Fast jeden Tag wurde in Baden-Württemberg 2025 ein antisemitischer Vorfall bei der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) gemeldet. Das teilte sie am Montag in ihrem ersten Bericht mit. Demnach gab es 335 Vorfälle im ganzen Land - sowohl in Städten als auch in ländlichen Regionen. In 16 Fällen wurden Menschen angegriffen, in 31 Fällen kam es zu Sachbeschädigungen.
Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr 575 antisemitische Straftaten in BW und damit etwas weniger als 2024. Die Zahlen unterscheiden sich von den Angaben der Meldestelle, da die RIAS nur Vorfälle erfasst, die sie von Zeugen oder Betroffenen gemeldet bekommt. Einen Austausch zwischen Behörden und Meldestelle gibt es derzeit nicht, ob die Fälle der RIAS also teilweise auch in der Kriminalstatistik erfasst sind, ist nicht klar.
Israelbezogener Antisemitismus dominiert
Den größten Teil der Vorfälle ordnete die Meldestelle dem sogenannten "israelbezogenen Antisemitismus" zu. Das bedeutet: In 71 Prozent der Fälle habe es einen Bezug zum Staat Israel gegeben. "In diesen Fällen wurden Jüdinnen und Juden für das vermeintliche Handeln Israels verantwortlich gemacht", so der Bericht. Die ständige Präsenz von antisemitischen Schmierereien etwa im öffentlichen Raum trage zur Normalisierung bei, sagte Projektleiter Robert Ogman bei der Vorstellung des Berichts in Stuttgart.
Antisemitismus belastet Alltag vieler Betroffener
Die meisten Anfeindungen und Übergriffe ereigneten sich laut Bericht im Alltag der Betroffenen, vor allem auf der Straße. Weitere Vorfälle wurden im Internet sowie an Schulen und Hochschulen registriert. "Sichtbarkeit ist für viele Jüdinnen und Juden eine tägliche Abwägung", so Ogman. Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, sagte, die Zahlen bestätigten Erfahrungen von Juden der vergangenen Jahre. Gemeindemitglieder zögen sich zunehmend zurück. Familien meldeten Kinder aus Angst vor Anfeindungen vom Religionsunterricht ab, damit aus Zeugnissen nicht hervorgehe, dass sie jüdisch seien.
Besonders oft fanden die Vorfälle auch bei Demonstrationen statt, die in Bezug zum Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 standen. So seien etwa bei einer Demonstration zum 1. Mai in Mannheim von einigen Gruppen Raketenangriffe der Huthi-Milizen auf Israel begrüßt worden, heißt es in dem Bericht. Mannheim ist demnach auch der Hotspot für antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen. Etwa ein Drittel der landesweiten Vorfälle sei dort registriert worden.
Zahlen seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 stark gestiegen
Nach Angaben der Polizei wurden 2023 in Baden-Württemberg 668 antisemitische Straftaten registriert. Das zuständige Ministerium führte den Anstieg damals auf die Ereignisse nach dem Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den daraus resultierten Gegenschlägen Israels zurück. Zum Vergleich: 2017 registrierte die Polizei in BW 99 Fälle.
Auch wenn die Zahlen der Kriminalstatistik im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg von 590 auf 575 Fälle leicht zurückgegangen sind - das Gefühl der Betroffenen sei weiter schlecht, sagt Traub. Man nehme wahr, dass das Bedrohungsgefühl weiter hoch sei. Auf Bundesebene zeigen die Zahlen von RIAS zudem keinen Rückgang der Vorfälle zwischen 2024 und 2025.
Sozialminister Oliver Hildenbrand von den Grünen sieht den Bericht als Auftrag zum Handeln. Die dokumentierten Vorfälle schafften eine belastbare Datengrundlage und gäben den Betroffenen eine Stimme. Antisemitismus sei die rote Linie, man dulde keinen Antisemitismus.