Dokumentation „Was haben wir gelacht“

Sexismus, Klischees und Herrenwitze: Was Frauen im Unterhaltungsfernsehen der 90er-Jahre erlebten

Wer lacht – und wer wird ausgelacht? Der Dokumentarfilm blickt auf die TV-Unterhaltungskultur der 90er-Jahre und zeigt, wie eng Humor, Geschlechterrollen und Macht miteinander verknüpft waren. Mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Wer hat gelacht? Und wer war der Witz?

Wer bestimmt eigentlich, worüber gelacht wird? Denn wer das bestimmt, hat Macht – und die hatten Frauen im deutschen Fernsehen der 1990er-Jahre nicht gerade im Überfluss. Wer durfte lachen – und wer war der Witz? 

Eva Müllers und Isabel Schneiders Dokumentarfilm stellt die richtigen Fragen. Mit scharfem Blick auf die Fernsehunterhaltung der 1990er erzählt der Dokumentarfilm von Frauen, die sich ihren Platz vor der Kamera und hinter den Pointen erkämpften.

Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger und andere erinnern sich an eine Zeit, in der Humor eindeutig männlich dominiert war. 

Offenes Antatschen als Unterhaltung

Das gezeigte Archivmaterial wirkt heute wie eine Reise in die Abgründe des Offensichtlichen: „Mini ist wieder in“, Assistentinnen mit „Tendenz zur Hintergründigkeit“, offenes Antatschen, Frauen als Dekoration.

Der Film zeichnet das Bild einer Fernsehwelt, in der viele Männer auf wenige Frauen kamen. Letztere waren meist Ansagerinnen oder Assistentinnen und wurden auf ihre äußerliche Attraktivität reduziert.

Esther Schweins nennt ihre damalige Normschönheit etwas eitel „meine Misere“. Maren Gilzer steht als „Glücksrad“-Fee exemplarisch für dieses Rollenbild. Bettina Böttinger bewundert rückblickend die Professionalität jener Frauen: „Die lächelten einfach durch.“

Gleichzeitig zeigen Archivaufnahmen, wie manche bei „Herrenwitzen“ kurz die Fassung verlieren, bevor das routinierte Lächeln zurückkehrt.

Hella von Sinnen und Thomas Gottschalk in einer Szene des Films in "Was haben wir gelacht"
Hella von Sinnen und Thomas Gottschalk in einer Szene des Films in „Was haben wir gelacht“ (undatierte Filmszene). picture alliance/dpa/Port au Prince Pictures | ---

Wer nicht mitlacht, gilt als Spaßbremse

Vor diesem Hintergrund verfolgt der Film die Karrieren ihrer Protagonistinnen: Sie berichten davon, wie sie eigene Texte und neue Perspektiven in die Comedy einbringen.

Themen wie Abtreibung oder Vergewaltigung, Alltagssexismus und Menstruationsprobleme sind aber noch keineswegs ein „weiblicher Blick“. Im Gegenteil reproduzieren sie die Sexualisierung von Frauen eher – nur aus neuer, nun weiblicher Perspektive. 

Gerade diese Film-Passagen über Körperscham und Weibchen-Stereotype sind selbstkritisch und kennen keine einfachen Urteile.

Humor als Machtinstrument

Besonders überzeugend ist der Film immer dort, wo er Humor als Machtinstrument versteht. Maren Kroymann beschreibt, wie Kritik an sexistischen Witzen selbst zur Zielscheibe wurde: Wer widersprach, galt schnell als humorlose Spielverderberin. 

Maren Kroymann am 27.4.1996  als „Nachtschwester Kroymann“ im TV-Programm von Radio Bremen
Maren Kroymann am 27.4.1996 als „Nachtschwester Kroymann“ im TV-Programm von Radio Bremen © Archiv: Radio Bremen

Man erfährt, was feministische Bewegungen verändert haben – und wie viel heute lediglich subtiler geworden ist. Der Film vermeidet zugleich auch den üblichen Reflex, auf die Vergangenheit nur mit moralischer Überlegenheit zu blicken.

Was damals als harmloser Spaß galt, wirkt heute oft wie ein Affront. Jede Pointe ausschließlich nach heutigen Maßstäben zu bewerten, wäre allerdings ebenso verkürzt.

Ein kluges Stück Mediengeschichte

Ähnlich wie „Die Unbeugsamen“ die Politik über das Thema der Frauenbeteiligung neu vermessen hat, wird dieser Dokumentarfilm zu einer klugen Archäologie des Gelächters im deutschen Fernsehen und fragt nach den Machtverhältnissen hinter dem Humor.

Ein unterhaltsames, politisches Stück Mediengeschichte, bei dem einem das Lachen immer wieder im Hals stecken bleibt – und das am Ende die beunruhigende Frage stellt: Übersehen wir heute vielleicht genauso viel wie damals?

Trailer „Was haben wir gelacht“, Kinostart 16. Juli

WAS HABEN WIR GELACHT (Trailer) | Ab dem 16. Juli im Kino

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Rüdiger Suchsland