Vor vier Jahren gründete das Ehepaar Konstandin aus Karlsbad (Kreis Karlsruhe) gemeinsam den Verein "schenkzeit". Heute kümmern sich insgesamt 35 Mitglieder im Namen des Vereins um 53 Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind.
Für ihr ehrenamtliches Engagement sind Jörg und Bärbel Konstandin in diesem Jahr mit dem LEA-Mittelstandspreis Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. Dazu haben sie Ende Oktober in Berlin den zweiten Platz beim Deutschen Pflege-Innovationspreis gewonnen. Das Motto des Vereins: Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind oder unter Einsamkeit leiden, Zeit zu schenken und so seelische Zuwendung zu geben.
Studie zeigt: Jeder dritte fühlt sich einsam
Einsamkeit ist längst kein individuelles Problem mehr. Jeder dritte in Baden-Württemberg fühlt sich laut der Bertelsmann-Stiftung einsam. Insgesamt 30,1 Prozent der Befragten sagten, dass sie sich "moderat einsam" fühlen und 8,1 Prozent gaben an, sie seien sogar "stark einsam".
Gesellschaft Einsamkeit überwinden – Wege aus der sozialen Isolation
Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem. Die Politik hat die Brisanz erkannt: Kampagnen sollen aufklären, Forschung wird gefördert.
Verein aus Karlsbad geht "hinter die Haustüren"
Einmal in der Woche klingelt Bärbel Konstandin im Namen von "schenkzeit" an der Haustür von Cornelia Gotthard in Waldbronn (Kreis Karlsruhe). Die 73-Jährige lebt allein in ihrer Wohnung und freut sich über den Besuch. Beim gemeinsamen Kaffeetrinken ist Zeit für ein Gespräch.
Sie erzählt von früher, als sie noch im Hotelfach tätig war und beruflich oft auf Reisen war, wo sie viele Menschen kennengelernt hat. Heute fehlen ihr diese sozialen Kontakte, gesteht sie. Es sei oft niemand da, mit dem sie reden kann.
Es ist einfach so, dass man alleine in der Wohnung sitzt. Da bin ich sehr dankbar für die Besuche der Leute von schenkzeit. Diese Gespräche brauche ich einfach, die sind kostbar für mich.
Bei ihren Besuchen nimmt sich Bärbel Konstandin viel Zeit, um mit den "Beschenkten", wie die Klienten im Verein heißen, spazieren zu gehen, gemeinsam zum Einkaufen zu fahren oder mal wieder ein Café zu besuchen. "Darauf freuen sich die Menschen oft schon die ganze Woche", so Bärbel Konstandin. Das Hilfsangebot ist für die Beschenkten kostenlos. Es ist eben gemeinsame Zeit, die geschenkt wird. Das alles tut beiden Frauen sichtlich gut, sie lachen viel zusammen.
Am Ende freut sich die 73-jährige Cornelia Gotthard schon auf das nächste Wochenende, wenn sie wieder Besuch von einer jungen Frau bekommt, die für "schenkzeit" arbeitet.
Zeit schenken: beide Seiten profitieren
Bärbel Konstandin berichtet von vielen schönen Erfahrungen, die sie als Helferin macht. Oft würden beide Seiten von diesen Treffen profitieren, die Übergänge seien fließend. Wenn sich die Beschenkten wieder gesehen und gebraucht fühlten, komme etwas in Gang. Manchmal entstehen auch neue Freundschaften.
Die geschenkte Zeit ist etwas ganz Individuelles. Wie viel Zeit geschenkt wird, bestimmen die Vereinsmitglieder selbst. Und oft sind die Übergänge zwischen Helfer und Beschenkten fließend.
