Mit einem schauspielerisch herausragenden Ensemble bringt „Tanzende Idioten“ das Thema Sterben sehr überraschend und ungewöhnlich auf die Bühne. Der Regisseur und Autor Thorsten Lensing erzählt die Geschichte der todkranken Goldie, die Besuch von ihrem Vater und dessen neuer Flamme bekommt.
Von oben donnern Holzbretter auf die Bühne herunter, sofort duftet der ganze Raum nach frischem Holz. Mit diesen Brettern lässt sich die todkranke Goldie, beeindruckend gespielt von Ursina Lardi, ein Haus bauen. Sie holt sich die Natur nach drinnen, weil sie ohne fremde Hilfe nicht mehr rausgehen kann.
Kurz darauf taucht ihr Vater Tony mit seiner neuesten Flamme Vivian auf, mit der er auf dem Weg in den Urlaub ist. Zwei alte Menschen, die noch einmal aufbrechen und jede verbleibende Minute ihres Lebens voll auskosten wollen. Und dazwischen schleicht und pirscht Kater Apollo über die Bühne. Er wirft seinen eigenen distanzierten Blick auf die ganze Situation und kommentiert sie mit ausdrucksstarken Gesten.
Das wird mich beruhigen, ich liebe Baulärm.
„Tanzende Idioten“ ist überraschend komisch
Das ist das Setting, in dem Thorsten Lensing das Thema Sterben und Tod verhandelt und inszeniert. Überraschend ironisch und komisch wird es etwa, wenn die in die Jahre gekommene Vivian ihrem neuen Partner Tony von ihren diversen Exmännern und ihren verschiedenen Ein- und Durchschusslöchern erzählt.
Ob man da noch am Leben sein könne, fragt der neue Partner sie. Ihre Antwort ist dabei vielmehr eine Rückfrage: „Sieht man das nicht.“ Das Publikum lacht.
Karin Neuhäuser gibt grandios die frisch verliebte Vivian. Im karierten Hemd und mit knallrot geschminkten Lippen zieht sie Schnuten wie ein beleidigter Teenager. Sie vergräbt die Hände in den Jeans, kann kaum stillstehen, immer auf dem Sprung.
Überhaupt lebt dieser Abend von dem sensationell aufspielenden Ensemble. Dazu gehört auch André Jung als Tony. Er gibt den lieblosen, eher aufs eigene Vergnügen bedachten Vater, der seine Tochter früh zurückgelassen hat.
Der Kater Apollo als Beobachter
Stundenlang könnte man dem Schauspieler Sebastian Blomberg zusehen. Wortlos stolziert er auf allen vieren als Kater Apollo über die Bühne, wälzt sich im Spiel mit einer Plastikfolie und beobachtet das Geschehen mit katzenhaft zuckenden Augenbrauen und ruckartigen Kopfbewegungen. Schließlich steigert sich das Spiel in einen rauschhaften Tanz.
„Tanzende Idioten“, die sich fragen, wie das Sterben wohl sein könnte. Die es als unzumutbar empfinden und es letztlich niemals begreifen können. Vielleicht trösten sie sich deshalb im rauschhaften Tanz. Thorsten Lensing zeigt die Verzweiflung, das Ausgeliefertsein und die Einsamkeit, wenn es ans Sterben geht, und das Aufbäumen der Menschen dagegen.
Eingestreut ist ein kleiner Ausflug auf den Mond, bei dem Originalzitate von Neil Armstrong zu hören sind. Denn die todkranke Tochter Goldie ist ein Fan der Apollo-Missionen zum Mond.
Sterben als nüchterner Akt
Das Ende von Goldie kommt dann wenig dramatisch und erstaunlich nüchtern. Sie hört auf ihre letzten Herzschläge: „Bum, bum, schöner können sie gar nicht kommen, ich bin jetzt mitten im letzten Atemzug meines Lebens, auch das ist in Ordnung.“
„Tanzende Idioten“ ist eine tragikomische Konfrontation mit der schwierigen Frage nach dem eigenen Sterben. Ein paar Längen weist der Abend auf, doch das brillante Ensemble lässt einen darüber hinwegsehen.
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