Endlosschleife wegen Sampling

Kraftwerk vs. Pelham: Der Prozess als Pop-Performance

Zwei Sekunden Elektro, ein Prozess ohne Ende: Warum Kraftwerk und Moses Pelham auch nach 20 Jahren weiter streiten – und Gerichte jetzt über Kunst entscheiden müssen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Max Bauer

Auf Moses Pelham sind die Kraftwerker seit Jahrzehnten sauer

Vielleicht ist es kein großer musikalischer Geniestreich, aber auf jeden Fall „Metall auf Metall“, der echte, der Original-Rhythmus von Kraftwerk. Dann gibt es noch den anderen Rhythmus, also den nicht-echten von Moses Pelham. Und auf diesen Moses Pelham sind die Kraftwerker seit Jahrzehnten ziemlich sauer.

„Wenn man aus dem Werk eines anderen etwas nimmt, dann sollte man doch wenigstens einmal fragen. So einfach ist das!“, findet Ralf Hütter von der legendären Elektro-Band Kraftwerk. Doch wenn das so einfach ist, warum gibt es dann seit über 20 Jahren Streit um diesen Rhythmus?

Sampling ist weit verbreitet – aber ist es auch erlaubt?

Sampling heißt das Spiel. Das heißt, Musiker nutzen fremde Musik für einen eigenen Song. Im Hip-Hop und im Pop generell wird das oft gemacht. Doch dürfen Musiker das auch? Also, durfte Moses Pelham sich 1997 für einen Sabrina-Setlur-Song Tonschnipsel von Kraftwerk, sagen wir mal, ausleihen, ohne zu fragen?

Kraftwerk - Metall auf Metall (1977)

Die deutschen Gerichte, inklusive Bundesverfassungsgericht haben lange gesagt: Die Kunstfreiheit erlaubt das Sampling, das Ausleihen von Tönen ohne Einverständnis. Doch dann meinte der Europäische Gerichtshof: Das Urheberrecht ist wichtiger, Sampling hat Grenzen. In der Folge wurden auch die deutschen Gerichte strenger.

Ein neues Wort im Urheberrechtsgesetz: Pastiche

Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung für das Sampling. Denn das EU-Recht hat sich geändert und jetzt steht ein neues Wort im Urheberrechtsgesetz: Pastiche. Ein Pastiche ist nämlich erlaubt.

Doch ist das was Moses Pelham gemacht hat, ein Pastiche? Im EU-Recht und im deutschen Recht ist das Pastiche bisher nicht definiert. In der Kunst imitiert das Pastiche ein anderes Kunstwerk, und zwar so, dass es jeder merkt. Es soll auch jeder merken. Denn das Pastiche bewundert sein Vorbild und wird zur Hommage, oder nimmt das Vorbild auf die Schippe und ist dann eine Parodie.

Was genau ist ein Pastiche?

Jetzt müssen die Europäischen Richterinnen und Richter in Luxemburg zu Kunst-Richtern werden und klären, was ein Pastiche ist.

Vielleicht hilft ein Blick in die Literatur. 1919 hat Marcel Proust das Buch „Pastiches et Mélanges“ geschrieben. Darin geht es um einen Betrüger, der vorgibt, Diamanten herstellen zu können. Proust schrieb die Story in verschiedenen Stilen von verschiedenen anderen Autoren. Die Geschichte eines Diamanten-Betrügers, geschrieben von einem Literatur-Betrüger, also.

Der Gerichtsprozess als endlose Performance

Und vielleicht machen Kraftwerk und Pelham ja vor Gericht das Gleiche und zwar für uns, für ihr Publikum. Kunst entsteht aus Kunst und wird wieder zu Kunst, der Gerichtsprozess als endlose Performance und zwei Sekunden Elektro-Rhythmus werden zur Ewigkeit.

Man kann also nur hoffen, dass Luxemburg mitspielt und den Endlos-Prozess auf eine neue Umlaufbahn schickt. Auf dass die Dauerschleife Kraftwerk gegen Pelham nie endet! 

Kein Geld für Künstler? Urheberrecht: Was KI-generierte Musik so problematisch macht

Innerhalb von wenigen Minuten lassen sich ganze Lieder von KI generieren. Wo die KI sich für die Musik bedient, bleibt unklar. Das Urheberrecht liegt nicht bei KI-Firmen ...

Der Nachmittag SWR1 Rheinland-Pfalz

Audiostreaming Podcast, Hörbuch, Radio: Dauerbeschallung im Kopfhörer-Zeitalter

Audioformate versprechen, Zeit im Alltag effektiver zu nutzen. Dabei haben Spotify und Audible ein sehr konkretes Interesse daran, uns dauerzubeschallen.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Max Bauer