Ein Theaterabend wie ein Ausnahmezustand
Pandora wartet nicht auf einer antiken Bühne. Sie steht im Alten Kino Franklin in Mannheim und führt das Publikum hinein in eine Welt aus Neonlicht, Musik und Mythologie. Statt eines klassischen Theatersaals erwartet die Besucherinnen und Besucher ein Parcours durch verschiedene Räume. Im Zentrum steht eine staubige Boxarena.
Dunkelblaues Licht trifft auf grelles Neonrot, aus den Lautsprechern dringen Beats. Die Götter des Olymps erscheinen nicht als marmorne Figuren aus der Vergangenheit, sondern als exzentrische Gestalten einer Gegenwart zwischen Clubnacht, Performance und Popkultur. Mit „Kampf der Titanen“ verwandelt Regisseur Christian Weise die griechischen Mythen in ein Theatererlebnis, bei dem das Publikum nicht einfach zuschaut, sondern mittendrin ist.
Kein Sitzplatz, keine feste Perspektive
Wer den Überblick behalten möchte, hat es schwer. Und genau das ist Teil des Konzepts. Das Publikum bewegt sich frei durch die Räume des ehemaligen US-Kinos, entscheidet selbst, welchen Geschichten es folgt und muss damit zwangsläufig andere verpassen. Die Inszenierung funktioniert weniger wie ein klassisches Stück mit Anfang, Mitte und Ende, eher wie ein Festival: Viele Ereignisse passieren gleichzeitig, viele Eindrücke überlagern sich.
Christian Weise orientiert sich dabei an antiken Vorbildern: „Die dionysischen Feste im alten Griechenland gingen ja über mehrere Tage. Tragödien und Satyrspiele wechselten sich ab. Ein ähnliches Gefühl wollten wir im Kleinen erzeugen“, erläutert der Regisseur. Dieses Prinzip überträgt er in die Gegenwart. Die griechischen Mythen werden nicht erklärt, sondern erlebt.
Antike trifft Popkultur
Die wohl bekanntesten Geschichten der griechischen Mythologie bekommen in Mannheim ein überraschendes Update. Medea begegnet dem Publikum gleichzeitig in einer Telefonzelle und als Figur aus der US-Serie „Die Simpsons“. Wenige Schritte weiter wird aus derselben Geschichte ein amerikanisch anmutendes Roadmovie.
Antigone spielt unter freiem Himmel in der Sommerhitze, Ödipus und seine Familie erscheinen als schräge Komödie. Die Inszenierung springt zwischen Tragödie, Trash, Pop und philosophischer Reflexion. Gerade diese Gegensätze machen den Reiz aus. Die alten Geschichten wirken plötzlich weniger wie Stoff aus dem Schulbuch, sondern wie Erzählungen über Macht, Liebe, Familie und Gewalt.
Überforderung gehört zum Programm
„Kampf der Titanen“ verlangt seinem Publikum einiges ab. Über vier Stunden lang wechseln Schauplätze, Figuren und Erzählweisen. Doch die Überforderung ist kein Fehler, sondern ein bewusstes Mittel.
Christian Weise möchte die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht nur durch eine Handlung führen, sondern sie in einen Zustand versetzen, in dem sie entdecken können. „Der Mensch will spielen“, konstatiert der Regisseur. Genau darin liegt die Besonderheit des Abends: Das Publikum sucht sich seinen eigenen Weg durch die Geschichten.
Der Olymp wird zum Spiegel der Gegenwart
Zum Finale verdichten sich die einzelnen Erzählstränge. Mehrere Schauspieler verkörpern Odysseus und berichten von Irrfahrten und Abenteuern. Penelope erscheint als Pop-Diva der Antike. Doch die ausgelassene Atmosphäre kippt. Die Seherin Kassandra kündigt den Untergang an. Die Figuren scheitern, Gewalt und Chaos breiten sich aus.
Aus dem rauschhaften Theaterfest wird ein düsterer Blick auf eine unsichere Welt. Für Christian Weise haben die alten Mythen deshalb eine direkte Verbindung zur Gegenwart. „Ich weiß noch nicht, ob es ein Happy End geben wird“, sagt der Regisseur. Am Ende bleiben Elektra und Orest zurück. Ein versöhnlicher Dur-Akkord beendet den Abend.
