Für Polizei und Feuerwehr ist es kein Einzelfall: Schaulustige sorgen immer wieder für gefährliche Situationen - und im schlimmsten Fall für neue Unfälle. So geschehen wohl vor einer Woche auf der A6 bei Öhringen (Hohenlohekreis). Dort war ein Gefahrguttransporter verunglückt. Während die Einsatzkräfte an der Unfallstelle arbeiteten, kam es auf der Gegenfahrbahn zu einem Auffahrunfall mit drei beteiligten Autos. Jetzt ermittelt die Polizei. Eine Psychologin sagt hingehen: Das ist ein ganz menschlicher Reflex.
Hinschauen als natürliche Reaktion: Warum wir hinschauen
Wer bei Blaulicht, einem lauten Knall, bei einem Brand oder schweren Unfall hinschaut, macht nach Einschätzung der Psychologin Felicitas Heyne aus Annweiler (Rheinland-Pfalz) zunächst nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: "Unser Gehirn will möglichst schnell verstehen, was los ist", erklärt sie im SWR-Interview. Das Hinschauen sei ein natürlicher Schutzmechanismus - ein Reflex aus Urzeiten.
Der Mensch versuche auch einzuschätzen, ob Gefahr drohe oder Hilfe benötigt werde. "Diese Neugier- und Orientierungsreaktion hat durchaus eine wichtige Funktion", sagt Heyne.
Unser Gehirn begreift [Hinschauen] als mögliche Lernchance, um unsere eigene Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen.
Außerdem, so Heyne, müsse man erst einmal eine Situation erfassen, um überhaupt beurteilen zu können, wie wir richtig handeln sollen. Hinschauen, der erste Blick auf die Einsatzstelle, sei also erstmal nicht das Problem. Problematisch wird es erst, wenn aus dieser natürlichen Orientierung gefährliches Gaffen wird.
Wann werden Grenzen überschritten? Smartphones als Gefahr
Habe man "längst kapiert, dass ich hier weder helfen kann noch selbst in Gefahr bin", dann ist das Hinschauen längst nicht mehr entschuldbar. "Langsamer fahren, stehen bleiben, möglichst nah ran drängen oder sogar das Handy zücken" - das gehe weit über einen natürlichen Orientierungsreflex hinaus, sagt die Psychologin.
Im Übrigen habe das Smartphone vieles verändert, so die Einschätzung der Psychologin. Innerhalb weniger Sekunden könnten Fotos oder Videos verschickt werden. Damit komme für manche ein zusätzlicher Anreiz hinzu: Aufmerksamkeit durch Likes und Kommentare. Und gleichzeitig entstehe auch eine gewisse Distanz zum Geschehen. Wer durch den Bildschirm schaue, nehme die reale, schlimme Notlage eines Menschen möglicherweise weniger unmittelbar wahr.
Nichtsdestotrotz seien Aufnahmen per Smartphone nicht nur pietätlos, ergänzt die Polizei, sie können auch strafbar sein.
Dennoch, so die Polizei, beginne das Gaffen nicht erst beim Griff zum Smartphone. Bereits deutliches Abbremsen, das Abwenden des Blicks vom Verkehrsgeschehen oder sogar das Anhalten an einer Einsatzstelle könne erhebliche Gefahren verursachen, erklärt Manuel Unser, Sprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn.
Unfall auf der A6 zeigt Gaffer-Gefahr: Feuerwehrmann erlebte Situation mit
Wie schnell solche Situationen gefährlich werden können, zeigte sich nach dem Gefahrgutunfall auf der A6 bei Öhringen. Der Einsatzleiter der Feuerwehr Öhringen, Timo Kieber, erlebte die Situation unmittelbar mit. "Wir haben gerade auf Höhe des Lkw gearbeitet", als auf der Gegenfahrbahn der Schlag kam", so der Feuerwehrmann. Der Grund: "Da hier Verkehrsteilnehmer sehr schaulustig nach links geschaut haben und drei Pkw aufeinander aufgefahren sind."
Glücklicherweise handelte es sich nur um einen Auffahrunfall, Menschen wurden nicht verletzt. "Aber dann hat sich die Vollsperrung quasi von selbst angeboten", so Kieber weiter. Hinschauen war dann also nicht mehr möglich.
Für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst steht vor allem eines im Vordergrund: Sie benötigen Platz und ungehinderten Zugang zur Einsatzstelle. Rettungswege müssten frei bleiben, Einsatzkräfte dürften nicht behindert werden, heißt es.
Wie würde man Gaffer selbst als Unfallopfer finden?
Felicitas Heyne empfiehlt Verkehrsteilnehmern eine einfache Reihenfolge: hinschauen, einschätzen, handeln. Wer als Erster an einen Unfall komme, müsse prüfen, ob Hilfe notwendig sei und gegebenenfalls den Notruf wählen oder Erste Hilfe leisten. Sind Rettungskräfte bereits vor Ort, bedeute verantwortungsvolles Handeln meist etwas anderes: weiterfahren, die Rettungsgasse freihalten und sich auf den Verkehr konzentrieren, so Heyne.
Einen Gedanken gibt die Psychologin dabei besonders mit auf den Weg: Man solle sich fragen, wie es sich anfühlen würde, selbst verletzt an einer Unfallstelle zu liegen oder einen Angehörigen dort zu wissen. Dann werde schnell klar, dass nicht die spektakulären Bilder Vorrang haben, sondern die Hilfe für einen Menschen in Notlage.