Theaterspektakel „Kampf der Titanen“

Wenn Medea bei den Simpsons landet: Mannheims wilde Reise durch die griechische Mythologie

Das Nationaltheater Mannheim inszeniert die Dramen und Mythen der griechischen Antike als Theaterparty in einem wilden, sechsstündigen Ritt aus Trash, Tragödie und Popkultur.

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Stand

Von Autor/in Ulrich Paulus

Ein Theaterabend wie ein Ausnahmezustand

Pandora wartet nicht auf einer antiken Bühne. Sie steht im Alten Kino Franklin in Mannheim und führt das Publikum hinein in eine Welt aus Neonlicht, Musik und Mythologie. Statt eines klassischen Theatersaals erwartet die Besucherinnen und Besucher ein Parcours durch verschiedene Räume. Im Zentrum steht eine staubige Boxarena.

Dunkelblaues Licht trifft auf grelles Neonrot, aus den Lautsprechern dringen Beats. Die Götter des Olymps erscheinen nicht als marmorne Figuren aus der Vergangenheit, sondern als exzentrische Gestalten einer Gegenwart zwischen Clubnacht, Performance und Popkultur. Mit „Kampf der Titanen“ verwandelt Regisseur Christian Weise die griechischen Mythen in ein Theatererlebnis, bei dem das Publikum nicht einfach zuschaut, sondern mittendrin ist.

Kein Sitzplatz, keine feste Perspektive

Wer den Überblick behalten möchte, hat es schwer. Und genau das ist Teil des Konzepts. Das Publikum bewegt sich frei durch die Räume des ehemaligen US-Kinos, entscheidet selbst, welchen Geschichten es folgt und muss damit zwangsläufig andere verpassen. Die Inszenierung funktioniert weniger wie ein klassisches Stück mit Anfang, Mitte und Ende, eher wie ein Festival: Viele Ereignisse passieren gleichzeitig, viele Eindrücke überlagern sich.

Christian Weise orientiert sich dabei an antiken Vorbildern: „Die dionysischen Feste im alten Griechenland gingen ja über mehrere Tage. Tragödien und Satyrspiele wechselten sich ab. Ein ähnliches Gefühl wollten wir im Kleinen erzeugen“, erläutert der Regisseur. Dieses Prinzip überträgt er in die Gegenwart. Die griechischen Mythen werden nicht erklärt, sondern erlebt.

Pressefoto: Kampf der Titanen
Griechische Mythologie als buntes Theatererlebnis: In Mannheim kommen die antiken Mythen alles andere als altbacken daher. Christian Kleiner

Antike trifft Popkultur

Die wohl bekanntesten Geschichten der griechischen Mythologie bekommen in Mannheim ein überraschendes Update. Medea begegnet dem Publikum gleichzeitig in einer Telefonzelle und als Figur aus der US-Serie „Die Simpsons“. Wenige Schritte weiter wird aus derselben Geschichte ein amerikanisch anmutendes Roadmovie.

Antigone spielt unter freiem Himmel in der Sommerhitze, Ödipus und seine Familie erscheinen als schräge Komödie. Die Inszenierung springt zwischen Tragödie, Trash, Pop und philosophischer Reflexion. Gerade diese Gegensätze machen den Reiz aus. Die alten Geschichten wirken plötzlich weniger wie Stoff aus dem Schulbuch, sondern wie Erzählungen über Macht, Liebe, Familie und Gewalt.

Überforderung gehört zum Programm

„Kampf der Titanen“ verlangt seinem Publikum einiges ab. Über vier Stunden lang wechseln Schauplätze, Figuren und Erzählweisen. Doch die Überforderung ist kein Fehler, sondern ein bewusstes Mittel.

Christian Weise möchte die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht nur durch eine Handlung führen, sondern sie in einen Zustand versetzen, in dem sie entdecken können. „Der Mensch will spielen“, konstatiert der Regisseur. Genau darin liegt die Besonderheit des Abends: Das Publikum sucht sich seinen eigenen Weg durch die Geschichten.

Pressefoto: Kampf der Titanen
Man kennt die Olympinischen Götter in marmorweißer Erhabenheit. Das Nationaltheater Mannheim sucht Rückbezüge zu modernen Lebenswelten. Christian Kleiner

Der Olymp wird zum Spiegel der Gegenwart

Zum Finale verdichten sich die einzelnen Erzählstränge. Mehrere Schauspieler verkörpern Odysseus und berichten von Irrfahrten und Abenteuern. Penelope erscheint als Pop-Diva der Antike. Doch die ausgelassene Atmosphäre kippt. Die Seherin Kassandra kündigt den Untergang an. Die Figuren scheitern, Gewalt und Chaos breiten sich aus.

Aus dem rauschhaften Theaterfest wird ein düsterer Blick auf eine unsichere Welt. Für Christian Weise haben die alten Mythen deshalb eine direkte Verbindung zur Gegenwart. „Ich weiß noch nicht, ob es ein Happy End geben wird“, sagt der Regisseur. Am Ende bleiben Elektra und Orest zurück. Ein versöhnlicher Dur-Akkord beendet den Abend.

Ein Theatererlebnis, das nachwirkt

Viele Besucherinnen und Besucher verlassen das Alte Kino Franklin begeistert, aber auch mit dem Gefühl, längst nicht alles gesehen zu haben. Manche würden die Produktion gerne ein zweites Mal besuchen, um weitere Geschichten und Details zu entdecken.

Genau das ist die Idee hinter „Kampf der Titanen“: Die Inszenierung erzählt die griechische Mythologie nicht einfach nach, sondern macht sie zu einem offenen Erlebnis. Wer sich darauf einlässt, entdeckt einen Theaterabend, der weniger eine fertige Geschichte erzählt, sondern viele Möglichkeiten eröffnet, sich den alten Mythen neu zu nähern.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Ulrich Paulus
Ulrich Paulus
Onlinefassung
Katharina Maria Kontny