„La traviata“ zieht das Publikum nach Bregenz
Sie ist eine der beliebtesten Opern überhaupt: Giuseppe Verdis 1853 uraufgeführtes Liebesdrama „La traviata“. Dieses Jahr wird die Oper zum ersten Mal bei den Bregenzer Festspielen gezeigt: Riesige zerbrochene Spiegelstücke prägen die Seebühne und zeichnen das Bild einer zersplitterten und von Doppelmoral zersetzten Gesellschaft.
Alle Vorstellungen in Bregenz sind bereits vor der Premiere komplett ausverkauft. Die Geschichte um Violetta Valéry berührt auch 170 Jahre nach ihrer Uraufführung noch sehr viele Menschen.
Historisches Vorbild: Marie Duplessis
Verdis Oper basiert auf dem Roman „Die Kameliendame“ des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas des Jüngeren. Dumas verarbeitet darin – zumindest teilweise – seine Beziehung mit der berühmten Pariser Kurtisane Marie Duplessis.
Geboren wird Duplessis am 15. Januar 1824 als Alphonsine Plessis. Die junge Frau aus einfachsten Verhältnissen zieht mit 15 Jahren nach Paris, wo sie sich als Wäscherin und Putzmacherin mühsam über Wasser hält.
Durch die Beziehung zu einem reichen Kaufmann erhält Duplessis Zugang zur besseren Gesellschaft und zu einem Leben in Luxus. Innerhalb kurzer Zeit macht sie Karriere als eine der begehrtesten Kurtisanen von Paris. Sie ändert ihren Namen, bildet sich weiter und ihr gelingt es, sich in den intellektuellen Kreisen der Hauptstadt zu behaupten.
Vom Bauernmädchen zur inspirierenden Kameliendame
Obwohl sie dank ihrer Gönner ein Leben im Luxus führt, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand rapide. Nach einer kurzen Ehe mit dem Offizier Édouard de Perregaux stirbt Marie Duplessis am 3. Februar 1847 an der Tuberkulose. Ihr Grab auf dem Montmartre-Friedhof in Paris wird auch noch mehr als 170 Jahre nach ihrem Tod von Bewunderern regelmäßig mit Blumen geschmückt.
Marie Duplessis' Vorliebe für Kamelien inspirierte Alexandre Dumas den Jüngeren zu dem Titel „Die Kameliendame“. Der Wechsel zwischen den weißen und roten Blüten, mit denen sie sich schmückte, wurde zum Symbol ihrer geheimnisvollen Aura. Zudem soll sie ihren Liebhabern damit signalisiert haben, wann sie ihre Periode hatte.
Duplessis war bekannt für ihre Jugend, Schönheit und Intelligenz. Ihr tragischer Tod mit gerade einmal 23 Jahren machte sie unsterblich. Nur fünf Jahre nach ihrem Tod brachte Dumas ein Theaterstück nach seinem Roman zur Aufführung. Dieses Stück sah Verdi während einer Reise nach Paris.
Zeitloses Motiv: gesellschaftliche Ausgrenzung
Tragische Frauenfiguren wie Violetta, die an den Moralvorstellungen der Gesellschaft zerbrechen und aus Liebe ihr Glück opfern müssen, bleiben bis heute Teil der Popkultur. Ein besonderer Nachhall findet sich dabei im Film „Pretty Woman“.
Vivian Ward, gespielt von Julia Roberts, wird als Prostituierte von der Gesellschaft ausgestoßen. Doch wie Violetta sehnt sich Vivian nach echter Anerkennung und einem Menschen, der ihr echte Liebe und Zuneigung schenkt. Ihr Verehrer Edward (Richard Gere) ermöglicht ihr den Einblick in die bessere Gesellschaft. In einer Schlüsselszene lädt er sie in die Oper ein. Gespielt wird – natürlich – „La traviata“.
Tabuthema: Doppelmoral der Bourgeoisie
Es steckt schon im Namen: „La traviata“ heißt frei übersetzt „Die vom Weg Abgekommene“. Verdi wagte mit seiner Oper etwas damals Unerhörtes: Er machte eine Kurtisane zur Hauptfigur. Mit seiner Oper griff er ein Tabuthema seiner Zeit auf: die Doppelmoral des arrivierten Bürgertums. Violettas Liebe zu Alfredo wird durch die Zwänge der Gesellschaft zerstört.
Mit Themen wie Liebe, sozialer Ungleichheit und Vergänglichkeit bleibt „La traviata“ bis heute aktuell. Verdis Musik tut ihr Übriges. Sie treibt die Gefühle der Figuren voran und geht auch 170 Jahre nach der Uraufführung noch ins Herz – einmal mehr auf der spektakulären Seebühne im Bodensee.