Ein atemberaubender Filmmoment
Eine Familie: Zwei Töchter, eine alleinerziehende Mutter. Man sieht schnell, dass Alltag und Beiläufigkeit dieses Familienlebens nur ein schöner Beginn sind, ein Scheinfrieden, dass irgendetwas Besonderes hier bald passieren wird.
Als Jessie, die Ältere der Schwestern, nachts noch einmal die Wohnung verlässt, ahnt man schon, dass sie niemals wiederkommt. Sie wird sterben. Aber wie dies dann geschieht, ist ein atemberaubender Filmmoment.
Wie bei Antonioni (in "L'Avventura") ist es nur eine Kameradrehung, dann öffnet sich der Abgrund, und die Wirklichkeit beginnt zu taumeln. Ein Moment der Leere, ein Moment der absoluten Stille und des Stillstands der Zeit. Ein Moment der Everytime.
Ein reifer, ruhiger, rätselhafter Film
„Everytime“ von Sandra Wollner ist ein sehr reifer, sehr besonderer Film, ein Film, der alles was er erzählt, über Bilder erzählt, ohne deswegen auf Dialoge zu verzichten. Ein Film, der ruhig ist, genau im richtigen Moment langsam, aber auch im richtigen Moment schnell, ohne aus dieser Langsamkeit oder Schnelligkeit einen Fetisch zu machen.
Zugleich aber auch ein Film, der das Rätsel und die Rätselhaftigkeit an den Anfang stellt, ohne sich zu verrätseln. Genau genommen ist die Geschichte, die Handlung, sind die Figuren und ist das, was formal und mit Bildern erzählt wird, ganz einfach.
Wie Mutter und Schwester mit dem Tod umgehen
Es ist die Rätselhaftigkeit des Lebens. Erzählt wird von Trauerarbeit, davon, wie Mutter und Schwester mit dem Tod von Jessie umgehen.
Immer wieder ist alles möglich in diesem Film – eine wunderbare Erfahrung von Latenz. Nicht etwa einer Bedrohung. Der Umgang mit Gefühlen ist beiläufig und selbstverständlich.
Da unternimmt der Film auch eine Absage an die Rituale der deutschen Fernseh- und Filmüblichkeiten. Auch der Tod hat hier etwas Schmerzloses, etwas Vertrautes, und man spürt vor allem wann etwas passiert bevor es passiert. Das, was man nicht sieht, das muss man zeigen.
Experimentelles Kino
In „Everytime“ besteht klar der Wille, die Verbindungen zu Trauma, Abwesenheit und der möglichen Existenz einer anderen Dimension, die sich unserer gewöhnlichen Wahrnehmung entzieht, durch filmische Strategien aus den bildenden Künsten und dem experimentellen Kino zu entfalten.
Das Spiel mit Maßstäben, Distanzen und nichtmenschlichen Perspektiven. Eine gewisse narrative Entleerung. Die Neucodierung der Landschaft und die visuelle Kraft bestimmter Momente, die mit der Dominanz der Sonne verbunden sind. Wollner spielt auch mit dem Beunruhigenden, mit jener Grauzone zwischen Vertrautem und Fremdem.
Dies ist auch ein Film der schönen Bilder. Besonders im letzten Drittel des Films, der auf der Kanareninsel Teneriffa spielt, und der nur scheinbar traurigen Geschichte durch eine Totenbeschwörung, ein Reenactment des Lebens ein Happy End schenkt.
Eine Offenbarung: Shirin Keiling als Tochter Melli
Tochter Melli (die Kinderdarstellerin Shirin Keiling ist eine Offenbarung) wird zur Heldin und Hauptfigur des Films. Die Sonne wird eine Weile quadratisch und geht nicht unter, dann doch.
Die Welt ist aus den Fugen in dieser märchenhaften Geschichte, die sich, würde man sie nacherzählen, verrückter anhört, als man sie beim Zuschauen erlebt. Regisseurin Sandra Wollner, eine Österreicherin, die in Berlin lebt, wo der Film auch zum Teil gedreht wurde und eines der großen Talente des europäischen Films, zeigt vor allem die Magie des Kinos, das eben sogar vermag, Wirklichkeit zu verändern und Tote wieder zum Leben zu erwecken.
Im Kino, jedenfalls dem von Sandra Wollner, ist alles möglich. Und alles hat einen Sinn und eine Bedeutung in diesem Film. Ein mutiges, großes Kinoerlebnis voll poetischer Kraft.
Der Film „Everytime“ startet am 6. August 2026 in Deutschland im Kino.
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