Erinnerungen an Unfall Anfang Januar

Interview mit Artist nach Absturz im Weltweihnachtscircus: "Dmitriy, bewege dich nicht!"

Vor rund drei Monaten stürzte das Artisten-Paar beim Stuttgarter Weltweihnachtscircus in die Tiefe. An die Momente danach kann sich der Luftartist noch genau erinnern.

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Von Autor/in Laura Grabowski

Bei einer Vorstellung des Stuttgarter Weltweihnachtscircus Anfang Januar stürzte das Luftartisten-Paar rund zehn Meter in die Tiefe, Grund war ein gerissenes Seil. Während seine Partnerin mit Prellungen davonkam, zertrümmerte Dmitriy Grygorov sich dabei beide Sprunggelenke. Nach mehreren Operationen konnte er das Krankenhaus nun verlassen und beginnt wieder zu trainieren. Wir haben ihn in Mannheim getroffen.

SWR Aktuell: Was bedeutet Ihnen Ihr Körper?

Dmitriy Grygorov: Er ist mein Instrument, um zu performen und die Menschen zu inspirieren. Deswegen achte ich sehr auf meinen Körper und höre auf ihn. Ich habe manchmal Schulterprobleme, weil ich schon mal operiert wurde. Es war nicht das erste Mal, dass ich runtergefallen bin. Das erste Mal bin ich mit 20 Jahren abgestürzt, im Jahr 1996. Das war meine erste schlechte Erfahrung. Seitdem versuche ich mit meinem Körper sehr vorsichtig zu sein. Ich wärme mich immer gut auf, das ist sehr wichtig. Denn wenn ich mir etwas breche, kann ich nicht arbeiten.

SWR Aktuell: Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Sie gefallen sind?

Grygorov: Es ging alles sehr schnell. Ich kann mich daran erinnern, dass unsere Nummer zu Ende war und wir begannen uns abzuseilen. In der nächsten Sekunde lag ich schon auf dem Boden. Ich wollte aufstehen, aber ein anderer Künstler unserer Show hat mich festgehalten. Er sagte zu mir: "Dmitriy, bewege dich nicht!" Denn wenn etwas mit meinem Rücken gewesen wäre, hätte ich mich nicht bewegen dürfen. Aber meine erste Reaktion war natürlich aufzustehen und nach meiner Partnerin zu schauen. Sie atmete für ein paar Sekunden nicht. Aber dann begann sie wieder zu atmen und sich zu bewegen und konnte ich etwas entspannen.

Erst dann sind mir meine Beine aufgefallen. Sie mussten meine Hose mit einer Schere zerschneiden. Dann habe ich gesehen, dass meine Knochen auf beiden Seiten nach draußen ragten. Ich stand unter Schock. Ich verstand alles, aber ich konnte es nicht begreifen. Um mich herum war so viel Lärm. Dann kamen die Notärzte mit der Trage. Sie mussten meine Knochen erst wieder in Position bringen, um mich transportieren zu können. Sie haben die Knochen zurückgedrückt. Das war ein sehr schmerzhafter Augenblick. Ich glaube, alle um mich herum standen unter Schock.

Der Luftartist Dmitriy Grygorov zeigt an seinem Handy die CT-Bilder seiner zertrümmerten Sprunggelenke.
Eine Aufnahme der zertrümmerten Sprunggelenke von Dmitriy Grygorov.

SWR Aktuell: Machen Sie den Zirkus für Ihren Unfall verantwortlich?

Grygorov: Nein, es ist meine Verantwortung. Es war mein Problem, das kann passieren. Manchmal kann man es nicht komplett kontrollieren, es war mein Risiko.

SWR Aktuell: Der Unfall ist nun rund drei Monate her. Wie geht es Ihnen?

Grygorov: Es wird immer besser. Es ist wie eine Rakete: Je höher man fliegt, desto mehr Teile wirft man ab, sodass man immer leichter wird. Für mich war das die erste Operation am ersten Tag. Da kam mein Arzt Ulrich Liener und erklärte mir, dass meine Beine ein sehr komplizierter Fall seien und es eine sehr komplizierte Operation werden würde. So etwas würden sie nicht jeden Tag sehen, aber ihr Besten geben. Ich war so dankbar. Sie haben die besten Pläne gemacht, um meine Knochen zu rekonstruieren. Ich habe ihnen komplett vertraut und verstanden: Das ist nicht der Zeitpunkt, in dem es um Schnelligkeit geht. Mein Arzt sagte zu mir: "Das werden mehrere Operationen." Ich antwortete: "Natürlich, bitte tun Sie alles, was möglich ist, damit ich wieder arbeiten kann."

