Seit 1988 lädt das Kulturfenster Heidelberg (ein gemeinnütziger Verein für zur Förderung von Jugendarbeit, Bildung und Kultur) alle zwei Jahre Kinder in die fiktive Spielstadt "Heidel York" ein. Die liegt dieses Mal im Stadtteil Pfaffengrund, auf dem Gelände der Graf von Galen-Schule.
Ganz generell gehts in "Heidel York" ums Eintauchen von Kindern in die Erwachsenenwelt. Mit allem, was dazugehört: Handwerksbetriebe, Apotheke, Spielcasino, Arbeitsamt und natürlich ein Rathaus. Eine Zeitung gibts auch, in der "Heidel York am Neckar Zeitung" stehen tagesaktuelle Berichte über das Geschehen in der Stadt. Polizei und Müllabfuhr sollen "Heidel York" zudem sicher und sauber halten.
Doppelspitze im Rathaus der Spielstadt "Heidel York"
Mit nur zwölf Jahren schon ganz oben: Victoria und Sebastian wurden in "Heidel York" zur Bürgermeisterin und zum Bürgermeister gewählt. Die beiden wollen den Heidel-Yorkern zeigen: "Wir hören Euch zu". Bei regelmäßigen Rundgängen durch die Stadt möchten sie mit den Kindern ins Gespräch kommen. Ginge es nach ihnen, sollten das auch Bürgermeister außerhalb "Heidel Yorks" machen - je mehr direkter Dialog, desto besser.
Spielstadt-Rathauschefs wollen Steuern senken
Alle Kinder erhalten in "Heidel York" für ihre Arbeit gleich viel Gehalt - außer die Selbstständigen. Die müssen dafür aber auch 40 Prozent ihres Einkommens versteuern. Das möchten Victoria und Sebastian in ihrer Amtszeit jedoch ändern. Sie möchten die Steuern senken, um damit die Kreativität der Kinder zu fördern. Bei der nächsten Stadtrats-Sitzung möchten sie diesen Vorschlag einbringen.
Wir konnten noch nichts beschließen, wir sind ja keine Diktatur.
In Heidelberger Spielstadt wird mit "Heidel" bezahlt
Bezahlt wird in "Heidel York" mit der Währung "Heidel". Pro Tag verdienen die Kinder 36 "Heidel" brutto. Sechs "Heidel" werden als Steuern einbehalten. Jeden Tag tragen sich die Bewohner beim Arbeitsamt für einen Job am nächsten Tag ein. Sozialhilfe gibt es auch: Wer unfreiwillig arbeitslos ist, bekommt 20 "Heidel" pro Tag. Die Geschwister Marlene und Oskar sind von "Heidel York" begeistert: "Wir lernen hier, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, was wir machen", erklärt Marlene. Ihr kleiner Bruder findet es gut, dass er in "Heidel York" lernt, mit Geld umzugehen.
Großes Interesse an Heidelberger Ferienprojekt
Der Zuspruch für das Ferienprojekt des Kulturfenster-Vereins ist riesig. In diesem Jahr war die Teilnehmerliste bereits nach vier Minuten voll und ausgebucht. Claudia Faller und ihr Team vom Kulturfenster waren und sind während der gesamten Spielstadt-Zeit (in diesem Jahr vom 3. bis 14. August) präsent, um die Kinder zu unterstützen, halten sich aber im Hintergrund. Dabei beobachten sie: Kinder finden selbst Lösungen, wenn man ihnen Verantwortung überlässt.
Kinder kriegen hier wirklich ganz direkt mit, dass sie Dinge mitgestalten können und Dinge verbessern können.
Bankier in "Heidel York" ist vorbestraft
Kriminalität spielt in "Heidel York" übrigens auch eine Rolle. Denn Falschgeld-Betrug und Banküberfälle sind in der Spielstadt bereits vorgekommen. Wer erwischt wird, bekommt eine Strafe. Davon kann Nachwuchs-Banker Paul ein Lied singen. Ausgerechnet der Junge, der in "Heidel York" für die Finanzen zuständig ist, ist nämlich ein vorbestrafter Krimineller: Wegen eines Überfalls musste Paul bereits eine - fiktive - Strafe zahlen. Zum Bankier hat man ihn in der Spielstadt trotzdem gemacht.
Zwillinge mit kreativem Plan zum Steuern sparen
Die Zwillinge Vincent und Constantin haben sich jobmäßig selbständig gemacht. Sie verkaufen Lose und bieten Geschicklichkeitsspiele an. Dabei ist Vincent gerade arbeitslos gemeldet, doch sein Bruder teilt den Erlös großzügig mit ihm. Auch über Steuereinsparungen denken die beiden schon kreativ nach. Ihr Plan: Wenn sie das erwirtschaftete Geld auf Vincent anmelden, könnten sie "das System dribbeln" - also austricksen.
Spielstadt: "Sich ausprobieren und Verantwortung übernehmen"
Nicht nur das Selbstbewusstsein der Kinder wird durch das Projekt gefördert, sondern auch ihr Demokratieverständnis. Durch das Einbringen von Ideen und Kritik läuft die Spielstadt nie gleich ab – sondern verändert sich jedes Mal ein bisschen. Dabei, so Claudia Faller vom Kulturfenster, müsse die Kinderspielstadt ihrer Meinung nach "nicht die komplexe Realität mit ihren Ungleichheiten perfekt abbilden". Es gehe vielmehr darum, dass Kinder in einer "bewusst vereinfachten Lernwelt Zusammenhänge verstehen, sich ausprobieren, Verantwortung übernehmen und Selbstwirksamkeit erleben können".
Nach zwei Wochen (am 14. August) schließt "Heidel York" seine Tore. Die verdienten "Heidel" verlieren dann natürlich ihren Wert. Doch die Erfahrungen und das Gefühl von gesellschaftlichem Zusammenhalt werden den Kindern ganz sicher lange erhalten bleiben.