die Stadt: Der damalige OB Christoph Palm (CDU) und die Mehrheit von CDU und Freien Wählern waren dafür, die SPD und die da noch nicht im Gemeinderat vertretenen Grünen samt einer Bürgerinitiative (BI) dagegen. Heute hingegen herrscht Einigkeit in Stadtparlament und -verwaltung. Und unverblümte Ratlosigkeit.
"Meine Prognose ist, dass das Ding nie fertig gebaut wird", sagt Stephan Illing. Er ist Fraktionschef der Grünen und wohnt in Sichtweite zur Ruine. Seine Frau hatte damals noch den Slogan für die BI erdacht: "Fellbach ist nicht Manhattan." Nun müsse man eben klarkommen mit Zuschreibungen wie "höchste Bauruine" und "teuerstes Vogelhäuschen" Deutschlands - denn seit Jahren nisten Wanderfalken im Tower. Illing sieht es wie Soltys: Niemals dürfe die Stadt Geld investieren. Planerische Hilfe, okay - aber nicht "mit Freifahrschein".
Architekt: Schwabenlandtower hat solide Bausubstanz
Martin Oettinger, Chef der FW/FD-Fraktion, setzt derweil nur geringe Erwartungen in Ebners Visionen: "Es wurde schon viel gesagt, viel versprochen und viel in trockenen Tüchern gesehen. Am Ende war es dann doch nicht so." Immerhin habe nun ein Bauunternehmer das Projekt in der Hand, der in der Region schon größere Projekte fertiggestellt hat. "Das sehe ich als Vorteil", sagt Oettinger. Allerdings solle Ebner nun rasch sagen, was er wolle. Er müsse aktiv werden - alleine weil die Baugenehmigung nach zwei Jahren Untätigkeit erlischt.
Der SPD-Fraktionschef und Architekt Andreas Möhlmann vermutet indes, dass es noch dauert, bis das Projekt für den Weiterbau die "nötige Reife" habe. Immerhin müsse man nicht um die Bausubstanz fürchten, die sei robust. Möhlmann schätzt, dass bis zur Fertigstellung mindestens fünf weitere Jahre nötig sind - wenn es überhaupt was wird. Immerhin habe Ebner mit dem Umbau des Carl-Wüst-Areals von einer Brache zu einem Wohn- und Geschäftskomplex in der Fellbacher City gezeigt, was er könne. Aber: "Der Weg dorthin war steinig, holprig und anstrengend", sagt Möhlmann. Dieses Mal wünsche er sich mehr Kommunikation und Transparenz.
Fellbach hofft weiter: Aushängeschild statt Schandmal
Sprich: Fellbach kann also hoffen, dass das Schandmal noch zum Aushängeschild wird. Baubürgermeisterin Soltys, die ansonsten nüchtern auf den Wohnturm schaut, malt sich das schön aus: abends am Kappelberg spazieren zu gehen und mitten in Fellbach die erleuchteten Fenster im Tower zu sehen. Und am Heiligabend gar die Weihnachtsbäume. "Das stelle ich mir sehr schön vor", sagt Soltys.