In einem kleinen Pavillon auf einer Wiese am Rande des Waldrapp-Camps in Binningen (Kreis Konstanz) begrüßt Amelie Muntschick ihre Gäste. Ein Ehepaar ist gekommen. Beide sind Biologen und mit Ferngläsern bewaffnet. Auch eine Frau mit Hund ist da. Sie hat die Waldrappe beim Flugtraining zufällig beobachtet und wollte sich das Projekt mal vor Ort ansehen: "Die ganze Gruppe und den Gleitschirm hab ich über dem Sportplatz in Riedheim gesehen", erzählt die Frau. "Das war toll, weil ich immer wieder gehört habe, dass die hier sind. Aber sie noch nie gesehen habe. Und da hab ich mich gefreut und gedacht, jetzt bin ich mal dran."
Beobachtung nur aus der Entfernung
Die Campleiterin Amelie Muntschick erzählt zu Beginn über das Waldrapp-Projekt. Seit 2017 läuft das schon in Überlingen am Bodensee. Die Jungvögel aus der Handaufzucht am Flugplatz in Binningen sollen langfristig auch zu dieser Kolonie dazugehören.
Nach einer kurzen Einführung geht es dann auf eine Wiese in der Nähe. Die Besuchergruppe darf nur bis zu einem Absperrband etwa 30 Meter entfernt von der großen Voliere. Näher geht nicht, erklärt Amelie Muntschick vom Waldrappteam: "Es ist wichtig, dass wir Abstand zu den Vögeln halten. Das sind Wildtiere. Wir wildern die aus und wir möchten, dass die scheu bleiben. Wir wollen nicht, dass die sich an den Menschen gewöhnen."
Waldbrände in Frankreich und Spanien machen Sorgen
Die Waldrappe machen bei der Hitze nicht viel. Sie sitzen auf dem Boden bei ihren menschlichen Ziehmüttern und picken in der Erde. Aus der Entfernung sind sie kaum zu sehen. Die Besucher müssen sich also noch etwas gedulden. Solange erklärt die Campleiterin mehr dazu, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten. Was die Waldrappen fressen und wie das Flugtraining funktioniert.
Und sie beantwortet Fragen. Wie das Waldrappteam die Brände in Südfrankreich beobachte, will ein Besucher wissen. Die Antwort von Campmanagerin Muntschick: "Wir hoffen, dass sich die Situation beruhigt. Wir werden erst Mitte August aufbrechen und dann ist die erste Station Hütten-Hotzenwald und dann geht’s Richtung Frankreich. Aber für den Fall, dass da was ist, müssen wir unsere Route anpassen. Wir werden nicht mit den Vögeln über Brandgebiete fliegen."
30 Jungvögel leben in dem Aufzuchtswagen und in der Voliere am Rande des Binninger Flugplatzes.
Begeisterung bei den Besucherinnen und Besuchern
Dann fliegen doch einige der schwarzen Vögel mit den markanten, langen, gebogenen Schnäbeln innerhalb der Voliere auf und setzen sich auf lange Stangen. Sehr zur Freude von Biologin Margot Spohn, die begeistert zuschaut: "Jetzt sitzen elf Vögel auf der Stange. Ich hab sie gerade nochmal durchgezählt. Das ist wirklich klasse anzugucken. Durch das Fernglas sieht man die ganz toll. Das hat sich wirklich gelohnt, hierher zu kommen."
Die Besuchszeiten gehören für das Waldrappteam fest dazu. Sie wollen allen Interessierten Zugang zu ihrer Arbeit ermöglichen, sagt Amelie Muntschick. In den letzten Monaten waren Gruppen von zwei bis 50 Leuten da. Die Umweltwissenschaftlerin versucht dabei die Forschung so zu erklären, dass alle mitkommen. "Das ist unser Verständnis von Wissenschaft", so Amelie Muntschick. "Wissenschaft sollte immer einen gesellschaftlichen Mehrwert haben. Sie ist für alle da. Wissen sollte barrierefrei zur Verfügung gestellt werden. Das ist ja oft so, bei Forschungsarbeiten, da versteht man vorne und hinten nichts. Deshalb ist es gerade wichtig, dass wir unsere Arbeit bei den Besuchszeiten verständlich in einfacher Sprache rüberbringen."
Am Ende sind die Besucher von dem Termin begeistert. Roland Spohn, selber Biologe, sagte dem SWR: "Es ist beeindruckend. Und wenn ich mir vorstelle, dass wir nur ein Drittel der Vögel sehen, die da drin sind. Wenn die dann alle mal zusammen auffliegen. Das ist ein Erlebnis."