Fußball-Europameisterschaft

Meinung: Kaum Public Viewing zur Frauen-EM - ein Armutszeugnis

Deutschland - ein Sommermärchen. Die deutsche Nationalelf steht bei der EM im Halbfinale. Aber Public Viewing in Stuttgart? Fehlanzeige. Traurig, findet Kerstin Rudat aus dem SWR Studio Stuttgart.

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Von Autor/in Kerstin Rudat

Deutschland - ein Sommermärchen. Wehendes Fahnenmeer in Schwarz-Rot-Gold. Die Auswärtstrikots sind ausverkauft. Lieferstau. Wildfremde Menschen fallen sich beim Public Viewing in die Arme. Jede noch so kleine Eckkneipe zeigt die EM-Spiele, die Biergärten überbieten sich darin, wer die größte Leinwand und die geilsten Lautsprecher hat. Wer nicht öffentlich mitfiebert, wird schräg angeguckt. Vier Wochen Party ohne Ende - ich liebe den Fußballsommer! Ach nee, das war ja im vergangenen Jahr zur Fußball-Europameisterschaft der Männer.

Wo sind die Autokorsos? Wo bleibt die öffentliche Euphorie?

Jetzt kämpfen die Frauen um den Meisterinnen-Titel. Wo ist da die Beflaggung auf Balkonen oder Autos? Wo sind die Autokorsos? Wo sind die Fans, die ihre Trikots auch im Alltag anhaben? Wo ist die öffentliche Euphorie über diese hammergute Nationalelf, die sich bis ins Halbfinale gekämpft hat? Und wo bitte sind die ganzen Public Viewings, bei denen man seiner Euphorie kollektiv Ausdruck verleihen kann? Was, "sind ja nur die Frauen", da gibt es keine Nachfrage, höre ich da.

Kerstin Rudat
SWR Redakteurin Kerstin Rudat fieberte vergangenes Jahr bei der EM der Männer öffentlich mit, wenn es die Arbeit zuließ - und würde das jetzt zur EM der Frauen eigentlich auch gerne. Foto: Tim Benscheid

Kaum Public Viewing - fehlt wirklich die Nachfrage?

Am Samstag wollte ich das Viertelfinale gegen Frankreich gerne mit Freundinnen irgendwo öffentlich ansehen. Die Google-Suche ergab ein paar Treffer im Kreis Esslingen. Public Viewing in Stuttgart? Fehlanzeige bei der Internet-Recherche. Ich telefonierte ein bisschen rum und erntete auf die Frage, ob es Public Viewing gibt, entweder Schweigen oder die Gegenfrage "Was ist noch mal am Samstag?" - oder beides. Nach etwas Hin und Her sagte eine meiner Lieblingskneipen zu, für uns die Leinwand klar zu machen. Hinterher steckten mir andere Fans, es gäbe schon noch so zwei, drei Orte mehr, auch ein Biergarten in Leinfelden-Echterdingen zeigt die Spiele.

Als ich dessen Inhaber am Montag anrufe, sagt er wie alle anderen vorher auch: "Es fehlt die Nachfrage." Nur wenige hätten angerufen oder über Instagram gefragt. Ein anderer Biergarten-Betreiber sagt mir, es liege nicht daran, dass es die Frauen sind, aber man habe die EM null auf dem Schirm gehabt und sei schon im Februar mit Firmen-Events für den Juli ausgebucht gewesen.

Frauenfußball ist so erfolgreich wie nie

Dass es "nur die Frauen" sind, zählt eigentlich nicht mehr. Längst hat sich das Image gewandelt. Fußball boomt bei Mädchen im Breitensport, die Stadien sind nicht nur jetzt zur EM voll, sondern auch regulär - und zwar bunt gemischt, auch Männer gehen zur Frauen-Bundesliga.

Auch die Quoten sind top: Mehr als zehn Millionen Menschen haben das Viertelfinale Deutschland gegen Frankreich am Samstag im Fernsehen gesehen. Durchschnittlich kam aktuellen Medien-Daten eines Branchendienstes zufolge jedes Spiel der Frauen-Europameisterschaft auf mindestens doppelt so viele Zuschauerinnen und Zuschauer wie die anfangs parallel laufende Klub-WM der Männer. Es muss doch also Potenzial da sein.

Noch immer keine Gleichberechtigung für Fußballerinnen

Okay, ich verstehe, dass das finanzielle Risiko für Biergärten hoch ist, vor allem, wenn man eine Leinwand mieten muss. Da muss erst einmal entsprechend was erwirtschaftet werden. Aber eigentlich ist das doch eine Henne-Ei-Frage: Was war zuerst da beziehungsweise nicht da? Das Interesse oder das Angebot? Auch das ist ja ein ungeschriebenes Gesetz, nicht nur in der Gastro: Hast du ein neues Produkt, musst du es auch bewerben, bis es knallt wie ein perfekter Elfmeter von Sjoeke Nüsken. Wie soll ich also etwas nutzen, wenn ich gar nichts davon weiß? Achtung, liebe Gastronominnen und Gastronomen, da müsst ihr euch nicht über den Vorwurf wundern, wenn dann kommt: "Ach, macht ihr also so, weil es nur die Frauen sind?"

Stuttgart

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SWR4 am Morgen SWR4

Ich finde es schon ärgerlich genug, dass wir immer noch über gleiches Gehalt und gleiche Ausstattung für Fußballerinnen diskutieren müssen. Und dass bei Finanznot der Kommunen nicht mal gleichberechtigt der Event-Faktor einer EM zu ziehen scheint. Denn während Stuttgart im vergangenen Jahr ohne Frage und ohne Kompromisse Host City bei der EURO 2024 wurde und das sehr erfolgreich meisterte, zog der Gemeinderat für die kommende EM der Frauen 2029 die Bewerbung als Host City zurück. Aus Kostengründen. Aber: Nach eigenen Berechnungen hätte die Stadt das gerade mal ein Drittel von dem gekostet, was letztlich die EM der Männer für Stuttgart an Kosten verursachte. Und dabei ist der Image-Gewinn ja noch nicht mal eingepreist.

Runter von der heimischen Couch, liebe Fans!

Und was ist eigentlich mit eurem Regionalpatriotismus, liebe Menschen in der Region Stuttgart? Es gab nur einen Rudi Völler, und aktuell gibt es nur eine Ann-Katrin Berger. Die kommt aus Göppingen und ist im wahrsten Sinne des Wortes die Überfliegerin dieser EM. Also noch ein Grund mehr für öffentliche Euphorie! Gebt euch einen Ruck, erhebt euch von der heimischen Couch und fordert Public Viewing in eurer Lieblingskneipe ein! Damit es am Ende auch von Gastro-Seite nicht heißt: "Sind doch nur die Frauen - ihr seid ja auch nicht gekommen."