Ein Eklat an einer Stuttgarter Schule erinnert an Ereignisse vor zwei Jahren. Damals hatten Feiernde auf Sylt in einem Club mit ausländerfeindlichen Gesängen zu einem Lied von Gigi D'Agostino bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. 2024 fand die Aktion immer wieder Nachahmer in der Öffentlichkeit. Jetzt wurde der fremdenfeindliche Text bei einem Sommerfest an der Merz Schule gesungen. Der Schulleiter bestätigt dem SWR den Vorfall und kritisiert ihn scharf. Zuerst hatte die "Stuttgarter Zeitung" über den Vorfall berichtet.
Lied von Gigi D'Agostino bei Schulfest verändert
Nach dem offiziellen Teil des Sommerfestes Mitte Juli mit rund 500 Besucherinnen und Besuchern sind etwa 200 Jugendliche noch zum Feiern geblieben. Als der DJ den bekannten Hit "L'Amour toujours" von Gigi D’Agostino spielte, haben einige Schüler nicht den Originaltext, sondern den fremdenfeindlichen Refrain "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus" gesungen, sagte der Schulleiter Frederik Merz im SWR-Interview. Andere Besucher des Sommerfestes machten Videos davon.
Das Material habe die Schule eigenen Angaben nach gesichtet. Wer genau welche Textpassagen gesungen hat, ließe sich daraus nur schwer herauslesen. Neben den Schülerinnen und Schülern der Merz Schule waren auch Jugendliche anderer Schulen beim Sommerfest zu Gast. Laut Merz handelte es sich bei den Mitsingenden der Parolen definitiv um eine Minderheit.
Auch Jugendliche mit Migrationshintergrund haben mitgesungen
Mitten im Lied habe der DJ die Musik dann ausgeschaltet, so der Schulleiter. Ein ehemaliger Schüler der Merz Schule, der die ausländerfeindlichen Passagen gesungen hatte, wurde demnach direkt herausgezogen und des Platzes verwiesen. In einem anschließenden Gespräch mit der Schulleitung habe der Abiturient Reue gezeigt, so Merz. Warum er den Text so gesungen hatte, könne der Jugendliche sich nicht erklären.
Texte wie diese sind für viele wohl eine Bagatelle.
Überraschend war für den Schulleiter auch, dass an dem Abend selbst Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund die abgeänderte Textversion gesungen haben. "Ich bin erstaunt, dass es kein Gefühl dafür gibt, was man mit solchen Aussagen anrichten kann und dass es scheinbar eine Bagatelle geworden ist", sagte Merz.
Reue und Einsicht der Schüler nach Vorfall
In der Woche nach dem Sommerfest habe die Schulleitung mit den Schülerinnen und Schülern der Mittel- und Oberstufe aufklärende Gespräche geführt. "Für uns war wichtig, dass wir eine sehr klare Einordung finden konnten, dass diese Rufe zu uns als Schule überhaupt nicht passen", so Merz. "Wir haben in jeder Klasse mehrere Kinder mit Migrationshintergrund und Freundschaften über alle Nationen hinweg - das macht auch unser Werteverständnis aus."
Im Dialog zeigten sich die Jugendlichen laut Merz betroffen und einsichtig: "Wir haben natürlich keine Selbstanzeigen erlebt, dass jemand gesagt hat, ich war dabei, wir haben aber ehrliche Bestürzung darüber gespürt." Mit welcher Lockerheit Sprüche wie diese gesungen werden, findet der Schulleiter allerdings grundsätzlich besorgniserregend. "Es scheint mir, dass es bei vielen Jugendlichen ganz normal ist, so etwas zu skandieren."
Gesänge werden nicht strafrechtlich verfolgt
Dass Gesänge wie diese nicht strafrechtlich verfolgbar sind, überrasche den Schulleiter. "Ich bin davon ausgegangen, dass wir hier volksverhetzende Äußerungen haben." Der Text, wie er gesungen wurde, sei noch von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das haben bereits die Gerichtsurteile nach den Gesängen im Club auf Sylt 2024 ergeben.
Wann ist mal die Grenze erreicht, wo Meinungsfreiheit aufhört und der volksverhetzende Anteil beginnt?
Für Merz stellt sich die Frage, wie man damit gesellschaftlich umgehen soll. "Wann ist mal die Grenze erreicht, wo Meinungsfreiheit aufhört und der volksverhetzende Anteil beginnt?" Zum Schutz der Demokratie wünscht er sich mehr politische Debatten zu solchen Themen. Von dem Vorfall möchte man sich an der Merz Schule aber nicht verunsichern lassen. Die Schulgemeinschaft lebe von Vielfalt und das soll auch weiterhin so bleiben, betont Merz.