Auch Kindergarten wird angefeindet

Immer wieder Drohungen gegen jüdische Menschen und Einrichtungen: Betroffene berichten

Fast täglich gibt es in Deutschland einen antisemitischen Vorfall. Auch in Baden-Württemberg gibt es erschreckende Beispiele - mit gravierenden Konsequenzen für das jüdische Leben.

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Von Autor/in Markus Pfalzgraf

Ein ganzer Ordner voller Drohungen, Beleidigungen oder Anfeindungen liegt auf einem Schreibtisch der jüdischen Gemeinschaft in Württemberg. Seite für Seite ist hier Hass dokumentiert, der Menschen entgegenschlägt, einzig weil sie jüdischen Glaubens sind. Barbara Traub blättert durch Bilder von antisemitischen Schmierereien, Postkarten mit antijüdischen Klischees und seitenlangen Schmähungen.

"Das ist ja schon Wahnsinn", sagt die Gemeindevorsitzende zu einem Schreiben, mit dem Pogrome mit brennenden Synagogen zusammengesponnen werden. In Ulm gab es tatsächlich einen Brandanschlag auf die Synagoge, das war im Jahr 2021. Der Täter wurde ermittelt und ist inzwischen verurteilt. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Oft werden einzelne Personen oder aber die ganze Gemeinde bedroht. Einmal sogar der jüdische Kindergarten. Das sorge dann schon für Verunsicherung, sagt Traub, auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen in den Gemeinden hoch sind und von einer guten Zusammenarbeit mit den Behörden gesprochen wird. In einer anderen Zuschrift wird von Bombenexplosionen fantasiert, die Menschen töten sollen. "Das war ein Monat nach dem Überfall der Hamas", sagt Barbara Traub und schüttelt ungläubig den Kopf.

Seit Hamas-Attentaten: Jüdische Einrichtungen häufiger Ziel von Angriffen und Drohungen

Seit den Hamas-Attentaten vom 7. Oktober 2023 in Israel werden jüdische Einrichtungen auch in Deutschland wieder öfter Ziel von Angriffen und Drohungen. "Es geht immer wieder darum, eine Bedrohungsatmosphäre auszulösen", erklärt Barbara Traub. "Und natürlich auch immer wieder die Aufforderung zu verschwinden. Das wiederholt sich in verschiedenen Zuschriften, die wir erhalten."

Letztlich solle eine Stimmung geschaffen werden, in der sich Jüdinnen und Juden nicht mehr wohl fühlten, so die Gemeindevorsitzende. Und das hat Folgen: Viele Jüdinnen und Juden berichten davon, sich lieber nicht offen zu zeigen.

Einer von ihnen ist 19 Jahre alt und kommt aus der Region Stuttgart. Er möchte hier Ben genannt werden. Er trägt mehrere Armbänder, aber keines davon zeigt einen Davidstern oder andere jüdische Symbole. Eine Halskette, wie sie beispielsweise für manche Christen selbstverständlich ist, kommt für Ben nicht in Frage: "Ich könnte jetzt nicht mit einer Davidstern-Kette zum Beispiel durch die Stuttgarter Innenstadt laufen, ohne irgendwie einen Blick zu bekommen, bis hin zu Schubsen, Spucken oder sogar Schlimmeres." Das ist Ben zum Glück noch nicht selbst passiert, aber er kennt genügend Beispiele solcher Gewalt von anderen.

Ich könnte jetzt nicht mit einer Davidstern-Kette zum Beispiel durch die Stuttgarter Innenstadt laufen, ohne irgendwie einen Blick zu bekommen, bis hin zu Schubsen, Spucken oder sogar Schlimmeres.

Ist es noch sicher für Juden? Manche denken übers Auswandern nach

Ist Deutschland, ist Baden-Württemberg dann noch sicher für Jüdinnen und Juden? Manche berichten davon, übers Auswandern nachzudenken. Andere, auch so wird es in der Gemeinde erzählt, wollen jetzt erst recht jüdisches Leben sichtbar machen.

Für Juden wie Ben ist es auch ein Problem, dass sie in den vergangenen Jahren immer stärker mit der Politik Israels in Verbindung gebracht werden. Er sieht sich nicht als Botschafter des Staates Israel: "Von mir aus wüsste ich nicht, ob ich mich wirklich so direkt mit dem ganzen Konflikt befassen würde, wenn ich nicht immer darauf hingewiesen oder angesprochen werden würde."

Um ein differenziertes Bild zu zeigen, engagiert sich Ben ehrenamtlich bei "Meet a Jew", einem Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden. Gruppen oder Vereine können dort Treffen mit jüdischen Menschen anfragen, um ganz direkt miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch die jüdische Gemeinschaft in Württemberg setzt auf Bildungsarbeit. Sie alle eint die Zuversicht, dass Aufklärung und Dialog helfen können, Antisemitismus zurückzudrängen. Und Ben hofft, "dass vielleicht irgendwann der jüdische Kindergarten mal ohne Polizeischutz zum Spielplatz kann".

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Autor/in
Markus Pfalzgraf
SWR-Reporter Markus Pfalzgraf, Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft

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