Retten durch Verscheuchen

Insekten sterben in Mähwerken - doch eine neue Technik soll sie vorher wegpusten

Bei der Mahd von Wiesen werden jedes Jahr Millionen von Insekten getötet. Deshalb testen Wissenschaftler der Uni Tübingen und Hohenheim Techniken, die die Tiere retten sollen.

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Von Autor/in Sissy Hertneck

Wer im Sommer durch hohes Gras läuft, bemerkt schnell, dass Insekten sich hier wohlfühlen. Denn das Gras bietet Zikaden, Spinnen oder Käfern Nahrung und schützt die Tiere vor der Sonne oder vor Feinden. Doch wenn hier schließlich gemäht wird und die sogenannte Mahd stattfindet, kann dieses Zuhause für die Insekten gefährlich werden. Denn gegen die großen Mähwerke sind die Insekten machtlos. Jedes Jahr werden deshalb während der Mahd von Wiesen Millionen von Insekten getötet. Ein Forschungsteam der Universitäten Hohenheim und Tübingen will das mit neuer Technik möglichst verhindern.

Warum Insekten wichtig sind

Allein in Deutschland gibt laut NABU vermutlich über 34.000 Insektenarten, weltweit sind es mehr als eine Million. Damit sind Insekten die artenreichste Tierklasse überhaupt. Allerdings schreitet das Insektensterben auch in Baden-Württemberg immer weiter voran. Betroffen sind beispielsweise Schmetterlinge, Schwebfliegen und Wildbienen.

Johannes Steidle von der Universität Hohenheim weist darauf hin, wie wichtig Insekten sind: "Jede Art ist wie ein kleines Zahnrad, das zum Funktionieren des gesamten Systems beiträgt." Außerdem gehe es nichr nur um das Überleben der Insekten: "Das aktuelle Insektensterben führt unmittelbar dazu, dass zum Beispiel Vögel, Amphibien oder Fledermäuse keine Nahrung mehr finden."

Wie funktioniert die Rettung der Insekten?

Um die Insekten vor den Mähwerken schützen, gäbe es zwei Möglichkeiten, erklärt Stefanie Erhardt, die als Ökonomin im Bereich Chemische Ökologie arbeitet. Entweder werden die Mähwerke selbst verändert und so angepasst, dass weniger Tiere bei der Mahd sterben - oder die Tiere werden kurz zuvor verscheucht. "Wir haben im Rahmen des Vorgängerprojekts 'InsectMow' festgestellt, dass eine Veränderung am Mähwerk selbst die Insekten nicht wirklich rettet", erklärt Stefanie Erhardt. Deshalb testen die Forschenden jetzt Systeme, die die Insekten verscheuchen sollen.

Bei der Gebläsescheuche pustet ein quer vor dem Mähwerk montiertes Gebläse die Insekten aus der Gefahrenzone.
Bei der Gebläsescheuche pustet ein quer vor dem Mähwerk montiertes Gebläse die Insekten aus der Gefahrenzone. Universität Hohenheim / Frank Roller (unger+)

Verscheuchen um zu retten

Die sogenannte Bügelscheuche fährt dazu mit Metallzinken durch die Wiese, um die die Tiere damit zu stören. Im Idealfall springen oder fliegen die Tiere dann weg. Die Gebläsescheuche arbeitet mit Luft: Ein Gebläse, das auf dem Mähwerk montiert ist, pustet die Insekten weg. Damit sollen sie aus der Gefahrenzone befördert werden. Im Rahmen von Feldversuchen testen die Forschenden diese beiden Methoden und wollen vergleichen, welches System mehr Tiere retten kann. Dafür mähen sie mit den beiden Techniken Flächen und fangen die verbleibenden Insekten danach mit einem Quadratmeter großen Würfel auf.

Zusätzliche Netze über und neben dem Mähwerk fangen Tiere auf, die über das Mähwerk flüchten oder zur Seite wegspringen. Im Labor werden die Tiere dann eingefrohren und gezählt. "In so einem Würfel befinden sich dann teilweise über 600 verschiedene Insekten", sagt Stefanie Erhardt.

Könnte die Insektenscheuchen zur Standartechnik werden?

Die Ergebnisse der Feldversuche werden laut Stefanie Erhardt vermutlich erst nächstes Jahr vorliegen. Langfristig sei es das Ziel, dass die "Insektenscheuchen" zum Standard bei der Mahd von Wiesen, Weiden und Feldfutterflächen werden.

Auch andere Forschungsgruppen im deutschsprachigen Raum forschen daran, das Insektensterben bei der Mahd einzudämmen. An der Universität Bern beispielsweise wurde zum Insektensterben bei der Mahd von Straßenbegleitgrün geforscht, also Pflanzen und Grünflächen an den Rändern von Straßen, Wegen und Plätzen.

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