Es klang vielversprechend: Klimaneutrale Wärme aus dem Neckarsulmer Erdreich, gewonnen durch moderne Geothermieanlagen. Doch nach mehreren Probebohrungen auf dem ehemaligen AQUAtoll-Gelände wird klar: Für Neckarsulm (Kreis Heilbronn) ist Geothermie noch zu teuer.
Anfang April bohrten schwere Maschinen 90 Meter tief, um das Potenzial für klimaneutrale Wärme zu prüfen. Zwar zeigen die Messungen, dass eine geothermische Nutzung technisch möglich wäre, doch wirtschaftlich erscheint das Projekt unrentabel. Die Bodentemperaturen liegen bei höchstens 13 Grad Celsius - deutlich zu kalt, um die Stadt zu erwärmen. "Unser Wärmenetz benötigt jedoch 80 bis 90 Grad", erklärt Marcel Baumann von den Stadtwerken Neckarsulm.
Um die Differenz auszugleichen, wären mehrere große Wärmepumpen erforderlich - mit hohem Energieeinsatz und entsprechend hohen Kosten. Auch die Betriebskosten sprechen gegen das Vorhaben: Mit 177 Euro pro Megawattstunde liegt die Geothermie deutlich über der Nutzung regionaler Biomasse, die nur 146 Euro kostet. Zudem wären tiefere Bohrungen zum Erreichen höherer Temperaturen aus wasserschutzrechtlichen Gründen nicht zulässig.
Im Gemeinderat hat Geothermie nicht mehr Priorität
Am Donnerstagabend diskutierte der Gemeinderat über die Klimatransformation und die Ergebnisse der Bohrungen. Eine endgültige Entscheidung gegen Geothermie wurde zwar nicht getroffen, doch "aufgrund der Wirtschaftlichkeit steht Geothermie nicht mehr an vorderster Stelle", erklärt Karl-Heinz Ullrich, SPD-Fraktionsvorsitzender, dem SWR. Statt teurer Experimente rückt nun wieder eine altbewährte Technik in den Vordergrund: Biomasse.
Biomasse: altbewährt, aber nicht unumstritten
Ein Biomasse-Standort existiert bereits in Neckarsulm. Dort werden seit über 20 Jahren Holzhackschnitzel zur Energiegewinnung verbrannt - eine altbewährte Form der klimafreundlichen Wärmenutzung. Neben der bestehenden Anlage werden nun weitere Standorte geprüft.
Doch die Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung ist nicht unumstritten. Kritiker führen an, dass Anbau, Transport und Verarbeitung des Brennmaterials energieintensiv sein können und teilweise sogar mehr Treibhausgase verursachen als fossile Brennstoffe. Die Verbrennung von Biomasse gilt daher zwar als klimafreundlich, aber nicht klimaneutral.
Fördergelder für den Weg zur klimaneutralen Wärme
Neben der Standorterweiterung im Bereich Biomasse rücken auch alternative Technologien wie Photovoltaik und Solarthermie verstärkt in den Fokus, erklärt Baumann von den Stadtwerken. Um diese zu prüfen, haben die Stadtwerke Neckarsulm bei der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) Fördermittel für die weitere Planung beantragt. Auch die Geothermie sei noch nicht ganz vom Tisch. "Vielleicht gibt es in Zukunft Technologien, mit denen sich Erdwärme wirtschaftlich nutzen lässt", erklärt Marcel Baumann. Ziel bleibt die klimaneutrale Wärmeversorgung in Neckarsulm bis 2045. Der Weg dorthin dürfte weniger tief in den Boden führen als zunächst gedacht.