Hector lebt in seinem eigenen Terrarium im Büro von Amtsleiter Michael Thate. Die 1,4 Meter lange Boa wird von allen hier umsorgt. Regelmäßig müssen die Luftfeuchtigkeit überprüft, das Wasser gewechselt und Hector gefüttert werden.
Dass er mittlerweile fest zum Rathaus-Team gehört, war nicht von Anfang an selbstverständlich. Einige Kolleginnen und Kollegen waren zunächst etwas verunsichert von der Boa.
Manche haben gesagt, ich geh da nicht rein, wo Hector drin ist.
Rathausmitarbeiter schließen Hector schnell ins Herz
Nachdem sich Hector und seine Skeptiker vorsichtig angenähert hatten, haben sich alle schnell ins Herz geschlossen. Die Würgeschlange hat die Rathausgemeinschaft sogar enger zusammenrücken lassen, erzählt Michael Thate. Um ihn zu versorgen, bedarf es nämlich einer Menge Teamwork.
Unter der Woche versorgen ihn die Mitarbeiterinnen des Sekretariats. Am Wochenende übernimmt Horst Koller vom Ordnungsamt. Selbst die Familie des Amtsleiters hilft mit. Im Wechsel mit den Kollegen des Amtsleiters kaufen sie Hectors Lieblingsfressen: Mäuse.
Über die vier Monate, die Hector jetzt schon da ist, hat sich natürlich eine Bindung entwickelt. […] Der Hector kann schon erkennen, wer da gerade da ist.
Hector wurde vor zwei Jahren ausgesetzt
Im November 2024 tauchte Hector in einem Garten in Linkenheim-Hochstetten auf. Weil die Boa ein wechselwarmes Tier ist, seine Körpertemperatur also von der Außentemperatur abhängt, war das eigentlich sein Todesurteil. Glücklicherweise wurde Hector entdeckt und von der Feuerwehr eingefangen.
Ab diesem Zeitpunkt war die Gemeinde für ihn als Fundtier gesetzlich verantwortlich, erzählt Michael Thate. Offizielle Papiere hatte er natürlich nicht. Die bräuchte es aber, um das geschützte Tier etwa an Privatpersonen abgeben zu dürfen - eine Zwickmühle.
Da beißt sich die Schlange selbst in den Schwanz.
Über ein Jahr habe man außerdem versucht, das Tier bei Zoos, Naturkundemuseen oder Reptilienvereinen unterzubringen. Erfolglos. Zunächst kam Hector in eine zertifizierte Reptilien-Auffangstation. "Mit Kosten von 470 Euro war die allerdings nicht gerade günstig", erzählt Thate.
In einer ohnehin angespannten Haushaltslage beschloss der Amtsleiter, Hector nach einem Jahr zu sich ins Büro zu nehmen.
Entscheidung Boa aufzunehmen „etwas blauäugig“
Seit mittlerweile vier Monaten lebt Hector nun im Rathaus. Eine Zeit, in der Amtsleiter Michael Thate nicht nur täglich ins Büro kommen musste, um nach Hector zu sehen. Er musste sich auch intensiv damit auseinandersetzen, wie man die Boa artgerecht hält.
Ich kann guten Gewissens versichern, ich mache das so wie jemand, der ihn in seine Familie aufgenommen hat.
Ein gebrauchtes Terrarium wurde von den Hausmeistern des Rathauses und seinen Kollegen vom Bauhof gestrichen. Die Elektriker der Gemeinde bauten die nötige Technik für Beleuchtung und Temperatur ein. Hector bekam endlich ein Zuhause.
Abschied aus dem Rathaus Linkenheim steht bevor
Als sich zuletzt tatsächlich ein Abnehmer für Hector gefunden hatte, wurde Michael Thate plötzlich flau im Magen. Er will Hector nicht mehr abgeben, zu sehr habe er ihn ins Herz geschlossen. Das Rathaus war aber nie als langfristige Unterkunft für die Boa vorgesehen.
Gerade am Wochenende könne man nicht erwarten, dass immer jemand für Hector bereitstehen kann. Thate sieht sich in der Verantwortung und schrieb seiner Frau, dass er es nicht übers Herz bringe, Hector wegzugeben. Sie habe zuerst gezögert, erzählt er. Am nächsten Tag hatte sie dann aber überraschend ein Terrarium bestellt.
In Kürze zieht Hector also aus dem Rathaus aus. Dort werde man ihn zwar schmerzlich vermissen. Aber Michael Thate kann sich gut vorstellen, dass der ein oder andere Hector in seinem neuen Zuhause besuchen wird.