Ein Monsterfilm, der sich Zeit lässt
Es gab einige eingefleischte Cineasten, die sich darüber ärgerten, dass „Hope“ beim diesjährigen Filmfestival von Cannes um die Goldene Palme konkurrierte.
Offenbar sollte ihrer Ansicht nach dieser Platz ausschließlich bewegenden Sozialdramen, tiefschürfenden existenziellen Reflexionen oder dem vorbehalten sein, was wir gemeinhin als ernstes und rigoroses Autorenkino verstehen.
Andere wiederum begrüßten die Entscheidung. Denn der neue Film des Koreaners Na Hong-jin ist vor allem eines: ein großartiger Actionfilm. Ohne Komplexe, ohne Vorwände und ohne Entschuldigungen für das, was er ist. Pure, kompromisslose Action, gemacht für ein möglichst breites Publikum. Und zugleich Autorenkino.
Großartiger Film, visuelles Delirium
Der großartige Film „Hope“ von Na Hong-jin erzählt lustig und überaus unterhaltsam von Urängsten.
Plötzlich bricht die Wolkendecke auf, und über dem idyllischen südkoreanischen Mittelgebirge ist ein riesiges Raumschiff zu sehen. Brennend stürzt es vom Himmel und knallt wenige Sekunden später in einer riesigen Explosion in die Waldlandschaft. Das sieht gerade deshalb auf der Kinoleinwand so wirkungsvoll aus, weil es so beiläufig geschildert wird.
Alles spielt in und nahe einer kleinen, sehr provinziellen Hafenstadt, die „Hope“ heißt, „Hoffnung“ – es wird also auch mit der Doppeldeutigkeit des Titels gespielt.
Sehr geschickt arbeitet der Film damit, dass die allermeisten Menschen im Publikum wissen, in was sie hineingegangen sind: einen Monsterfilm. Was er darum als allererstes tut, ist, dass er uns dieses Monster 40 Minuten lang gar nicht zeigt.
Das Monster bleibt zunächst unsichtbar
Stattdessen begegnet man zunächst einem Polizisten, dem eine Gruppe von Jägern auf dem Feld den Kadaver einer Kuh zeigt, die offenbar auf eine ziemlich grausige, gewaltsame Art zu Tode gekommen ist. Sie wurde zerfleischt.
Die schweren Wunden stammen vermutlich von Klauen oder Pranken, die man allerdings keinem gewöhnlichen Tier zuordnen kann. Denn für einen Bären sind sie zu groß. Tiger kennt man nicht in dieser Gegend.
„Hope“, ab dem 8. Oktober 2026 im Kino
Kurz danach eskalieren dann die Ereignisse: In der Ferne fallen Schüsse, noch weiter in der Ferne steigen Rauchsäulen auf, und schnell ist klar:
In der Hafenstadt gibt es irgendein riesengroßes Etwas, das sogar Häuser durchbrechen kann, Autos durch die Gegend schleudern und offenbar riesenhafte Kräfte hat. Dann sieht man auch die ersten Toten und weitere Menschen, die besinnungslos schreiend weglaufen.
Koreas Megastar Jung Ho-yeon als smarte Polizistin
Der besagte Polizist Seok ist eine der beiden Hauptfiguren des Films, zusammen mit seiner Kollegin Yim. Sie wird vom koreanischen Megastar Jung Ho-yeon gespielt.
Diese Yim ist eine typische Thriller-Slasher-Filmfigur: jung, gutaussehend, smart und cool, kann sie intuitiv und versiert mit allen möglichen Formen von Waffen umgehen. Sie schafft es dann tatsächlich, dieses zunächst unverwundbar scheinende Wesen schwer zu verwunden. Als typisches Filmmonster ist es aber so leicht nicht totzukriegen.
Eine Zusammensetzung unserer Urängste
Kurz zuvor haben wir es das erste Mal gesehen: kräftig und schnell, menschenähnlich, aber viel größer und von grün-brauner Hautfarbe. Sein Gebiss ähnelt einem Piranha. Es hat zottelige lange Haare, ist auch ziemlich schmutzig – ohne Frage eine Zusammensetzung all unserer Urängste: Horror, Schrecken, Ekel, Schmutz, Nacktheit.
Nun wird das verwundete Wesen von Menschen gejagt. In dieser Umkehrung kann man durchaus auch einen Kommentar auf die Gegenwart sehen, auf Gewaltbereitschaft, Militarisierung und untergründige Instinkte moderner Gesellschaften. Viele Koreaner haben Waffen zur Hand, die Polizei ist brutal.
Es folgt eine ununterbrochene Verfolgungsjagd voller Kollateralschäden an Menschen und Material. Dann wird das Monster tatsächlich zur Strecke gebracht. Aber jetzt geht alles erst richtig los.
Vom Monsterfilm zum Science-Fiction-Epos
Immer weiter und weiter und weiter in verschiedenen Settings, mit immer neuen aufregenden Bildern und kleinen Plotwendungen entwickelt sich „Hope“ zu einem großen dystopischen Science-Fiction-Epos mit Kaisern, Prinzen und Figuren, die entschlossen sind, das Schicksal der Menschheit in die Hand zu nehmen.
Zugleich wird die pathetische Sinnleere von US-Blockbustern ironisiert – ohne diese je verächtlich zu machen.
Die große Leistung des Films liegt genau in seiner frenetischen und nahezu unerschöpflichen Bewegung. Das Gefühl von Geschwindigkeit, Wucht und Chaos ist mit außergewöhnlicher Präzision choreografiert.
In einem Moment, in dem das US-amerikanische Actionkino in erschöpften Formeln und Franchises gefangen zu sein scheint, erscheint „Hope“ wie der Versuch, alles niederzureißen: ein Film, der das Actionkino bis an die äußerste Grenze von Exzess und visuellem Delirium vorantreibt.
Kinomomente
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