Was macht eigentlich Winfried Kretschmann, fragen sich viele Menschen in BW. Im ersten TV-Interview seit seinem Abschied aus der Politik vor gut vier Monaten macht der 78-jährige Ex-Ministerpräsident einen aufgeräumten Eindruck. In der SWR-Sendung "Landesschau" fragt Moderatorin Fatma Mittler-Solak den früheren Grünen-Politiker gleich zu Beginn, ob er nun viel Urlaub mache. "So viel Urlaub, was man gemeinhin darunter versteht, mache ich nicht. Für mich heißt Urlaub am eigenen Haus werkeln." In seinem Haus in Laiz (Kreis Sigmaringen) seien zwei Zimmer nicht renoviert, das hole er jetzt nach. "Ich leg da gerade einen Putz an." Wie das gehe, habe er sich mal abgeguckt. "Ich kann's, wenn auch nicht so schnell wie ein Maurer."
Kretschmann hat fünf Kilo abgenommen
Überhaupt sei er viel mehr in Bewegung als in seiner Zeit als Regierungschef. "Ich habe jetzt über fünf Kilo abgenommen, ich weiß gar nicht warum." Wahrscheinlich komme es daher, dass er deutlich mehr auf den Beinen sei. "Im Amt sitzt man ja 80 bis 90 Prozent, jetzt ist es umgekehrt." Außerdem spiele er mit seinem ältesten Enkel häufig Tischtennis. Mit einer Enkelin spiele er "Stadt Land Fluss Vollpfosten".
Trotz des Abschiedes aus der Politik bekomme er noch sehr viele Anfragen für Auftritte. Er müsse erstmal sortieren und entscheiden: "Was mach ich und was lass ich?" Als Polit-Rentner seien solche Auftritte nun Kür und nicht mehr Pflicht. Deshalb mache er mehr Dinge, die ihm liegen. Insbesondere für die Demokratie wolle er sich einsetzen.
Grünen-Politiker will nicht mehr Bundespräsident werden
Eine Rückkehr auf die politische Bühne schließt der 78 Jahre alte Kretschmann aus. Auf eine Zuschauer-Frage, ob er sich vorstellen könne, Bundespräsident zu werden, antwortet er: "Nein. Das ist jetzt mal rum." Außerdem habe ihn auch keiner gefragt. Auf die Frage, ob er wehmütig sei, erklärt Kretschmann: "Den Job vermisse ich nicht. Ich vermisse die Menschen, die um mich rum waren." Als Regierungschef habe man das Privileg, sich ständig mit sehr gescheiten Menschen unterhalten zu können. Aber: "Den Politikbetrieb vermiss ich nimmer."
Die ganze Sendung mit dem Gespräch mit Winfried Kretschmann zum Nachschauen:
Kretschmann sieht eine "Krise des Argumentierens"
Kretschmann hält die Demokratie angesichts des Erstarkens radikaler Kräfte für gefährdet. Er würde sich wünschen, dass alle Leute den Wert der Demokratie erkennen. Doch viele Menschen hätten verlernt richtig zu streiten. "Meiner Ansicht nach sind wir in einer Krise des Argumentierens." Das liege vor allem daran, dass nur noch wenige Bürgerinnen und Bürger Zeitung läsen und im Fernsehen Formate anschauten, in denen wirklich diskutiert wird. "In den neuen Medien, da schmeißt man sich eher eine Meinung an den Kopf, statt die Dinge durchzudenken und durchzusprechen." Noch schlimmer werde es, wenn manche glaubten, ihre Meinung sei schon eine Tatsache.
Der Ex-Ministerpräsident warb dafür, Kompromisse zu suchen - sowohl in der Politik als auch im Privaten. "Dieses Aushandeln, Konsense suchen, mal nachgeben, das ist wichtig." Klar sei aber auch: "Man kann auch mal nachgeben, nur wenn immer dieselben nachgeben müssen, dann wird es ungerecht."