Jedes Jahr erleiden in Deutschland rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. In Mannheim kann ihnen jetzt schneller geholfen werden - mit einer Mobilen Stroke Unit (MSU). Das Spezialfahrzeug wurde rund eineinhalb Jahre lang auf dem Gelände des Uniklinikums getestet. Seit wenigen Wochen rückt der Rettungswagen mit dem hochspezialisierten Equipment nun bei Notfällen aus.
Mobile Stroke Unit stets mit Dreier-Team besetzt
Die 86-jährige Mannheimerin Ingrid D. hat in der Vergangenheit bereits zwei Schlaganfälle erlitten. Als sie am Donnerstag beim Wachwerden völlig verwirrt scheint, nach Worten ringt und undeutlich spricht, vermutet ihre Tochter das Schlimmste: Liegt ein dritter Schlaganfall vor?
Die Tochter wählt den Notruf. Wenige Minuten später schickt die Leitstelle einen Rettungswagen zur Wohnung, zeitgleich macht sich die MSU auf den Weg. Im Fahrzeug: ein Rettungssanitäter, eine Technikerin aus der Radiologie sowie eine Fachärztin für Neurologie.
Die Patientin muss nicht erst in die Klinik gefahren werden. Das spart wertvolle Zeit.
Am Einsatzort angelangt, übernimmt das Team des Rettungswagens die Erstversorgung. Kurz danach bringen die Sanitäter Ingrid D. auf einer Trage zur MSU. Da das Spezialfahrzeug mit einem neuartigen, speziell entwickelten Computertomographen für den Kopf ausgestattet ist, kann das Notfall-Personal sofort mit den neurologischen Untersuchungen beginnen.
Millionen von Nervenzellen sterben innerhalb kürzester Zeit
Bei einem akuten Schlaganfall zähle jede Minute, erklärt Michael Platten, Direktor der Klinik für Neurologie am UMM. Bliebe er unbehandelt, gingen bei einem großen Hirninfarkt alle 60 Sekunden rund 1,9 Millionen Nervenzellen kaputt - mit teils weitreichenden Folgen. Typisch seien etwa einseitige Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen sowie kognitive Beeinträchtigungen, so Platten.
Mobile Stroke Unit prüft Schlaganfall-Auslöser
Die CT-Bilder auf dem Monitor in der MSU geben Aufschluss darüber, was genau den Schlaganfall ausgelöst hat - ein verstopftes Blutgefäß oder eine Hirnblutung. Die Unterscheidung sei für die weitere Behandlung von großer Bedeutung, so das UMM. Die ersten Therapieschritte könnten somit bereits vor Ort und nicht erst in der Klinik beginnen.
Wenn wir im Schnitt eine halbe Stunde gewinnen, kann das für Betroffenen einen riesigen Unterschied machen: beim Sprechen, beim Gehen und bei der Wiedererlangung der Selbstständigkeit.
Über das 5G-Netz können die Aufnahmen in Echtzeit an die Universitätsmedizin geschickt werden. Über das telemedizinische System steht das Personal in der Klinik mit dem Notfall-Team vor Ort in Kontakt und kann im Ernstfall schon weitere therapeutische Maßnahmen in die Wege leiten.
Keine Hinweise auf erneuten Schlaganfall
Im Fall von Ingrid D. ist das allerdings nicht notwendig. Die Fachärztin hat auf den CT-Bildern keinerlei Hinweise gefunden, die auf einen erneuten Schlaganfall hindeuten. Auch eine Ultraschall-Untersuchung der Halsschlagadern ist unauffällig. Dennoch kommt die Patientin zur weiteren Abklärung in die Klinik.
Mobile Stroke Unit rückt zunächst nur in Mannheim aus
Die MSU in Mannheim ist die erste ihrer Art in Baden-Württemberg. Sie baut auf Erfahrungen von Pilotprojekten in Homburg (Saarland) und Berlin. Das Spezialfahrzeug soll zunächst nur in Mannheim zum Einsatz kommen. Die Daten werden wissenschaftlich ausgewertet. Sollte sich die MSU in der Praxis bewähren, könnten weitere Fahrzeuge angeschafft werden, um den Einsatzradius zu erweitern, heißt es von seiten der Uniklinik.