Die Bachrittertage in Kanzach gelten als eine der größten "Living-History"-Veranstaltungen in Süddeutschland. Rund 250 Darsteller aus ganz Europa sind in den kleinen Ort im Kreis Biberach gekommen. Dabei geht es nicht um Mittelalter-Klamauk, sondern um möglichst authentische Wissensvermittlung.
Bachrittertage in Kanzach: Lieber Knecht als Ritter
Eigentlich ist Reinhold Haller aus Südtirol Lehrer und Naturwissenschaftler. In seiner Freizeit ist er Knecht. Oder der Ritter Sigmund Niederthor, weil diese Rolle aus seiner "Living-History"-Gruppe aus Südtirol sonst niemand übernehmen wollte. "Als Knecht kann man Hand anlegen: Feuer machen, Holz hacken. Als Ritter ist man hübsch und schön, und kann bei einem Turnier mitmachen. Aber zu tun gibt es wenig. Darum bin ich lieber Knecht", erklärt er.
Und das Tun, das Ausprobieren ist es, was ihn an der gelebten Geschichte so fasziniert. Beispielsweise ist Haller im Moment besonders stolz auf ein kleines, dunkelrotes Stück Stoff. Das hat er selbst eingefärbt. Mit den Mitteln, die im Mittelalter zur Verfügung gestanden haben. Das Ergebnis vieler Experimente und Fehlschläge. Bis es endlich so aussah, wie ein Vergleichsstück aus dem Museum.
So wie er sind noch rund 250 andere Mittelalter-Darsteller nach Kanzach gekommen. Mit einem Mittelaltermarkt haben die Bachrittertage nichts zu tun, sagt Organisator Markus Single von der "Living-History"-Gruppe "die Reisecen". Das Leben im Mittelalter im zwölften bis zum 14. Jahrhundert soll so authentisch wie möglich nachempfunden werden. "Wir verstehen darunter, dass wir dem Publikum quellenbasiert eine historische Darstellung bieten", sagt er.
Alle Kleidungsstücke handgenäht
Das bedeutet zum Beispiel auch: Alle Kleidungsstücke müssen handgenäht und nur mit pflanzlichen Mitteln eingefärbt sein. Viele kochen nach mittelalterlichen Rezepten, es gibt Handwerkskunst und auch Turnierkämpfe zu sehen. Trotzdem: "Wir wissen, dass wir moderne Menschen sind", sagt Single. Und auch wenn jeder der Beteiligten sich eine bestimmte Rolle ausgesucht hat - ein Rollenspiel ist es nicht.
Vielmehr geht es darum, sich untereinander und mit den Besucherinnen und Besuchern auszutauschen. Es gibt Workshops und Vorträge. Reinhold Haller, der Knecht und Ritter wider Willen aus Südtirol, besucht etwa einen Vortrag einer italienischen Darstellerin über eine Apotheke und die Herstellung von Medikamenten. Außer ihm lauschen noch Mönche, Mägde und Adlige. Und weil Gruppen aus ganz Europa ihre Zelte in Kanzach aufgeschlagen haben, unterhalten sich viele auf Englisch.
Bachrittertage in Kanzach: Eintauchen in eine andere Welt
"Man kennt sich untereinander und tauscht sich aus, aber man hat auch Spaß miteinander", sagt Reinhold Haller. "Es ist nicht nur die Wissenschaft oder das Historische, sondern auch das gemeinsame Hobby zu teilen." Ein Wochenende wie in Kanzach - das sei eine Möglichkeit für ein paar Tage in eine ganz andere Welt einzutauchen.
Die Bachrittertage in Kanzach dauern noch bis Sonntag. Bis dahin sind jeden Tag mehrere Vorstellungen und Führungen geplant. Etwa eine Modenschau, Vorführungen von Rüstungen und Waffen sowie eine Belagerung der Burg mit Angriff und Feldschlacht am Sonntag.