Wenn es bei Familie Jehle aus Brigachtal (Schwarzwald-Baar-Kreis) klingelt, stürmen sechs Kinder gleichzeitig zur Tür. "Bei uns ist es immer chaotisch. Aber sonst eigentlich ganz normal", sagt Mutter Sabrina Jehle. Sie kümmert sich um drei Pflegekinder. Pflegefamilien wie diese gibt es aktuell viel zu wenig, sagt das Sozialministerium.
Welches der Kinder bei den Jehles ein Pflegekind ist, fällt Außenstehenden nicht auf. Fragt man aber nach, stellen sich die Kinder in Sekunden sortiert auf. "Wir sind von der Mama", sagt eine der drei leiblichen Kinder. Die anderen springen am Papa hoch. Da hören die offensichtlichen Unterschiede aber schon auf.
Sabrina und Björn Jehle haben vor rund zehn Jahren ihr erstes Pflegekind in der Familie aufgenommen. "Wir wollten das behütete Umfeld hier nicht nur unseren Kindern vorbehalten", sagt Vater Björn Jehle. Er und seine Frau wollten Kindern helfen, die es nicht so gut haben.
Es erfüllt uns, denn man sieht, man hat einen guten Einfluss auf die Welt.
Zuerst nahmen die Jehles nur Kinder zur Langzeitpflege auf, also auf unbestimmte Zeit. Später nahmen sie auch Kinder zur Bereitschaftspflege für begrenzte Zeiträume. Am kürzesten war ein Mädchen für drei Wochen bei ihnen in der Familie. "Das ist wahnsinnig schwierig, aber auch dafür braucht es jemanden", sagt Björn Jehle. Man müsse in diesen Fällen mit einer ganz anderen Einstellung ran gehen, meint Sabrina Jehle. Es tue aber natürlich trotzdem weh, die Kinder weiterzugeben.
Nach und nach kamen so immer mehr Kinder in die Familie, durch Anfragen nach Inobhutnahmen und weil drei weitere eigene Kinder geboren wurden. "Jetzt sind wir voll", sagt Jehle.
Zu wenige Pflegeeltern: Jugendamt muss Kompromisse machen
Für das Jugendamt ist die Familie Jehle ein Glücksgriff. Denn deutschlandweit fehlen Schätzungen zufolge jährlich rund 4.000 Pflegefamilien. Der Bedarf an Vollzeitpflegeplätzen steigt. Waren 2023 noch ca. 6.880 junge Menschen in Baden-Württemberg in Vollzeitpflege, waren es 2024 schon 7.905, teilt das Sozialministerium mit.
Das spürt auch das Jugendamt in Villingen-Schwenningen. Von bisher 70 Anfragen für Inobhutnahmen in diesem Jahr konnte das Jugendamt nur 45 Kinder in einer Pflegefamilie unterbringen. "Das ist manchmal wirklich schwierig, da sind dann alle Kollegen am hirnen, wen man noch akquirieren könnte", erzählt Sachbearbeiterin Sonja Rubin vom Jugendamt.
Findet sich keine passende Familie, müssen Ausweichlösungen herhalten. Kinder können in einen benachbarten Landkreis vermittelt werden oder in ein Heim. "Das ist gerade für jüngere Kinder häufig eine Katastrophe, weil sie dort immer wechselnde Bezugspersonen haben", sagt Rubin. Für die Kinder sei eine Einrichtung deutlich schlechter als eine stabile Betreuungssituation in einem Zuhause. Deshalb sei eine Auswahlmöglichkeit unterschiedlicher Pflegeeltern für das Jugendamt sehr wichtig.
Fehlende Pflegefamilien und Wohngruppenplätze Warum Jugendämter so lange nach Unterkünften für Kinder suchen
Viele Jugendämter suchen wochenlang, bis sie für Kinder einen Wohngruppenplatz oder eine Pflegefamilie finden. Ein Beispiel aus der Region Trier.
Jugendamt fordert mehr Geld für Pflegeeltern
Pflegeeltern im Schwarzwald-Baar-Kreis bekommen je nach Alter der Kinder zwischen 1.178 und 1.480 Euro pro Monat pro Kind. Dieser Betrag soll aber bald leicht steigen, wenn es nach dem Jugendamt geht. Außerdem sollen pädagogisch ausgebildete Pflegeeltern dann mehr bekommen. Die Entscheidung fällt im Dezember der Kreistag.
Werden Kinder in Heimen, also bei freien Trägern, untergebracht, ist das für den Kreis deutlich teurer. Das Jugendamt rechnet vor: Eine solche Unterbringung koste rund 2.500 Euro pro Monat plus zusätzlicher Pauschalen.
Das Pflegegeld soll dem Kind zugute kommen und eine Wertschätzung sein, sagt Sonja Rubin vom Jugendamt, aber auf keinen Fall der Grund für die Pflege. Deshalb werden potenzielle Pflegeeltern auch finanziell überprüft: Liegen Spielschulden vor? Ist der Unterhalt gesichert? So soll Missbrauch der Pflegeelternschaft verhindert werden.
Völlig ausschließen kann man Missbrauch nie, aber es ist uns wirklich wichtig, dass wir eine Familie immer erst gut kennenlernen.
Leben in der Pflegefamilie: Mehr Eltern gleich mehr Geschenke
Für Familie Jehle spiele das Geld keine große Rolle, sagt Björn Jehle. Das Großziehen der Pflegekinder "erfüllt, macht glücklich und zufrieden". Wichtig sei ihm auch, dass sie immer in engem Kontakt mit den leiblichen Eltern sind. Mit der Entscheidung der Inobhutnahme haben sie als Pflegefamilie nichts zu tun. Ihre Aufgabe beginnt danach. "Viele der Eltern sind auch dankbar, dass wir ihre Kinder betreuen", sagt Sabrina Jehle.
Kritisch werde es ab und zu, wenn die Pflegekinder von Besuchen bei ihren leiblichen Eltern zurückkommen. "Die bekommen dann Geschenke, die die leiblichen Kinder nicht bekommen", erzählt Sabrina Jehle. Das sorgt auch mal für Streit. Bei sechs Kindern lassen sich Auseinandersetzungen ohnehin nicht vermeiden, gibt Sabrina Jehle zu: "Es ist immer laut hier, immer wild. Selten ist es still - und dann stellen sie wahrscheinlich gerade was an."
Die Jehles würden sich wieder für Pflegekinder entscheiden. Björn Jehle sagt: "Man entscheidet sich für Kinder. Ob es eigene Kinder sind oder Pflegekinder macht keinen Unterschied. Man liebt sie."