Händewaschen Pflicht, Alkohol und Nikotin verboten
In der schönen neuen Gesundheitswelt begrüßen sich alle Menschen mit einem freundlichen „Santé“. Gesundheit und Sicherheit sind die obersten Werte des Staates. Entsprechend sind die erstaunlichsten Dinge gesetzlich geregelt: das gründliche Händewaschen genauso wie das Alkohol- und Nikotinverbot oder die Pflicht, den Behörden regelmäßig alle Gesundheitsdaten zu übermitteln.
Das Mantra: „Gesundheit ist ein Zustand körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, nicht nur die bloße Abwesenheit von Krankheit. Wir haben eine Methode entwickelt, die allen ein Leben ohne Schmerz und Leid ermöglicht.“
Fehlverhalten wird streng geahndet
Die Strafen reichen vom Abzug von Sozialpunkten bis hin zum Einfrieren eines Menschen. Die Neurologin Mia ist dennoch überzeugt von der „Methode“, Körper, Psyche und Verhalten aller Bürger mithilfe von implantierten Chips, Trackern und Drohnen zu kontrollieren.
Mias Bruder Moritz steht dem Überwachungsstaat deutlich skeptischer gegenüber. Er will seine persönliche Freiheit nicht aufgeben und trifft sich heimlich mit Gleichgesinnten, um verbotene „unhygienische“ Dinge zu tun wie im See zu baden.
Als seine DNA an einer Frauenleiche gefunden wird, landet er als Vergewaltiger und Mörder vor Gericht. Nur Mia glaubt an seine Unschuld. Doch beim Versuch, diese zu beweisen, gerät sie selbst unter den lebensgefährlichen Verdacht, eine „Antimethodistin“ zu sein.
„Corpus Delicti“ und andere Literaturfilme Vom Roman zum Spielfilm: Herausfordernde Literatur auf der Kinoleinwand
„Corpus Delicti“ kommt in die Kinos. Der Film hat große Fußstapfen zu füllen – wie schon viele vor ihm.
Juli Zehs Roman war während der Pandemie viel diskutiert
„Corpus Delicti“ beruht auf dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh von 2009. Während der Corona-Pandemie wurde er verstärkt diskutiert. Einige meinten, Parallelen zwischen der fiktiven Gesundheitsdiktatur und der Bundesregierung von 2020 zu erkennen, als diese, um die Ansteckungsgefahr zu senken, vorübergehend Grundrechte einschränkte.
2026 wirkt der Stoff nun abermals erschreckend aktuell in seinem Vorgriff auf das KI‑Zeitalter. „Corpus Delicti“ malt aus, was passiert, wenn der Staat Unmengen an Daten über seine Bürger sammelt, und welche Konsequenzen es hat, wenn die Menschen ihre Urteilskraft an ein vermeintlich unfehlbares Datensystem abgeben.
Menschliches hat keinen Platz mehr
Der Film zeigt eine Welt, die äußerlich nur futuristisch angehaucht wirkt, innerlich allerdings bereits von allem entkernt ist, was menschliches Zusammenleben ausmacht: Gemeinschaftserlebnisse, Liebe und Freundschaften haben keinen Platz mehr in der genormten Gesellschaft. Im Film ist die KI-Stimme, die Mia zu Hause begleitet, neben ihrem Bruder der einzige Ansprechpartner in ihrem Privatleben.
Lena Stahl, die das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, entfernt sich relativ weit von Juli Zehs Vorlage. Aus der philosophischen Versuchsanordnung macht sie einen düsteren Thriller, mit der Krimihandlung um Moritz‘ Unschuld im Zentrum.
Hannah Herzsprung spielt Heldin Mia mit Verve
Im Duell zwischen Mensch und Datenkrake wird Mia zur Heldin des Films. Mit Verve spielt Hannah Herzsprung Mias Zerrissenheit zwischen ihrem Glauben an die Methode und dem intuitiven Wissen, dass ihr Bruder kein Mörder ist.
Indem sich der Film auf die Krimihandlung fokussiert, nimmt er dem Stoff zwar ein bisschen von seiner gedanklichen Tiefe, macht das Thema aber auch zugänglicher für ein breites Publikum.
„Corpus Delicti“ zeigt, wie schnell Freiheit verloren gehen kann in Zeiten, in denen die KI alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt und der Glaube an datenbasierte Entscheidungen menschliches Urteilsvermögen zu ersetzen droht.
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