"Wo ist der Hannes?" ist das Erste, was Doris Maron wissen will. Die Palliativpatientin soll zum zweiten Mal Besuch von Hundebesitzerin Katja Rull und ihrem Golden Retriever Hannes bekommen. Doch Hannes liegt zu dem Zeitpunkt noch auf seiner Decke im Büro der Ärztinnen und Ärzte der Palliativstation des Städtischen Klinikums Karlsruhe. Er bereitet sich auf seine "Arbeit" vor, die er gleich leisten wird: Palliativpatientin Doris Maron für einen Moment von ihrem Alltag im Krankenhaus ablenken.
Hund Hannes weiß genau, wann die Arbeit ansteht
Dass es gleich losgeht mit seinem Job, weiß Hannes spätestens, nachdem Katja Rull ihm seine Arbeitsweste umgelegt hat. Alle zwei Wochen kommt Katja Rull mit Hannes auf die Palliativstation. Oft kann sie nur einige Minuten bei den Patientinnen und Patienten bleiben, weil diese keine Kraft für einen längeren Besuch haben. Doris Maron ist fit genug, um eine gute halbe Stunde mit Hannes zu verbringen.
Leckerlis statt Spekulatius
Endlich ist es so weit: Hannes kommt um die Ecke in das Zimmer von Doris Maron hereingelaufen. Er wedelt mit dem Schwanz und trabt freudig auf die Patientin zu. Dass sich die Beteiligten in einem Krankenhauszimmer befinden, scheint schnell keine Rolle mehr zu spielen. Jetzt ist die volle Aufmerksamkeit bei Hannes. Ob Hannes etwas von ihrem Spekulatius möchte, fragt Doris Maron. Doch das sei für Hunde ungesund, erklärt ihr Katja Rull und reicht ihr stattdessen eine Tüte mit Leckerlis.
Einsatz auf der Palliativstation: Spielen, füttern, Pfötchen geben
Es scheinen simple Dinge zu sein, die Hannes leistet. Doris Maron wirft ihm ein Spielzeug in den Raum, Hannes bringt es wieder und bekommt dafür ein Leckerli. Auch fürs Pfötchen geben wird der Besuchshund von der Patientin belohnt. Hannes ist voll konzentriert, die Patientin kann sich entspannen.
Als ehemalige Palliativkrankenschwester weiß Katja Rull, wie wertvoll die Zeit mit Hannes für die Patientinnen und Patienten sein kann. Und auch sie selbst kommt durch die Besuche mit ihrem Hund Hannes dazu, in Ruhe mit den Menschen zu reden. Dafür fehlte ihr früher als Pflegerin oft die Zeit, sagt sie.
Feierabend für Besuchshund Hannes
Nach einer guten halben Stunde spielen mit Palliativpatientin Doris Maron, legt sich Hannes an ihre Füße und läutet damit das Ende seines Besuches ein. "Das beruhigt", sagt die Patientin. Auch wenn Hannes nur da liegt, ist seine Präsenz im Raum spürbar. Für Hannes ist nun Feierabend, er und Katja Rull werden das nächste Mal in zwei Wochen wieder auf der Palliativstation vorbei schauen.
Besondere Momente mit Hund Hannes
Nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst profitieren von Hannes Besuchen. Auch für die Angehörigen sind sie eine schöne Ablenkung, sagt Katja Rull. Sie erzählt von einer Patientin, die das erste Mal auf Hannes traf, als sie im Koma lag. Bereits vorher hätte sie den Wunsch geäußert, Zeit mit dem Hund zu verbringen, so Katja Rull. Im Beisein des Ehemanns der Patientin habe Katja Rull Hannes zu ihr gebracht. Was danach geschah klingt, wie ein Wunder. Als die Patientin mit ihrer Hand das Fell des Hundes berührte, sei sie aufgewacht. Die Frau habe das letzte Mal mit ihrem Mann sprechen können, bevor sie starb. Dem Mann flossen die Tränen, erinnert sich Katja Rull.
Für die Hundebesitzerin sind solche Momente besonders einprägsam. Seit sie mit Sterbenden arbeitet, erfahre sie das Leben persönlich viel intensiver, sagt sie. Die Begegnungen machten sie dankbar, so die ehemalige Palliativpflegerin.
Jeden Tag Training für den Palliativhund
Durch seinen Job als Besuchshund, kann Hannes vieles, was den Alltag abseits des Krankenhauses für Besitzerin Katja Rull erleichtert. Sitzen bleiben, wenn beim Gassigehen ein Fahrrad vorbeifährt, zum Beispiel. So eine Situation ist gleichzeitig Training für Hannes und das genießt er. Rausgehen und Schnüffeln sei ein tägliches Highlight für den Hund, so Katja Rull. Golden Retriever eigneten sich besonders gut als Besuchshunde, sagt die Hundebesitzerin. Hannes sei menschenbezogen, kinderlieb und interessiert.
Ohne Spenden kein Besuch von Hannes
Finanzielle Unterstützung bekommen Katja Rull und ihr Besuchshund Hannes vom Verein "blut e.V.". Der Verein engagiert sich neben Projekten zur Palliativmedizin zum Beispiel auch im Bereich der Stammzellenspende für Leukämie- oder Lymphomerkrankte. Der Verein finanziert sich durch Spenden und sei auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen, sagt Katja Rull. Auch um ihre regelmäßigen Krankenhausbesuche mit Palliativhund Hannes in Zukunft weiter zu ermöglichen. Von den Besuchen soll es noch einige geben. Und zwar "solange Hannes mit dem Schwanz wedelt, wenn er die Palliativstation sieht", versichert Katja Rull.