Ulrich Liener, Facharzt für Chirurgie, Marienhospital Stuttgart im Interview
Ulrich Liener, Facharzt für Chirurgie am Marienhospital Stuttgart hat den Artisten behandelt.

Das war eine große Challenge, muss man sagen. In zwei Operationen haben wir intraoperativ mehrere Computertomographien gemacht, um zu sehen, ob wir die Knochen richtig zusammengetragen haben und ob die Gelenkfläche korrekt hergestellt ist.

SWR Aktuell: Sie trainieren schon wieder, können aber noch nicht wieder laufen. Was bedeutet das Training für Sie?

Grygorov: Erstmal bedeutet es, dass mein Körper noch funktioniert. Darüber bin ich sehr glücklich. Wie ich davor gesagte habe - es ist wie eine Rakete, die mit der Höhe immer leichter wird, weil sie Teile verliert. Die waren für mich die Metallkonstruktionen an meinen Beinen. Jedes Mal, wenn eine entfernt wurde, wurde es leichter. Und seit der Arzt zu mir gesagt hat, dass ich ein bisschen trainieren kann, mache ich das jeden Tag. Es hilft meinem Ziel wieder zu arbeiten.

SWR Aktuell: Das ist also der Plan, zurück zum Zirkus?

Grygorov: Ja natürlich. Es ist meine Motivation und mein Ziel wieder zu arbeiten. Mein nächster Vertrag startet eigentlich im Oktober im Palazzo Mannheim. Wenn alles nach Plan läuft, könnte das möglich sein. Die Veranstalter verstehen aber meine Situation und haben mir gesagt, ich solle nichts überstürzen und mich erst komplett erholen. Mein Platz dort würde auf mich warten.

SWR Aktuell: Haben Sie nach dem Unfall Angst in der Luft zu sein?

Grygorov: In meinen 35 Jahren Zirkuserfahrung habe ich gelernt, dass es nicht gut ist darüber nachzudenken, dass einem während einer Performance etwas passieren könnte. Manchmal schleichen sich diese kleinen Gedanken aber in deinen Kopf. Das ist für jeden Künstler anders, es ist eine sehr private Sache.

Ich kenne meinen Körper sehr gut und habe keine Angst, weil ich meinen Job liebe. Natürlich werde ich die ersten Monate vorsichtiger sein, bis ich wieder in meiner normalen Form bin. Das heißt nicht, dass ich das alles vergessen werde, es war mein Fehler.

Zirkus in Stuttgart: zwei Artisten hängen an einem Seil
Weltweihnachtscircus in Stuttgart: Dmitriy Grygorov und seine partnerin bei der Zirkus-Nummer "Flight of Passion". (Archivfoto)

SWR Aktuell: Gab es schon Momente, in denen Sie dachten: Meine Karriere ist vorbei?

Grygorov: Ich bin seit 35 Jahren dabei, vielleicht wäre es an der Zeit zu gehen. Aber so würde ich niemals aufhören. Wenn ich irgendwann aufhöre, dann auf der Bühne mit Applaus und Menschen um mich herum, die mit mir feiern.

SWR Aktuell: Was gibt Ihnen die Stärke weiterzumachen?

Grygorov: Ich glaube mein Sinn für Humor. Der ist für mich sehr hilfreich. Meine Frau, meine Familie und Freunde wissen, dass ich ein sehr humorvoller und positiver Mensch bin. Auf der Bühne bin ich eher romantisch. Menschen die mich gut kennen, wissen aber, dass ich im echten Leben anders bin als in der Manege.

SWR Aktuell: Wie blicken Sie in die Zukunft?

Grygorov: Ich möchte erstmal weiterarbeiten. Und danach - tja, das ist tatsächlich ein großes Dilemma für mich. Ich würde gerne in der Entertainmentbranche bleiben, da habe ich viel Erfahrung, auch als Agent für andere Künstler. Oder vielleicht stelle ich auch ein Comedy-Act auf die Beine, schließlich bin ich auch lustig.

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Laura Grabowski
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Anna Knake
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