In sportlicher Hinsicht könnte sich für den Hobby-Triathleten Joachim Hambücher im kommenden Jahr einiges ändern. Seit 40 Jahren trainiert der 71-Jährige im Markgröninger Stadtbad (Kreis Ludwigsburg) - zwei Mal die Woche, gemeinsam mit 24 weiteren Sportlerinnen und Sportlern. Doch bald könnte damit Schluss sein. Das Bad ist marode und müsste dringend saniert werden. Aber die Kassen der Stadt sind leer. Nach langen Diskussionen im Gemeinderat ist deshalb klar: Wenn sich bis Februar 2027 keine Alternative für die Finanzierung findet, muss das Bad schließen.
Meldungen wie diese hört man immer wieder - unter anderen aus Stuttgart, Karlsruhe und Neuenburg (Kreis Breisbau-Hochschwarzwald). Aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine Landtagsanfrage der SPD-Fraktion geht hervor, dass mindestens 45 Bäder in Baden-Württemberg von der Schließung bedroht sind. Gibt es ein Bädersterben?
Bürgermeister Markgröningen: Sanierung könnte Millionen kosten
Das Stadtbad in Markgröningen ist in die Jahre gekommen. Inzwischen ist es mehr als 60 Jahre lang in Betrieb. Jetzt platzt der Putz von den Wänden, Rohre sind teils verrostet und undicht. Feuchtigkeit und Chlor haben Beton und tragende Bauteile geschädigt. Das geht aus einem Gutachten hervor, das die Stadt in Auftrag gegeben hat. Demnach müsste das Bad innerhalb der nächsten zwölf Monate saniert werden, um weitere Schäden an der Tragkonstruktion zu verhindern und einen sicheren Betrieb langfristig zu gewährleisten.
"Das bedeutet, dass man eine relativ umfangreiche Rettungssanierung machen müsste", sagt der Bürgermeister Jens Hübner (SPD). "Da reden wir von einem ordentlichen sechsstelligen, vielleicht sogar einem siebenstelligen Betrag." Einem Betrag, den die Stadt nicht stemmen könne.
Viele Schwimmbäder noch aus den 60er- und 70er-Jahren
Das Markgröninger Stadtbad ist eines von vielen sanierungsbedüftigen Schwimmbädern. Viele der Stätten stammen aus den 60er- und 70er-Jahren, etwa zwei Drittel müssten dringend saniert werden. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Befragung der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (GDfdB). "Eigentlich müssten die Bäder im Durchschnitt alle 20 Jahre kernsaniert werden", sagt Tamara Böhmelt von der GDfdB. Doch nur rund ein Drittel aller Bäder seien seit ihrer Eröffnung erneuert worden.
Die Folge: Für jedes sanierungsbedürftige Bad müssten schätzungsweise durchschnittlich rund 6,5 Millionen Euro investiert werden, so Böhmelt. Seit 2024 habe sich der Wert fast verdoppelt. "Wir haben zu wenig für unsere Sportstätten gemacht", ist Böhmelt überzeugt.
Ihringer Bürgermeister: "Die laufenden Kosten brechen uns das Genick"
Was diese Zahlen für Kommunen konkret bedeuten, zeigt sich an der Gemeinde Ihringen im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. Auch dort müsste das Schwimmbad saniert werden, auch dort wurde heftig über eine Schließung diskutiert. Dabei wäre die 4,5 Millionen Euro teure Sanierung sei gar nicht das Hauptproblem, sagt der Ihringer Bürgermeister Benedikt Eckerle (parteilos). "Es sind die laufenden Kosten, die uns das Genick brechen." Rund eine halbe Million Euro koste das Bad die Gemeinde jährlich. Einen beachtlichen Teil machten die Personalkosten aus, doch auch Energie- und Sachkosten stiegen immer weiter.
Schwimmbäder für Kommunen meist Minusgeschäft
Schwimmbäder sind für Städte und Gemeinden in der Regel ein Minusgeschäft. "Kommunale Bäder in Deutschland erfüllen überwiegend einen öffentlichen Auftrag und arbeiten daher in der Regel nicht kostendeckend", sagt Tamara Böhmelt von der GDfdB. Das liege daran, dass die Eintrittspreise bewusst so gestaltet seien, dass Bürger die Bäder unabhängig von ihrer finanziellen Situation besuchen könnten. Schulen und Vereinen würden diese oft günstiger zur Verfügung gestellt. Damit ein Bad sich rentiere, müsse jeder Besuch im Mittel mit 6,20 Euro von öffentlicher Hand bezuschusst werden.
Mögliche Schließung gefährdet Schwimmunterricht
Blick zurück nach Markgröningen: Dass sich die Stadt das Bad nicht mehr leisten kann, findet der Triathlet Joachim Hambücher besonders für den Verein schade. "Es war immer der Mittelpunkt unserer Abteilung", sagt er. Mitglieder unterschiedlichster Altersklassen und Leistungsniveaus seien dort zusammengekommen. Doch nicht nur Vereine könnte das fehlende Schwimmbad künftig vor Probleme stellen: "Wir haben eine Realschule, zwei Gymnasien und Grundschulen, und die brauchen alle einen Ort für den Schwimmunterricht", sagt etwa die Elternbeiträtin Susanne Schoepe aus Markgröningen. Die nächstgelegenen Schwimmhallen in Bietigheim und Korntal (beide Kreis Ludwigsburg) lägen jedoch mehrere Kilometer entfernt - und hätten ohnehin keine Kapazitäten mehr für den Schul- und Vereinssport. "Wo sollen die Kinder Schwimmen lernen?", fragt Schöpe.
"Wo sollen die Kinder Schwimmen lernen?"
DLRG warnt vor mehr Nichtschwimmern
Auch Bastian Hess vom Landesverband der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) macht die Entwicklung Sorgen. "Wenn es keine Wasserflächen gibt, können wir Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen keine Schwimmausbildung zukommen lassen", sagt er. Schon jetzt müssten Interessenten lange auf die Anfängerkurse warten, weil es zu wenige Wasserflächen gebe und die Gemeinden ihre Schwimmbäder immer kürzer öffneten. Etwa jedes siebte Kind in Deutschland könne nicht richtig schwimmen. Ob es dadurch mehr Ertrinkungstote geben wird, sei zwar schwer zu sagen. "Die Prognose ist aber schon, dass es dann mehr Menschen gibt, die nicht schwimmen können", sagt er. Und: "Jeder Mensch, der ertrunken ist, ist einer zu viel."
In Ihringen übernimmt der Förderverein
In Ihringen hat man sich nun dafür entschieden, das Bad in die Hände des örtlichen Fördervereins zu legen. Das Konzept für den Weiterbetrieb erarbeite man derzeit, sagt Bürgermeister Eckerle, der auch dem Verein vorsitzt. Zur konkreten Umsetzung könne er sich also noch nicht äußern. Klar sei aber, dass der Verein die Kosten alleine nicht stemmen können wird. "Die Gemeinde wird bei der Finanzierung also weiterhin dabei sein", sagt Eckerle. "Und der Betrieb wird sehr wahrscheinlich nicht im gleichen Umfang weiterlaufen können."
Auch über die generelle Situation der kommunalen Schwimmbäder findet Eckerle klare Worte: "Es muss sich etwas am Gesamtkonstrukt ändern", sagt er. Jede Aufgabe, die eine Gemeinde zu erfüllen habe, müsse vom Bund finanziell gedeckt sein. Und auch bei den Schwimmbädern brauche es viel mehr Unterstützung - schließlich profitierten auch Menschen außerhalb der jeweiligen Gemeinde von der Wasserfläche.