Fabian Gall-Schad besitzt eine Wohnung in Obertürkheim und stellte sie als Vermieter dem Modellprojekt "Housing First" zur Verfügung. Dabei wird in Stuttgart an obdachlose und wohnungslose Menschen vermietet. Doch rund drei Jahre später muss er seine Wohnung teuer sanieren. Er beklagt, die Caritas als Projektverantwortliche habe sich nicht ausreichend gekümmert.
Vermieter stellt Wohnung in Obertürkheim für "Housing First" zur Verfügung
Den Versicherungsvermittler überzeugte das Konzept, mit dem "Housing First" wirbt: Sorgfältig ausgewählte Mieterinnen und Mieter, eine engmaschige Betreuung sowie eine bestehende Haftpflichtversicherung. Hinzu kommen eine Mietausfallgarantie und Schadensausgleich. "Ich habe mich bewusst entschieden, für deutlich weniger Miete an das städtisch geförderte Projekt zu vermieten", so Fabian Gall-Schad.
Halbzeitbilanz der Wohnungsvermittlung Projekt "Housing First" in Stuttgart holt Obdachlose von der Straße
Das Modellprojekt "Housing First" vermittelt Wohnungen an Obdachlose und Wohnungslose. Mittlerweile sind 25 der geplanten 50 Mietverträge unterschrieben. Wie geht es weiter?
Obertürkheim: Beschwerden wegen Cannabisgeruch, Streit und ein Polizeinsatz
"Housing First" vermittelt ihm eine dreiköpfige Familie, ein Paar mit ihrem Kind. Im November 2023 beginnt das Mietverhältnis. Heute würde Gall-Schad nach eigener Aussage gerne die Zeit zurückdrehen. Bei einem Treffen mit dem SWR im August zeigt er die noch sichtbaren Schäden an der Wohnung: Eingeschlagene Wände, Wasserschäden, zerstörter Bodenbelag.
Angefangen habe alles im Frühjahr 2025. Damals sei der Partner der Frau ausgezogen. Kurz darauf beschweren sich die anderen Hausbewohner häufiger bei Gall-Schad. Es rieche nach Cannabis im Flur, man höre ständig Gebrüll, immer wieder soll die Polizei vor der Tür gestanden haben. Die Frau hatte wohl einen neuen Partner, regelmäßig soll es heftigen Streit gegeben haben. Erst viel später habe Gall-Schad erfahren, dass die Bewohnerin suchtkrank und in psychiatrischer Behandlung war.
Im Frühjahr 2026 rückt die Polizei mit einer Hundertschaft nach Obertürkheim aus, auch ein Hubschrauber ist im Einsatz. Ein mutmaßlicher Beziehungsstreit zwischen Gall-Schads Mieterin und ihrem neuen Partner eskaliert. Damals berichtet die Stuttgarter Zeitung. Ein Blutfleck an der Hausfassade erinnert noch daran. Im April 2026 kündigt Gall-Schad der Mieterin.
Nach Vermietung an "Housing First": Mehrere zehntausend Euro Sanierungskosten
Ende Juni bekommt er die Wohnung wieder übergeben. Fotos, die dem SWR vorliegen, zeigen Müllberge, bemalte Wände, zerschlagene Türen, Wasserschäden. Gall-Schad fragt sich, wer dafür aufkommt und wer die Wohnung räumt. Eigentlich sei ja ein Versprechen des Projekts gewesen, dass für Schäden aufgekommen werde, sagt er - auch dadurch, dass alle Mieter bei "Housing First" eine Haftpflicht haben. Doch Gall-Schads Mieterin hatte ihre Beiträge nicht gezahlt.
Gall-Schad kontaktiert mehrfach die Caritas in Stuttgart, den geschäftsführenden Träger von "Housing First". Für die Schäden sah die sich nicht zuständig, kritisiert Gall-Schad. Auch der Abtransport der restlichen Habseligkeiten der Mieterin sei eigentlich nicht ihre Aufgabe, habe die Caritas ihm mitgeteilt. Auf eine Nachzahlung der Miete muss Gall-Schad damals mehrere Wochen warten, sagt er.