Kampf gegen Einsamkeit und Isolation begann in der Corona-Pandemie
Am 2. Dezember 2021 hat Bärbel Konstandin gemeinsam mit ihrem Mann Jörg Konstandin den Verein "schenkzeit" gegründet. Anlass waren die negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Menschen: Viele Menschen lagen krank und einsam in den Kliniken oder in ihren Wohnungen und durften keine Besuche mehr von Angehörigen bekommen. Die Einsamkeit sei oft schlimmer als die Erkrankung selbst, so Jörg Konstandin. "Gegen diese absolute Isolation wollten wir etwas tun, um Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuholen."
Jörg Konstandin selbst hat in seiner eigenen Familie erlebt, wie sein damals todkranker Vater regelrecht aufgeblüht sei, als er in der Corona-Zeit wieder regelmäßig Besuch von der Familie bekam. "Danach hat er noch drei weitere Jahre gelebt", so der Unternehmer.
In Karlsbad-Ittersbach führt das Ehepaar Konstandin in der dritten Generation einen gut gehenden Produktionsbetrieb für Pneumatik-Ventile und Zylinder. Viele der knapp 40 Mitarbeiter dort engagieren sich selbst aktiv als Helfer oder durch Spenden für "schenkzeit". Denn der Verein finanziert sich überwiegend durch Spenden, etwa um Reisekosten abzuwickeln oder Flyer zu drucken und Briefe zu versenden.
Unternehmen Konstandin engagiert sich sozial aus Überzeugung
Das soziale Engagement hat einen festen Platz im Leben von Jörg und Bärbel Konstandin - neben ihrem Betrieb und trotz knapper Zeit. Beide nehmen auch selbst regelmäßig Besuche bei einsamen und älteren Menschen wahr. Die meisten der so Beschenkten sind älter als 80 Jahre. Viele wohnen im Heim, haben oft keine Familienangehörigen, die sich um sie kümmern. Die Folge: Sie vereinsamen. "Wir gehen hinter die Haustüren", so Jörg Konstandin, "unsere Arbeit fängt da an, wo die medizinische Pflege endet, wir kommen den Menschen sehr nahe."
Nach vier Wochen sind die Menschen, die beschenkt werden, nicht mehr wiederzuerkennen, weil sie sich so freuen, dass wir sie wieder besuchen. Auf der anderen Seite werden die Dinge und Probleme, die wir hier im Geschäft haben, sehr klein. Man wird geerdet.
Verein will bald auch in Bruchsal und Baden-Baden aktiv sein
In Zukunft will der Verein seine Fühler auch nach Norden und Süden ausstrecken: In Bruchsal und Baden-Baden sollen weitere Standorte eröffnet werden. Auch für jüngere Menschen will sich "schenkzeit" öffnen - als Helfer und weil zunehmend jüngere Zielgruppen in den Fokus rücken. Denn auch junge Menschen fühlen sich zunehmend einsam.
Simone Häring ist beides. Helferin im Verein und Betroffene. Die 33-Jährige leidet unter einer schweren Stoffwechselstörung, kann nicht mehr in ihrem Beruf als zahnmedizinische Fachangestellte arbeiten, weil sie dreimal wöchentlich zur Dialyse muss. An "guten Tagen" engagiert sich Simone Häring für den Verein, arbeitet in der Vereinszentrale im Büro mit und besucht regelmäßig eine ältere Dame in einem Seniorenheim. Wenn es ihr nicht gut geht und sie selbst Hilfe braucht, dann bekommt sie zu Hause Besuch von einem "schenkzeit"-Mitglied.
Hemmschwelle bei einsamen Menschen ist oft hoch
"Das gibt mir einfach das Gefühl, noch aktiv am Leben teilzunehmen", so Simone Häring, "ich kann etwas tun, fühle mich wieder gesehen und meine Gedanken kreisen nicht ständig nur um meine Krankheit."
Doch die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, war hoch für die junge Frau: "Ein Jahr lang lag der Flyer in meiner Schublade, bis ich mich aufraffen konnte, mal beim Verein anzurufen und um Hilfe zu bitten", erzählt Simone Häring. "Heute weiß ich, das war das Beste, was ich machen konnte."