Ein Theatererlebnis, das nachwirkt
Viele Besucherinnen und Besucher verlassen das Alte Kino Franklin begeistert, aber auch mit dem Gefühl, längst nicht alles gesehen zu haben. Manche würden die Produktion gerne ein zweites Mal besuchen, um weitere Geschichten und Details zu entdecken.
Genau das ist die Idee hinter „Kampf der Titanen“: Die Inszenierung erzählt die griechische Mythologie nicht einfach nach, sondern macht sie zu einem offenen Erlebnis. Wer sich darauf einlässt, entdeckt einen Theaterabend, der weniger eine fertige Geschichte erzählt, sondern viele Möglichkeiten eröffnet, sich den alten Mythen neu zu nähern.
Quiz Wie gut kennen Sie sich aus in der griechischen Mythologie?
Große Liebe, Sex und Verbrechen: Die Sagen des klassischen Altertums haben alles, was man sich von spannenden Erzählungen erhofft, und deshalb faszinieren sie uns seit Tausenden von Jahren. Doch wie gut kennen Sie sich aus in der Welt der Mythen? Testen Sie ihr Wissen in unserem Quiz!
Mehr Theater
Freinsheim Das Theater der Liebe
Das Theater der Liebe
Die Kunst des Handwerks Theaterstück „Vom Glück der Tätigen“ bringt die Handwerkskunst auf die Bühne
Das Theater Lindenhof feiert das Handwerk: „Das Glück der Tätigen“ zeigt echte Handwerker auf der Bühne. Eine beeindruckende Aufführung in der ehemaligen Pausa-Fabrikhalle.
Beeindruckendes Bild- und Soundspektakel in Worms Besser als „Game of Thrones“: „Die Hunnenkönigin“ bei den Nibelungenfestspielen
„Die Hunnenkönigin“ erobert die Nibelungen-Festspiele 2026 . Intendant Nico Hofmann nennt das Stück ein Meisterwerk mit „Game of Thrones“-Potenzial – ein Bühnenhit!
Mehr zur griechischen Antike
Bücher und Filme rund ums homerische Epos Sieben Tipps für alle, die von der „Odyssee“ nicht genug bekommen
Christopher Nolans „Die Odyssee“ hat das Zeug, zum großen Kinohit, die Geschichten um Odysseus begeistern seit Jahrtausenden. Wer tiefer eintauchen möchte, wird hier fündig.
Starbesetztes Film-Spektakel Christopher Nolans „Odyssee“: Monumentales Kino mit düsterem Grundton
Christopher Nolans Verfilmung der „Odyssee“ erzählt Homers Epos als psychologisches Drama über einen traumatisierten Kriegsheimkehrer. Filmkritiker Rüdiger Suchsland lobt den Film.
Diskussion Von Trickstern und zweifelhaften Helden – Die moderne Welt der Odyssee
Sie ist 2700 Jahre alt, aber Homers große Erzählung von Odysseus und seiner Jahre dauernden Heimkehr vom Trojanischen Krieg kann es an Bekanntheit mit den Geschichten der Bibel aufnehmen. Die Odyssee, sagt der Althistoriker Raimund Schulz, enthält alles, was das Leben menschlich macht: Triumph und Tod, Liebe und Sex, Enttäuschung, Verlust, tiefsitzende Ängste, aber auch nicht endende Sehnsüchte. Und mit Odysseus einen Hauptdarsteller, der in seiner Zerrissenheit ziemlich modern wirkt. Ganz großes Kino also. US-Regisseur Christopher Nolan bringt es jetzt als dreistündiges Filmepos auf die Leinwand. Warum berührt und fasziniert uns die Odyssee bis heute? Gregor Papsch diskutiert mit Dr. Lisz Hirn –Philosophin; Michael Köhlmeier – Schriftsteller; Prof. Dr. Raimund Schulz – Historiker an der Universität Bielefeld
Gesellschaft Was Menschen zu Helden macht – Von Herakles bis Greta Thunberg
Ob Odysseus oder Wonder Woman – mit Heldinnen und Helden verknüpfen wir heute gerne gute Unterhaltung. Dabei machen auch wir noch Menschen zu modernen Helden, weil es uns nutzt.