Nach mehrfachen Gesprächen räumt die Caritas dann doch die Wohnung aus. Dabei hätten Mitarbeitende des Teams weitere Schäden in der Küche verursacht, wirft ihnen Gall-Schad vor. Mit einem Wasserschaden im Bad seien die Gesamtkosten so auf bis zu 70.000 Euro gestiegen. Momentan liefen die Gespräche mit seiner Versicherung. Nach aktuellem Stand müsste Gall-Schad bis zu 15.000 Euro selbst zahlen, sagt er.
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Vertrag zwischen Mieter und Vermieter: Caritas sieht sich nicht verantwortlich
Dem SWR liegen Schriftwechsel zwischen der Caritas und Gall-Schad vor. Er erhebt mehrere Vorwürfe: Es gebe keine klaren Verantwortlichkeiten, die Kommunikation sei mangelhaft, Nachweise wie die einer laufenden Haftpflichtversicherung fehlten. Auch habe man ihm Handwerksarbeiten zugesichert, die nicht zustande gekommen seien.
Gegenüber dem SWR widerspricht die Caritas der Darstellung und betont, dass man Gall-Schad angeboten habe, ihn bei Malerarbeiten zu unterstützen - und das, obwohl die Caritas nach eigenen Angaben rechtlich dazu nicht verpflichtet sei. Denn der Mietvertrag lief wie bei allen "Housing First"-Vermittlungen direkt zwischen Vermieter und Mieter. Das habe man vor Abschluss des Mietvertrages auch ausdrücklich klargestellt, so die Caritas.
Das Angebot der Malerarbeiten sei zunächst angenommen, dann aber wieder abgelehnt worden. Darüber hinaus besteht laut Caritas keine unmittelbare vertragliche Bindung zwischen den Trägern von "Housing First" wie der Caritas und den Vermietenden wie Gall-Schad. Trotzdem gebe es bei Mietrückständen oder Schäden über einen sogenannten "Notfallfonds" eine finanzielle Unterstützung von maximal 5.000 Euro. Auch darüber sei Gall-Schad aufgeklärt worden, entgegnet die Caritas.
Trotz Schäden und Ärger: Gall-Schad würde Wohnung wieder vermieten
Außerdem sei überprüft worden, ob Mitarbeitende mit Schreinerarbeiten bei der Sanierung helfen könnten. Laut Caritas war das aber aufgrund fehlender personeller Ressourcen nicht möglich. Weil man aber erkannt habe, dass es sich um einen "außergewöhnlichen Einzelfall" handelt, wurden Gall-Schad im Rahmen des "Notfallfonds" drei Monatskaltmieten ausbezahlt. Außer in diesem Fall sei es sonst noch nie in einer der 34 vermittelten Wohnungen zu Problemen gekommen, so die Caritas.
Trotzdem räumt die Caritas ein, dass Gall-Schad nicht gut mitgenommen worden sei in die Prozesse. Dass nicht kontrolliert wurde, dass die Mieterin beispielsweise ihre Beiträge für die verpflichtende Haftpflicht nicht bezahlt hatte, nehme man als Erfahrung mit. Doch die psychischen Probleme und die Suchterkrankung der Mieterin habe man aus Datenschutz-Gründen nicht weitergeben können, so die Caritas. Laut Caritas war vor allem der neue Partner der Frau verantwortlich für die Beschädigung der Wohnung.
Gegenüber dem SWR bezweifelt Fabian Gall-Schad, dass die Caritas geeignet ist, das Projekt weiter zu leiten und wünscht sich Verbesserungen bei "Housing First". Denn obwohl er womöglich auf mehreren tausend Euro sitzen bleibt, würde er wieder seine Wohnung zur Verfügung stellen. Doch dafür müsste sich aus seiner Sicht einiges ändern - unter anderem ein Versicherungsnachweis mit laufender Kontrolle, ein schneller Schadensausgleich sowie regelmäßige und dokumentierte Besuche von Sozialarbeitenden. Laut Projekt-Website laufen aktuell Gespräche, um das Projekt weiter umsetzen zu können.